Möglichst früh Hilfe bei Überschuldung suchen

27.10.2021
Wenn der Vermieter mit Räumung droht oder sich bereits der Gerichtsvollzieher angekündigt hat, ist es oft zu spät für die Schuldnerberatung. Doch wann muss man handeln?
Durch die Corona-Pandemie geraten immer mehr Menschen in Deutschland in finanzielle Not. Das zeigt eine Umfrage bei den Schuldnerberatungsstellen. Foto: Peter Steffen/dpa
Durch die Corona-Pandemie geraten immer mehr Menschen in Deutschland in finanzielle Not. Das zeigt eine Umfrage bei den Schuldnerberatungsstellen. Foto: Peter Steffen/dpa

Düsseldorf/Berlin (dpa/tmn) - Das Konto ist überzogen, die monatlichen Rechnungen sind aber nicht beglichen: Wer beginnt, mit seinen finanziellen Verpflichtungen zu jonglieren, ist auf dem besten Weg in die Überschuldung. Wer erste Anzeichen erkennt, sollte sofort eine Schuldnerberatung aufsuchen.

«Erfahrungsgemäß gehen viele Menschen zu spät in die Beratungsstelle», sagt Christoph Zerhusen von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Nämlich dann, wenn die Zahlungsunfähigkeit schon eingetreten ist.

Besser sei es, sich möglichst früh Hilfe zu suchen, sagt Ines Moers von der Bundesarbeitsgemeinschaft Schuldnerberatung (BAG-SB). Das könne zum Beispiel sein, wenn ein Inkassoschreiben mit unerwartet hohen Kosten ins Haus flattert oder der Gerichtsvollzieher die Abgabe einer Vermögensauskunft fordert.

Anerkannte Beratungsstellen arbeiten meist kostenlos

Gute Anlaufadressen für Schuldnerberatungen sind Wohlfahrtsverbände, Kommunen und Verbraucherzentralen. «Wichtig ist, darauf zu achten, dass die Beratungsstelle amtlich anerkannt ist», sagt Zerhusen. Unter www.meine-schulden.de sollen Schuldner ab Jahresende in einem Adressverzeichnis geeignete Beratungsstellen finden können. Aktuell stehen auf der Webseite zum Beispiel Informationen darüber bereit, wie die Schuldnerberatung abläuft.

Vorteil der anerkannten Beratungsstellen: Sie arbeiten in der Regel kostenlos. «Wo doch Kosten anfallen, sollten diese auf jeden Fall vor Beginn der Beratung geklärt werden, damit es am Ende keine bösen Überraschungen gibt», sagt Zerhusen. In ganz Deutschland bestehe aber ein sehr gut ausgebautes gemeinnütziges Angebot in öffentlicher Trägerschaft.

Achtung bei Lockangeboten im Netz

Achtung: Gerade im Internet werben viele Anbieter mit schneller Beratung und kostenlosem Erstgespräch. Oft seien das aber Lockangebote, an die teure Beratungsverträge geknüpft sind, warnt Moers. Sie rät: «Lassen Sie sich darauf nicht ein - eine gute Schuldnerberatung muss nichts kosten!»

Wie schnell man einen Termin bei der Schuldnerberatung bekommt, ist regional sehr unterschiedlich. Mitunter liegen die Wartezeiten laut Moers bei bis zu acht Monaten. Wer allerdings in eine existenzbedrohende Situation geraten ist - zum Beispiel bei Kontopfändung oder drohendem Wohnungsverlust -, sollte bei der Terminanfrage unbedingt darauf hinweisen. Für solche Fälle böten fast alle Beratungsstellen eine kostenfreie und sofortige Notfallberatung an, sagt Moers.

Immer mehr Menschen in finanzieller Not

Die Schuldnerberatungsstellen verzeichneten im ersten Halbjahr 2021 im Vergleich zum Aufkommen vor der Pandemie einen deutlichen Anstieg der Anfragen nach Beratung. Das ergab eine Umfrage der Arbeitsgemeinschaft Schuldnerberatung der Verbände.

«Die steigende Nachfrage nach sozialer Schuldnerberatung ist alarmierend», so Maria Loheide, Vorstand Sozialpolitik der Diakonie Deutschland. Zu Beginn der Pandemie hätten sich viele Menschen noch durch Rücklagen oder privat geliehenes Geld finanziell über Wasser halten können. Inzwischen könnten viele ihre Überschuldung aber nicht mehr ausgleichen.

Häufig Selbstständige und Personen in Kurzarbeit betroffen

Laut Umfrage stiegen bei über zwei Dritteln der befragten Beratungsstellen die Anzahl der Anfragen im Vergleich zum Zeitraum vor der Pandemie. Selbstständige und Personen in Kurzarbeit fragten vermehrt nach Schuldnerberatung. In über einem Viertel der Stellen sei die erhöhte Nachfrage nach Beratung auf Miet- und Energieschulden zurückzuführen.

Die künftige Präsidentin des Deutschen Caritasverbandes, Eva Welskop-Deffaa, forderte Ausgleichsmaßnahmen wie eine Klimaprämie. Es sei nicht zu verstehen, dass es einen Anspruch auf eine kostenlose Schuldnerberatung erst gebe, wenn Menschen keinen Job mehr hätten: «Wir brauchen einen Rechtsanspruch auf Schuldnerberatung für alle.»

Zur Arbeitsgemeinschaft zählen unter anderen der Arbeiterwohlfahrt Bundesverband, der Deutsche Caritasverband, der Deutsche Paritätische Wohlfahrtsverband und die Diakonie.

© dpa-infocom, dpa:211027-99-753203/3


Verfasser: dpa-infocom GmbH

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