Pferde brauchen keine 20 Nahrungsergänzungsmittel

11.06.2021
Pülverchen hier, Kräuterleckerli und Müslis da: Pferdebesitzer neigen dazu, ihre Tiere mit sinnlosen Dickmachern vollzustopfen. Dabei wird oft das Wesentliche vergessen.
Ein 600-Kilo-Sportpferd benötigt zwischen 9 bis 12 Kilo Heu am Tag. Es sollte dabei allerdings qualitativ hochwertig sein. Foto: Christin Klose/dpa-tmn
Ein 600-Kilo-Sportpferd benötigt zwischen 9 bis 12 Kilo Heu am Tag. Es sollte dabei allerdings qualitativ hochwertig sein. Foto: Christin Klose/dpa-tmn

München/Warendorf (dpa/tmn) - Heu, Hafer und Möhren - das assoziieren wir mit hungrigen Pferden. In der Realität sieht es aber eher so aus: Pferdehalter versetzen großzügig portionierte, getreidefreie Müslis mit Hefe, Kräutern, Pülverchen und Ölen - mal für den Verdauungstrakt, mal für die Hufgesundheit und mal für den ausgeglichenen Geist. Braucht es das?

Unbestritten ist, dass ein Pferd vor allem Raufutter, also strukturreiches Futter braucht, und zwar mehr oder weniger ständig. Denn lange Fresspausen sind schlecht für den sehr fragilen Verdauungstrakt der Tiere.

Neun bis zwölf Kilo hochwertiges Heu am Tag

Raufutter, das ist vor allem Heu, Weidegras und Stroh. Die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) empfiehlt 1,5 bis 2 Kilogramm Raufutter pro Kilogramm Gewicht des Pferdes als Minimum. Bei einem 600-Kilo-Sportpferd macht das etwa neun bis zwölf Kilo Heu am Tag aus.

Theoretisch könnte man es dabei belassen. «Wirklich hochwertiges Heu enthält ausreichend Nährstoffe, sodass ein Pferd bei Erhaltungsbedarf und auch noch bei leichter Arbeit problemlos alleine von qualitativ hochwertigem Heu in ausreichender Menge leben kann», so Tierärztin Lisa Mihsler-Kirsch von der FN.

Die Betonung liegt auf qualitativ hochwertig: «Gutes Heu ist rar. Oft hat es keine ausreichende Qualität», sagt Ellen Kienzle, Professorin für Tierernährung von der Uni München. «Daher kann ein Mineralfutter nötig sein, weil im Heu nicht mehr alle wichtigen Nährstoffe enthalten sind.»

Für Pferdebesitzer ist es nicht leicht herauszufinden, was im Heu drin ist, denn das wird in den meisten Fällen nicht regelmäßig zur Analyse eingeschickt. Die Lage des Herkunftsbetriebs kann aber Aufschluss über Defizite geben.

Zu viel Kalorien durch Kraftfutter

Wird Pferden Leistung abverlangt, ist zusätzlich ein Kraftfutter sinnvoll. Hierzu gehören zum Beispiel Gerste, Mais - und der altbewährte Hafer. Hafer ist für Pferde diätetisch besonders wertvoll, doch er hat auch einen hohen Energiegehalt. «Manchen Pferden steigt das zu Kopf und sie werden so bewegungsfreudig, dass sie für ihre Besitzer kaum mehr händelbar sind», sagt Kienzle. Dann sollte man von Hafer absehen.

«Wir sehen eine Menge adipöser Pferde», so Kienzle. «Die meisten Pferdebesitzer füttern viel zu viel und bewegen ihre Tiere zu wenig.» Einige sind dazu übergegangen, ihren Pferden ein getreidefreies Müsli zu füttern, diese sind meistens weniger energie-, aber dafür rohfaserreich und enthalten beispielsweise Wiesengras und Luzerne. «Das ist nur dann sinnvoll, wenn das Pferd zusätzlich zum Heu Energie braucht, also nicht bei dicken Pferden», erklärt Kienzle.

Neben Kraft- und Raufutter werden häufig Obst und Gemüse verfüttert. «Täglich ein halbes Kilo Karotten - das tut Pferden durchaus gut», sagt Kienzle. Sie enthalten Carotin, eine wichtige Vorstufe von Vitamin A. Mit Äpfeln sollte man dagegen vorsichtiger umgehen, sie blähen. Und Banane, nun, die macht vor allem wieder dick.

Zuckerwürfel besser als ihr Image

Stichwort Dickmacher: Leckerli sind hier nicht zu verachten. Sie bestehen oft aus viel Zucker, Farb- und Zusatzstoffen. Wenige Zuckerwürfel seien aber vorteilhafter als viele Leckerli, so Kienzle. Mehr als fünf bis zehn Zuckerwürfel am Tag sollten es aber nicht sein.

Viele Reiter füttern nach gemeinsamer Arbeit als Belohnung Mash, eine Art Porridge für Pferde. Dieses besteht meist aus Weizenkleie und Leinsamen und wird mit heißem Wasser angerührt. Pferde können die dickflüssige Brühe meist kaum abwarten. «Mash ist leicht verdaulich und unterstützt die Funktion des Verdauungsapparates», so Tierärztin Mihsler-Kirsch. «Doch aufgrund der abführenden Wirkung und des hohen Phosphorgehaltes der Weizenkleie sollte man es in der Regel nicht häufiger als zwei- bis dreimal pro Woche füttern.»

Und wie sieht es mit Hefe, Kräutern, Pülverchen und Ölen aus? «Meistens überflüssig», sagt Kienzle. Hefe kann der Verdauung mal guttun, aber nicht dauerhaft und manche Pferde vertragen sie nicht. Dann bewirkt sie das Gegenteil. Viele Kräuter sind bei Pferden kaum erforscht. Und Öl - das macht dick und wird schnell ranzig, verfüttert man es nicht rasch, kann es dann sogar schaden.

© dpa-infocom, dpa:210610-99-940855/2

FN: Pferde richtig füttern


Verfasser: dpa-infocom GmbH

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