Kein schneller Zinsanstieg bei Lebensversicherungen erwartet

28.06.2022
Die Zinsen am Kapitalmarkt steigen angesichts des strafferen Geldpolitik der Notenbanken. Doch bis Kundinnen und Kunden von Lebensversicherungen davon profitieren, dürfte es noch eine Weile dauern.
Die Inflation und die eingetrübten Konjunkturaussichten dämpfen nach Einschätzung der Ratingagentur Assekurata die Nachfrage nach Lebensversicherungsprodukten. Foto: Jens Büttner/dpa-Zentralbild/dpa
Die Inflation und die eingetrübten Konjunkturaussichten dämpfen nach Einschätzung der Ratingagentur Assekurata die Nachfrage nach Lebensversicherungsprodukten. Foto: Jens Büttner/dpa-Zentralbild/dpa

Köln (dpa) - Kunden klassischer Lebensversicherungen können nach Einschätzung von Branchenexperten trotz der Zinswende am Kapitalmarkt vorerst nicht mit höheren Zinsen im großen Stil rechnen. Eine schnelle Erhöhung der Überschussbeteiligung sei nicht zu erwarten, sagte Lars Heermann, Experte der Ratingagentur Assekurata am Dienstag.

Die Überschussbeteiligung, die Assekuranzen je nach Wirtschaftslage und Erfolg ihrer Anlagestrategie jedes Jahr neu festsetzen, ist ein wichtiger Teil der laufenden Verzinsung des Altersvorsorgeklassikers.

Lebensversicherer müssen Zinsgarantien aus Altpolicen absichern

Zwar werden Lebensversicherer durch die steigenden Zinsen beim Aufbau eines Kapitalpuffers, der sogenannten Zinszusatzreserve (ZZR),entlastet. Die frei werdenden Gelder dürften nach Einschätzung von Assekurata aber zunächst zum Abbau stiller Lasten in der Bilanz genutzt werden. Wegen der jahrelangen Zinsflaute müssen Lebensversicherer seit 2011 Geld zur Absicherung der hohen Zinsgarantien aus Altpolicen zurückstellen.

«Die zuletzt abrupt gestiegenen Zinsen führen zu einer völlig neuen Situation, da der branchenweite Referenzzins für ZZR-Zuführungen nicht weiter sinkt», erläuterte Heermann. «Dies hat zur Folge, dass viele Lebensversicherer den Höchstwert an ZZR nun bereits erreicht haben.» Im vergangenen Jahr führte die Branche den Angaben zufolge noch 10 Milliarden Euro dem Kapitalpuffer zu, der damit auf insgesamt rund 97 Milliarden Euro Ende 2021 wuchs. In diesem Geschäftsjahr dürfte die Branche erste Rückflüsse aus dem Kapitalpuffer erhalten, erwarten die Experten.

Keine steigenden Überschussbeteiligungen zu erwarten

Ähnlich argumentierte jüngst auch die Deutsche Aktuarvereinigung. Die Versicherungsmathematiker gehen ebenfalls nicht davon aus, dass Kundinnen und Kunden von Lebensversicherungen kurzfristig mit steigenden Überschussbeteiligungen rechnen können.

Assekurata zufolge haben die Lebensversicherer etwa 77 Prozent ihrer Kapitalanlagen in festverzinslichen Anlagen investiert, deren Zinsen zuletzt deutlich gestiegen sind. Als Gründe für den Anstieg gelten die straffere Geldpolitik der US-Notenbank Fed, aber auch die Aussicht auf Zinserhöhungen der Europäischen Zentralbank.

Die Inflation und die eingetrübten Konjunkturaussichten dämpfen nach Einschätzung von Assekurata zugleich die Nachfrage nach Lebensversicherungsprodukten. «Die hohe Inflation schränkt die Sparmöglichkeiten vieler Bürger ein und zehrt an der Realverzinsung der Policen», erläuterte Geschäftsführer Reiner Will. Zugleich könnten Bankprodukte bei steigenden Zinsen wieder attraktiver werden, wobei sich der Effekt normalerweise erst zeitversetzt einstelle, wenn die Institute höhere Zinsen an ihre Kunden weitergäben. Für dieses Jahr rechnet Assekurata mit einem Rückgang des Prämienbestandes in der Lebensversicherung von einem Prozent.

© dpa-infocom, dpa:220628-99-833887/2

Assekurata-Marktausblick


Verfasser: dpa-infocom GmbH

KEYWORDS

TEILEN


Das könnte Sie auch interessieren
Die Zinsflaute an den Kapitalmärkten verheißt Lebensversicherungskunden wenig Erfreuliches. Foto: Armin Weigel/Illustration Bei Lebensversicherungen droht wieder Zinsrückgang Wie hoch fällt das Zusatzplus im Alter aus? Die Zinsflaute an den Kapitalmärkten verheißt Lebensversicherungskunden wenig Erfreuliches.
Die Finanzaufsicht Bafin hält derzeit rund 40 der mehr als 130 Pensionskassen und rund 20 von 80 Lebensversicherern unter verschärfter Beobachtung. Foto: Boris Roessler/dpa Corona setzt Altersvorsorge unter Druck Die Corona-Pandemie lässt ein Ende der Zinsflaute in weite Ferne rücken. Das bedeutet nichts Gutes für die Altersvorsorge. Denn Pensionskassen und Lebensversicherer geraten immer mehr in Bedrängnis.
Vielen Infoschreiben zur Lebensversicherung fehlt es an Übersichtlichkeit, beklagen Verbraucherschützer. Foto: Jens Büttner/dpa-Zentralbild/dpa Infoschreiben zu Lebensversicherung oft unverständlich Was bekomme ich bei meiner Lebensversicherung am Ende heraus? Seit Sommer 2018 müssen Lebensversicherer ihre Kunden darüber besser informieren. Verbraucherschützer sehen allerdings noch «Luft nach oben».
Deutsche legen ihr Geld derzeit gern in Lebensversicherungen an. Allerdings müssen sich Kunden darauf einstellen, dass die Rendite weiter sinkt. Foto: Armin Weigel/dpa Kunden zahlen Milliarden in Versicherungen ein Der Altersvorsorgeklassiker Lebensversicherung erlebt einen ungeahnten Boom. Meist bringt das Geld dort noch immer mehr Ertrag als auf der Bank. Doch die Rendite dürfte weiter sinken.