Rekord bei Studium ohne Abitur

22.03.2017
Von wegen «zum Studieren braucht man Abi»: Über 50 000 an deutschen Unis haben keines. Als beruflich Hochqualifizierte oder über spezielle Prüfungen können sie sich den Traum doch erfüllen.
Um sich an einer Hochschule zu immatrikulieren, braucht man nicht immer das Abitur. 51 000 Studenten schafften es 2015 ohne diesen Abschluss. Foto: Jens Kalaene/dpa
Um sich an einer Hochschule zu immatrikulieren, braucht man nicht immer das Abitur. 51 000 Studenten schafften es 2015 ohne diesen Abschluss. Foto: Jens Kalaene/dpa

Gütersloh (dpa) - Jeder vierzigste Erstsemester an deutschen Hochschulen hat kein Abitur. Die Gesamtzahl der Studierenden ohne allgemeine Hochschul- oder Fachhochschulreife stieg 2015 auf den Höchststand von 51 000, wie das Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) berichtete.

Angesichts von bundesweit 2,8 Millionen Studenten ist die Quote derjenigen, die als beruflich besonders Qualifizierte, über Zulassungs- und Begabtenprüfungen oder per Probestudium zu Uni gehen, mit 1,8 Prozent aber immer noch gering.

Eine positive Entwicklung zeigt sich bei den Studienabschlüssen: 1,3 Prozent aller Hochschulabsolventen in Deutschland haben mittlerweile das Studium ohne vorheriges Abitur erfolgreich beendet - ein neuer Höchstwert gegenüber den Vorjahren auch hier. Zwischen 2010 und 2015 erwarben insgesamt rund 25 000 Studierende ohne allgemeine Hochschul- oder Fachhochschulreife einen akademischen Abschluss.

Wie CHE-Expertin Sigrun Nickel erläuterte, hat sich «die Zahl der Hochschulabsolventen, die über den beruflichen Weg ins Studium gelangt sind, in den zurückliegenden Jahren kontinuierlich gesteigert». Die Hochschule mit den meisten Erstsemestern ohne eigentliche Zugangsberechtigung war die Fernuniversität Hagen. Interessierten stehen bundesweit knapp 7000 Studienangebote offen.

Während in Westdeutschland die Zahl der Studienanfänger ohne Abi leicht zurückging, wurden im Osten laut CHE besonders in den Ländern Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen deutlich mehr beruflich qualifizierte Erstsemester registriert. Die Länder mit dem höchsten Anteil sind Hamburg, Nordrhein-Westfalen und Berlin. Dabei steht den Angaben zufolge für solche Studierende der Bachelorabschluss im Vordergrund - nur 7 Prozent belegen einen Masterstudiengang. Innerhalb der gesamten Studierendenschaft ist es jeder Vierte.

Webseite Studieren ohne Abitur

Studieren ohne Abitur? Was früher undenkbar war, machen mittlerweile immer mehr Berufstätige. Kim-Maureen Wiesner vom Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) gibt Antworten auf die wichtigsten Fragen:

Für wen ist das etwas?

Ein Studium ohne Abi kommt infrage, wenn jemand eine Aufstiegsfortbildung wie den Meister oder Techniker gemacht hat. Eine andere Möglichkeit ist, dass Berufstätige eine Ausbildung erfolgreich abgeschlossen und mindestens zwei oder drei Jahre Berufserfahrung haben. Die Voraussetzungen variieren laut Wiesner aber je nach Bundesland. Einige Hochschulen fordern zusätzlich eine Eignungsprüfung. Einen guten Überblick bietet die Seite www.studieren-ohne-abitur.de des Centrums für Hochschulentwicklung.

Wo können Interessierte sich informieren?

Viele Hochschulen bieten inzwischen spezielle Studienberatungen für Menschen an, die ohne Abi an die Hochschule wollen. Das ist vor allem sinnvoll, wenn man schon weiß, welche Hochschule für einen infrage kommt. Daneben gibt es die Möglichkeit, sich bei den Agenturen für Arbeit oder bei den Handwerks- oder Industrie- und Handelskammern zu informieren. Außerdem gibt es regionale Beratungsangebote wie die Servicestelle offene Hochschule Niedersachsen.

Wie viel zeitlichen Vorlauf brauchen Berufstätige?

Man sollte laut Wiesner mindestens ein Jahr einplanen. So lange brauchen Berufstätige, um Infos zu sammeln, die Finanzierung zu klären und die Bewerbung fertigzustellen.

Welche Finanzierungsmöglichkeiten gibt es?

Berufstätige werden in vielen Fällen kein Bafög bekommen, sagt Wiesner. In der Praxis unterstützten viele Arbeitgeber Berufstätige bei ihrem Wunsch, ohne Abi an die Uni zu gehen. Außerdem gibt es spezielle Stipendien für diese Zielgruppe etwa von der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. Und es gibt oft die Option, einen Studienkredit aufzunehmen.


Verfasser: dpa-infocom GmbH

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