Senioren entdecken das WG-Leben - Test für neue Wohnformen

07.03.2016
Wenn es um Wohngemeinschaften geht, denken die meisten an Studentenunterkünfte in Universitätsstädten. Doch zunehmend können sich auch Ältere diese Art des Zusammenlebens vorstellen.
Marie-Linde Kube (r) und Eva Vent leben zusammen mit neun anderen Bewohnern in einer betreuten Weimarer Senioren-WG. Foto: Candy Welz
Marie-Linde Kube (r) und Eva Vent leben zusammen mit neun anderen Bewohnern in einer betreuten Weimarer Senioren-WG. Foto: Candy Welz

Erfurt (dpa) - Senioren-WGs werden beliebter. Während es beispielsweise in Thüringen nach Schätzungen 2014 etwa 100 Wohngemeinschaften für ältere Menschen gab, hat sich ihre Zahl nach Angaben des Sozialministeriums innerhalb eines Jahres auf 234 mehr als verdoppelt.

Experten sehen in Wohngemeinschaften einen Mittelweg zwischen einem selbstbestimmten Leben und Schutz vor Vereinsamung. Wegen des bürokratischen Aufwands und der finanziellen Risiken werden die WGs aber selten direkt in Regie älterer Menschen geführt.

Susanna Günther kennt den Trend aus ihrer täglichen Arbeit: Als Leiterin des Pflegedienstes der «Stiftung wohnen plus...» in Weimar kümmert sie sich um den Ablauf in drei Senioren-WGs, die von dem Dienst betreut werden. «Tatsächlich unterscheidet sich der Alltag gar nicht so von anderen WGs», sagt Günther. «Natürlich gibt es auch mal Zoff, aber die Vorteile überwiegen doch.»

Marie-Linde Kube ist eine Bewohnerin der ersten Stunde. Seit Februar 2015 lebt sie im Norden Weimars, mittlerweile mit zehn anderen Bewohnern. Mit der Mischung aus Privatsphäre und Gemeinschaftsleben, die die WG bietet, zeigt sie sich zufrieden. «Vor allem Basteln und gemeinsam Singen ist schön - aber ich habe auch ganz gern mal meine Ruhe.»

Das WG-Prinzip ist einfach: Ein Verantwortlicher, eine Privatpersonen oder auch eine Gesellschaft, mietet eine Wohnung an und holt sich externe Pflege- und Betreuungskräfte ins Haus. Den Trend zur ambulanten Versorgung gibt es in Deutschland schon seit einigen Jahren. Grundsätzlich eine gute Sache, finden Fachleute wie Susanna Günther oder Britta Richter vom Paritätischen Wohlfahrtverband Thüringen. «Auch für die Gemeinschaft in einem Dorf kann das sehr positiv sein, wenn alte Menschen nicht irgendwann wegziehen müssen, sondern in ihrem Heimatort bleiben können», sagte Richter.

Nach Angaben des Sozialministeriums hat sich die Zahl der Pflegebedürftigen im Freistaat von 1999 bis 2013 von etwa 60 000 auf rund 87 000 erhöht. Auch die Zahl der Altenpflegeheime sei von 237 im Jahr 2006 auf derzeit 322 gestiegen. Im März 2015 wurden rund 23 000 Senioren in Thüringen stationär gepflegt.

So viele Vorteile das WG-Modell hat: Gute Pflege wird in Zukunft immer stärker auch eine Frage des Geldbeutels sein, sind sich Experten einig. So sieht das Sozialministerium für die Zukunft weniger ein Problem in den Kapazitäten der Einrichtungen als vielmehr in der «begrenzten wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit der einzelnen Pflegebedürftigen und ihrer Angehörigen».

Wer komplett auf Sozialhilfe angewiesen sei, bekomme meist nur stationäre Hilfe gezahlt. «Der gesetzliche Beitrag für ambulante Betreuung für diese Gruppe müsste deutlich erhöht werden. Daran mangelt es momentan etwas», sagt Pflegedienst-Leiterin Günther.


Verfasser: dpa-infocom GmbH

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