Sounddesign bei Elektrofahrzeugen

15.12.2020
Elektrofahrzeuge fahren leise, der Gesetzgeber schreibt ein Geräusch jedoch vor. Wie das klingt, ist den Soundingenieuren der Hersteller überlassen. E-Autos geben allerdings noch mehr Töne von sich.
Klangverschiebung: Künftige E-Autos wie der Mercedes EQS (im Bild noch als Studie) sollen zwar grundsätzlich so leise wie möglich rollen, aber auch emotionalere Fahrsounds zur Verfügung stellen können. Foto: Daimler AG/dpa-tmn
Klangverschiebung: Künftige E-Autos wie der Mercedes EQS (im Bild noch als Studie) sollen zwar grundsätzlich so leise wie möglich rollen, aber auch emotionalere Fahrsounds zur Verfügung stellen können. Foto: Daimler AG/dpa-tmn

München/Wolfsburg (dpa/tmn) - Ein leises Pfeifen rollt auf der Straße heran, ein völlig ungewohntes Geräusch. Wie eine fliegende Untertasse wirkt es oder wie das Raumschiff Enterprise aus «Star Trek». E-Autos klingen anders als konventionelle - und das ist durchaus gewollt.

Bei Elektroautos findet ein Umdenken statt: «Jahrelang haben Hersteller versucht, ihre Fahrzeuge leiser zu machen. Jetzt müssen sie sie absichtlich mit einem Klang versehen», sagt Stefan Sentpali, Professor für Akustik, Dynamik und Fahrzeugtechnik an der Hochschule München.

E-Autos fahren so leise an, dass Unfälle passieren können. Daher verlangt der Gesetzgeber eine akustische Signalwirkung, das sogenannte Approaching Vehicle Alert System (AVAS),für neu typenzugelassene Hybrid- und Elektrofahrzeuge. Innerhalb der EU müssen alle Fahrzeuge bis 20 km/h sowie beim Rückwärtsfahren einen Geräuschpegel von mindestens 56 dB und maximal 75 dB produzieren, der Schall muss dabei kontinuierlich sein. Nur so können andere Verkehrsteilnehmer, auch Sehbehinderte, die Fahrzeuge genau verorten.

Knarzen oder Leiern darf die Klangkulisse nicht

«Wie die Autos genau klingen, obliegt den Herstellern. Das kann emotional oder nüchtern sein, wichtig ist nur, dass es sich nach einem Fahrzeug anhört», erklärt Professor Sentpali.

Klänge helfen Menschen seit Jahrtausenden bei der Einordnung von Eigenschaften und dienen der Orientierung. «Menschen haben eine gewisse Erwartungshaltung, wie sich ein Objekt anhört», sagt Sentpali. Das gelte auch für ein E-Auto: «Der Sound muss hochwertig sein, darf nicht knarzen oder leiern. Das verbinden wir mit Schad- und Störgeräuschen.» Die Frage sei nur, wie sich E-Fahrzeuge genau anhören sollen, denn Erfahrungswerte dazu gab es bisher nicht.

«Menschen wissen, wie Fahrzeuge in Science-Fiction-Filmen klingen. Daran werden sie sich auch bei E-Fahrzeuge orientieren. Die klingen bis zu zwei Oktaven höher, hochfrequenter, wie ein leises, angenehmes Pfeifen», sagt Professor Sentpali. Die Gestaltungsmöglichkeit liege nicht beim Grundton, sondern bei den Obertönen.

Sounddesign mit Musikerhilfe

Indra Kögler ist Sound-Designerin bei Volkswagen. Gemeinsam mit Klaus Zyciora, Leiter des Designs für den VW-Konzern, und dem Musiker Leslie Mandoki hat VW in den vergangenen Jahren einen futuristischen Sound für seine Elektro-Reihe ID entwickelt.

Gutes Sounddesign funktioniert nur, wenn es hilft und nicht aufdringlich ist. Die Kunst sei es, einen Sound für verschiedene Gruppen zu schaffen, den alle als angenehm und nicht störend empfinden: «E-Mobilität fühlt sich anders an und fährt sich anders, deshalb kann sie auch anders klingen», erklärt Zyciora. «Wir wollten bei der ID-Familie ein Soundprofil schaffen, das charakterstark, futuristisch und anders als bei konventionellen Fahrzeugen klingt. Passanten sollen gleich hören, dass die Zukunft vorbeifahrt.»

Groß und Klein lassen sich auch am Klang erkennen

Künftige ID-Modellreihen werden sich bei den Klängen allerdings unterscheiden. «Je nach Größe des Modells hören sich die Fahrzeuge anders an. Ein Kleinwagen macht heute auch andere Geräusche als eine große Limousine», erklärt Indra Kögler.

Auch im Innenraum klingen die E-Autos neuartig, zum Beispiel bei den Warnklängen und Rückmeldungen der Sprachsteuerung. «Der Innenraum muss in die neue Zeit passen, dazu zählt das Blinkergeräusch und der Fahrbereitschaftsklang, der die Insassen mit seinen lebendigen und beruhigenden Tönen umarmt», beschreibt Indra Kögler das Ziel.

Für Thomas Küppers muss ein E-Fahrzeug vor allem innen anders klingen: «E-Maschinen arbeiten leise, das kommt dem Innenraum zugute. Das schönste Geräusch im Auto ist doch die absolute Ruhe», sagt der Mercedes-Sounddesigner. Mercedes legt daher großen Wert auf einen nahezu geräuschfreien Antrieb. In künftigen Elektromodellen wie EQS und EQE soll es aber auch emotionale Fahrsounds geben, die sich beim Beschleunigen verändern. Fünf Sounddesigner entwickeln dafür Klangwelten - nicht im Studio, sondern in den jeweiligen Fahrzeugen.

«Eine akustische Rückmeldung des Motors schafft für viele Fahrer zusätzliches Vertrauen und ein echtes Fahrerlebnis», sagt Küppers. Denkbar seien verschiedene wählbare Klangwelten oder Sound-Pakete, die sich wie Radiosender verstellen lassen. Dazu zählen unaufgeregte, klassische, puristische wie auch futuristische und expressive Töne. Wichtig sei bei allen Klängen, dass sie ohne störende Resonanzen reproduzierbar sind und hochwertig klingen.

Die Töne kommen nicht einfach aus der Konserve

Zur Soundfamilie in einem E-Auto gehören die Begrüßung, das Starten, die Fahrbereitschaft, Fahrstufe einlegen, Fahrprogrammwechsel und die Antriebsstranggeräusche. Die Fahrgeräusche sind keine fertigen MP3- oder Wave-Dateien, sondern individuelle Klänge einer Echtzeitberechnung. «Je nach Fahrzustand ändert sich der Sound. Dahinter steckt eine große Rechenleistung», sagt Küppers.

Für den Außenbereich komponiert Mercedes als AVAS keinen herausstechenden Markensound. «Unsere gesetzlich vorgeschriebenen Warngeräusche beschränken sich auf einen synthetischen rauschartigen Rollgeräuschcharakter», erklärt Küppers. Je nach länderspezifischer Gesetzgebung könnten sie ab etwa 20 bis 30 km/h den Sound langsam runterregeln: «Wir wollen keine unnötigen Geräusche produzieren, weil wir damit das Potenzial verschenken, Städte leiser zu machen.»

Renzo Vitale ist für den E-Auto-Sound bei der BMW Group verantwortlich. Beim Mini Electric zählen dazu das vorgeschriebene Fahrgeräusch sowie die Klänge im Innenraum. «Ich versuche, die ästhetischen Elemente und Stimmungen, die einen Mini ausmachen, in Klänge umzusetzen», sagt Vitale. Das klinge abstrakt, funktioniere aber mithilfe einer Übersetzung des Lichtfeldes in ein Klangfeld: «So klingen Lichtreflexionen auf dem Wasser diffus und weich.»

Der Sound kann sich mit dem Tempo ändern

Schon beim Starten soll der elektrische Mini überraschen. Subtil ist ein zwei Sekunden langer Sound zu hören. «Im Stand soll das E-Auto freundlich, leicht und hell klingen, beim Fahren sportlich und dynamisch», sagt Vitale. «Das einzige, was wir von konventionellen Antrieben behalten, ist das Verhältnis von Sound zu Drehzahl und zu Geschwindigkeit», sagt Vitale.

Bei künftigen E-Autos von BMW soll die akustische Rückmeldung an Bedeutung gewinnen. Mit Hollywood-Filmkomponist Hans Zimmer entwickelt Vitale für kommende Modelle verschiedene Klangkulissen für den Innenraum, die für ein noch emotionaleres Fahrerlebnis sorgen sollen: «Damit wird der Fahrer zum Komponisten und das Auto zum Instrument, so dass ein wirklich tolles Klangerlebnis entsteht.»

© dpa-infocom, dpa:201214-99-686374/6

Link zu ID-Soundbeispiel von VW

Link zu Beispiel von E-Auto-Sound von BMW


Verfasser: dpa-infocom GmbH

KEYWORDS

TEILEN


Das könnte Sie auch interessieren
Fürs urbane Umfeld entwickelt: Wie es aber mit dem knubbeligen e.GO Life weitergeht, ist noch ungewiss. Foto: e.GO Mobile AG/dpa-tmn Mini-E-Mobile für die Stadt 70 Kilometer Reichweite und gerade mal 45 km/h: Tesla-Fahrer mögen darüber lachen. Doch mehr braucht es nicht in der Stadt. Können Mini-Autos E-Mobilität auch ohne Förderung halbwegs bezahlbar machen?
Frischer Saft gefällig? Manche sehen im Plug-in-Hybrid eine Brückentechnologie, die auch Skeptikern die Reichweitenangst nehmen kann, also die Sorge, mit einem reinem E-Auto die Ladesäule nicht mehr rechtzeitig erreichen zu können. Foto: Jaguar Land Rover/dpa-tmn Plug-in-Hybride: Saubere Sache oder Dreck am Stecker? Schritt in die E-Mobilität oder staatlich subventionierter Klimabetrug? An Plug-in-Hybriden scheiden sich manche Geister. Die Teilzeitstromer sind nur so umweltfreundlich wie ihre Fahrer.
Strom tanken, zapfen oder laden? Wie auch immer. Fest steht, dass die Elektromobilität viele neue Begriffe in den Alltag der Autofahrer bringt. Foto: Karl-Josef Hildenbrand Das große Glossar rund ums E-Auto CCS, Range-Extender und PSM: Wer sich mit Elektroautos beschäftigt, trifft auf Begriffe, die mehr nach Raumfahrt als nach Straßenverkehr klingen. Unwissenheit herrscht oft auch bei praktischen Fragen wie Tanken und Reichweite. Eine kleine Stromerkunde schafft Abhilfe.
Ein Ausflug in die Berge ist mit dem vollelektrischen BMW i3 möglich. Das Gute an Elektroautos: Beim Bergabfahren kann durch die Bremsenergie die Batterie wieder ein wenig aufgeladen werden. Foto: BMW Fahren E-Autos wirklich anders? Alle reden vom E-Auto, aber kaum einer fährt eins. Warum eigentlich? Am Fahrspaß kann es jedenfalls nicht liegen. Denn wer einmal ein E-Auto gefahren ist, will immer wieder.