«Minnie Finnie» und der American Dream

23.07.2019
Sie ist nicht so luxuriös wie eine alte S-Klasse und nicht so sportlich wie ein SL. Doch dafür ist die «kleine Heckflosse» absolut alltagstauglich und für einen über 50 Jahre alten Mercedes noch vergleichsweise bezahlbar - und besitzt mehr als nur Taxiflair.
Cruisen mit Stern: Im Mercedes W 110 lässt der Fahrer alle Hektik hinter sich und sein Pulsschlag wird irgendwann so ruhig wird wie der Sechszylinder, der ungerührt vor sich hin schnurrt. Foto: Daimler AG/dpa-tmn
Cruisen mit Stern: Im Mercedes W 110 lässt der Fahrer alle Hektik hinter sich und sein Pulsschlag wird irgendwann so ruhig wird wie der Sechszylinder, der ungerührt vor sich hin schnurrt. Foto: Daimler AG/dpa-tmn

Stuttgart (dpa/tmn) - Als erstes Auto mit einer wirksamen Knautschzone auf dem neuesten Stand der Technik, hat sich Mercedes beim Design des W 110 vor allem an den amerikanischen Straßenkreuzern jener Zeit orientiert.

Zwar ist er ein bisschen nüchterner als Cadillac & Co, doch erlaubt sich die Limousine deshalb zumindest zwei kleine Heckflossen, die ihr auch in den USA den Spitznamen «Fintail Mercedes» - Heckflosse - einbrachten.

In Europa Taxi und in Übersee für Langstrecken

Offiziell allerdings hat bei Mercedes den Begriff Heckflosse damals noch keiner in den Mund genommen, sagt Pressesprecher Ralph Wagenknecht von Mercedes-Benz Classic: «Sondern bei den markanten Heckflossen am Ende der hinteren Kotflügel wurde von Peilstegen gesprochen.» Der W 110 ist einer der Urväter der E-Klasse und gab seinen Einstand im August 1961. Zwar hat er sich bestens behauptet und sich immerhin mehr als 600.000 Mal verkauft, doch nicht einmal zehn Jahre nach der Premiere ist die Karriere im Frühjahr 1968 schon wieder vorbei und die kleine Heckflosse muss dem Strich-Acht weichen. Während der 110er bei uns vor allem als Taxi berühmt wurde, war er in den USA immer ein beliebtes Langstreckenauto.

Das rüstige Exemplar im Zentrum dieser Geschichte hat es aus den Händen der Vorbesitzer-Familie in die Mercedes-Sammlung geschafft. Die Familie hat die kleine Flosse 1966 gekauft und ihr den Spitznamen «Minnie Finnie» gegeben. Mit ihr geht es nun auf einen US-Roadtrip.

Viel Beinfreiheit und gutes Fahrgefühl

Dort merkt man auch heute schnell, dass es die gleichen Vorzüge waren, die deutsche Taxifahrer und amerikanische Mittelständler für den Mercedes eingenommen gaben: Platzverhältnisse, wie sie heute nicht einmal eine lange S-Klasse bietet. Ein Fahrverhalten, das entspannter kaum sein könnte - und zwar ganz ohne Komfort wie Sitzmassage oder ein Heer elektrischer Helfer. Selbst ohne Klimaanlage konnte man die Fahrt damals noch genießen.

Ihren Reiz hat «Minnie Finnie» auch ein halbes Jahrhundert nach dem Ende der Produktion nicht verloren - erst recht nicht, auf einer großen Reise in dem Land, wo sie ihre meisten Privatkunden gefunden hat. Denn im Alltag auf der deutschen Autobahn mag man sich mit einem 110er heute ein wenig unwohl fühlen - selbst wenn man statt der Wanderdünen mit ihren 40 kW/55 PS aus den Taxi-Modellen 190 D und 200 D einen 230 mit seinem Reihensechszylinder-Benziner erwischt hat.

In den Staaten reiht W 110 noch immer in den Verkehr

Doch in Amerika, wo die Straßen breiter sind und die Verkehrsteilnehmer entspannter sind, schwimmt der Oldtimer auch heute noch locker im Verkehr mit. Schließlich leistet der 2,3 Liter große Motor 88 kW/120 PS und geht mit knapp 180 Nm zu Werke.

Das reicht im Grunde locker selbst für die großen Freeways und Interstates, wenn die Stahlgürtelreifen nicht stoisch jeder Spurrille hinterherlaufen würden. Deshalb steuert man die knapp 4,80 Meter lange Heckflosse lieber von den Highways auf die Byways, macht einen großen Bogen um die Metropolen und ihre achtspurigen Schnellstraßen und merkt, wie man mit jeder Meile milder gestimmt wird, alle Hektik hinter sich lässt und der Pulsschlag irgendwann so ruhig wird wie der Sechszylinder, der ungerührt vor sich hin schnurrt, als wären die Jahre im Flug vergangen.

Allrounder mit sportlicher Schaltung

Egal ob Highway Number One an der Küste zwischen Los Angeles und San Francisco oder staubige Straßen in der Wüste von Nevada - der 118er macht überall eine gute Figur. Und wenn er im Yosemite National-Park seine imposanten Kühlergrill der riesigen Granitfront von El Capitan entgegen reckt, weiß man nicht, wo man länger hinstarren soll.

Selbst den Sonora Pass, mit 2933 Metern die zweithöchste Querung der Sierra Nevada meistert der Mercedes ohne Murren; man muss halt nur oft genug zum dürren Schaltknauf greifen, der damals gegen Aufpreis vom Lenkrad weg in den Mitteltunnel gerückt wurde, weil das als sportlicher empfunden wurde.

Niedriger Verbrauch für vergleichsweise kleines Geld

So schnurrt der Sechszylinder durch den amerikanischen Westen, verbraucht nur einen Bruchteil des Sprits, den die Pick-ups um ihn herum verbrennen, und zieht alle Blicke auf sich. Die älteren werden sentimental und schwelgen in ihren Erinnerungen. Klar, wer das Auto von Mercedes selbst mit Werksgarantie und besiegelter Dokumentation des Herstellers kaufen möchte, muss dafür nach aktuellem Angebot auch schon fast 50.000 Euro anlegen. Doch auf den üblichen Gebrauchtwagen-Börsen im Internet gibt es die kleine Heckflosse für kleines Geld. Bei Fahrzeugen im gebrauchsfertigen Zustand ist man bereits mit deutlich unter 20.000 Euro dabei.


Verfasser: dpa-infocom GmbH

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