Kameras ersetzen die Spiegel am Auto

15.05.2020
Es hat Jahrzehnte gedauert, bis sich der Spiegel im Auto etabliert hat. Doch so langsam geht seine Zeit zu Ende. Kameras bieten deutlich mehr Rücksicht. Nur an einer Stelle ist er offenbar unverzichtbar.
Auch innen wird’s elektrisch: Der Rückspiegel im Innenraum vom Opel Ampera-E lässt sich von konventioneller Arbeitsweise auf Kamerabild umschalten. Foto: Opel Automobile Gmbh/dpa-tmn
Auch innen wird’s elektrisch: Der Rückspiegel im Innenraum vom Opel Ampera-E lässt sich von konventioneller Arbeitsweise auf Kamerabild umschalten. Foto: Opel Automobile Gmbh/dpa-tmn

Stuttgart (dpa/tmn) - Nein, es war keine Eitelkeit, die Dorothy Levitt dazu brachte, einen Spiegel mit ins Auto zu nehmen. Glaubt man den Experten des Mercedes-Museums in Stuttgart, ging es der britischen Rennfahrerin und Journalistin allein um die Sicherheit, als sie in ihrem 1909 veröffentlichten Ratgeber für Frauen am Steuer empfahl, dass Autofahrerinnen stets einen Handspiegel griffbereit mit an Bord haben sollten.

Diesen sollten sie ab und zu hochzuhalten, um zu sehen, was hinter ihnen ist. So lasse sich der Verkehr hinter dem eigenen Wagen auch während der Fahrt gut im Blick behalten und gleichzeitig das Fahrzeug sicher steuern. Damit hat sie eine folgenschwere Kampagne für buchstäbliche Rücksicht beim Autofahren gestartet, sagt Mercedes-Classic-Sprecher Ralph Wagenknecht. «Denn so beginnt die Geschichte des Rückspiegels im Fahrzeugbau.»

Von der Rennstrecke auf die Straße

Allerdings dauert es noch einmal ein Jahrzehnt, bis sich der Spiegel erst im Rennsport und dann auf der Straße durchsetzt. Mal innen montiert, mal außen und später in mindestens doppelter Ausführung, wird er erst nach dem Ersten Weltkrieg zum Standard und schafft es laut Mercedes erst 1956 in die Straßenverkehrsordnung.

Nun stirbt er so langsam wieder aus. Immer mehr Hersteller setzen auf Kameras statt Spiegel und versprechen Fahrern damit mehr Sicherheit.

Kameras und Monitore ersetzen die klassischen Rückspiegel

Bei Designstudien und Showcars haben die Autohersteller schon lange mit diesen Technologien experimentiert. So verweist Wagenknecht zum Beispiel auf das Forschungsfahrzeug F200 Imagination, das 1996 mit Kameras und Bildschirmen statt Spiegeln überraschte. Doch in der Serie beginnt der Einsatz erst mit dem VW XL1 von 2011. Weil die Ingenieure bei diesem 1-Liter-Auto um jeden Milliliter Spritverbrauch ringen, ersetzen sie die Spiegel durch Kameras und senken so den Cw-Wert, berichtet VW-Sprecher Christian Buhlmann.

Aus demselben Grund hat auch Audi diese Technik laut Pressesprecherin Tanja Lehner-Ilsanker für sein erstes designiertes Elektroauto E-Tron übernommen. Wer dort 1540 Euro Aufpreis bezahlt, bekommt zwei Videokameras, die wie Insektenfühler aus der Karosserie ragen und ihr Bild auf zwei Monitore in den Türen übertragen. Der Wagen kommt allein deshalb ein paar hundert Meter weiter mit einer Akkuladung. Außerdem sollen die virtuellen Spiegel das Rangieren erleichtern, weil sie je nach Fahrsituation die Perspektive verändern, wie die Audi-Sprecherin erläutert.

Zusatzinformationen lassen sich einblenden

Vor allem um Sicherheit geht es nach Angaben von Lexus-Sprecher Andreas Lübeck bei den digitalen Spiegeln des Mittelklassemodells ES, das für 2000 Euro Aufpreis ebenfalls mit Video-Augen außen und Bildschirmen innen bestückt werden kann. Anders als mechanische Spiegel seien die immer richtig eingestellt und zeigten bei Nacht und Nebel, Regen oder Sonne stets ein optimales Bild. Außerdem lassen sich Warnhinweise oder Positionslinien einblenden, fasst er die Vorteile zusammen.

Aber nicht nur für die äußeren Spiegel etablieren sich die Kameras so langsam. Auch der innere Rückspiegel wird zunehmend virtuell. Bei Autos wie dem Opel Ampera-E, dem Range Rover Evoque oder zuletzt dem neuen Land Rover Defender kann man mit einem Knopf am Spiegel zwischen konventioneller Technik und Kamerabild umschalten.

Dann wird der Spiegel zum Monitor und zeigt dem Fahrer, was eine Linse auf dem Dach vom rückwärtigen Raum sieht. So hat der Fahrer beim Rangieren freie Sicht, selbst wenn der Kofferraum voll ist oder die Köpfe der Mitfahrer die Blickachse blockieren, erläutert Defender-Chefingenieur Nick Collins.

Autonome Autos dürften keine Spiegel mehr brauchen - oder?

Zwar setzen immer mehr Hersteller auf Kameras außen wie innen, und wenn es auf lange Sicht einmal autonome Autos geben wird, dann sind Spiegel ohnehin hinfällig, so Mercedes-Sprecher Wagenknecht. Doch mindestens ein Spiegel wird wohl den technologischen Wandel genauso überstehen wie den Autopiloten - selbst wenn er mit der Sicherheit überhaupt nichts zu tun hat: Der Schminkspiegel in der Sonnenblende.

Dorothy Levitt allerdings hatte 1909 für solche Eitelkeiten wenig übrig: Sie hat ihren Leserinnen während der Fahrt von derart persönlichem Gebrauch sicherheitshalber abgeraten.


Verfasser: dpa-infocom GmbH

KEYWORDS

TEILEN

Passende Anbieter

Das könnte Sie auch interessieren
Leistungsschau ohne auf die Bedürfnisse einer Serienproduktion Rücksicht nehmen zu müssen: Die Mercedes-Studie Vision AVTR. Foto: Daimler AG/dpa-tmn Wozu Autostudien dienen Autostudien sind die Stars auf so mancher Messe und für die Fans Träume auf vier Rädern. Die Visionen zeigen die Mobilität von morgen. Doch sie haben noch andere Aufgaben.
Unter Strom: Honda zeigt mit dem Sports EV Concept die elektrische Studie eines sportlichen Stadtflitzers. Foto: Thomas Geiger/dpa-tmn Die Neuheiten auf der Tokyo Motor Show Von Miniautos bis zur Brennstoffzelle reicht die Palette auf der Tokyo Motor Show. Daneben gibt es einige Studien zu sehen, die weniger verspielt als früher wirken. Das große Ideenfeuerwerk aus Fernost bleibt aber aus.
Opel will mit dem Reichweiten-Problem der Elektroautos aufräumen. Der Autobauer schickt deshalb den Ampera-E im Sommer mit 520 Kilometer Reichweite auf die Straße. Foto: Opel Opel Ampera-E: Das Ende der elektrischen Exotik Elektroautos sind entweder zu teuer. Oder ihnen geht zu schnell der Strom aus. Im schlimmsten Fall aber trifft beides zu. Das gilt als Hauptgrund, weshalb es bei uns nicht voran geht mit der E-Mobilität. Doch mit dem Ampera-E will Opel das ändern.
Strom tanken, zapfen oder laden? Wie auch immer. Fest steht, dass die Elektromobilität viele neue Begriffe in den Alltag der Autofahrer bringt. Foto: Karl-Josef Hildenbrand Das große Glossar rund ums E-Auto CCS, Range-Extender und PSM: Wer sich mit Elektroautos beschäftigt, trifft auf Begriffe, die mehr nach Raumfahrt als nach Straßenverkehr klingen. Unwissenheit herrscht oft auch bei praktischen Fragen wie Tanken und Reichweite. Eine kleine Stromerkunde schafft Abhilfe.