Pflanzliche Arznei kann «rational» oder «traditionell» sein

15.09.2021
Sie gelten als gut verträglich und werden von vielen zur Selbsttherapie eingesetzt. Denn aus Pflanzen hergestellte Medikamente gibt es oft ohne Rezept zu kaufen. Wie gut ist ihre Wirkung belegt?
Präparate aus Johanniskraut-Extrakten können bei leichten bis mittelschweren Depressionen helfen. Foto: Andrea Warnecke/dpa-tmn
Präparate aus Johanniskraut-Extrakten können bei leichten bis mittelschweren Depressionen helfen. Foto: Andrea Warnecke/dpa-tmn

Baierbrunn (dpa/tmn) - Baldrian bei Schlafproblemen, Johanniskraut bei leichten Depressionen, Ginkgo-Extrakte bei Vergesslichkeit: Für viele gesundheitliche Probleme gibt es auch pflanzliche Medikamente.

Was Anwenderinnen und Anwendern vielleicht nicht bewusst ist: Die sogenannten Phytopharmaka durchlaufen behördliche Prüfverfahren, allerdings gibt es zwei Varianten. Zum einen die Zulassung als pflanzliches Arzneimittel für ein bestimmtes Anwendungsgebiet - hier spricht man auch von der rationalen Phytotherapie - und zum anderen die Registrierung als ein «traditionelles pflanzliches Arzneimittel», berichtet die Zeitschrift «Apotheken Umschau» (Ausgabe B09/21).

Unterschiedliche Wirksamkeitsnachweise

In beiden Fällen prüften Behörden die Unbedenklichkeit und die pharmazeutische Qualität der Medikamente. Der Unterschied liegt in dem Nachweis der Wirksamkeit: Bei einer «rationalen» Pflanzen-Arznei muss die Wirksamkeit in Studien mit vielen Probandinnen und Probanden nachgewiesen sein, während bei traditionellen Medikamenten indirekte Belege für dessen therapeutischen Nutzen ausreichen. Das können zum Beispiel Berichte über erfolgreiche Anwendungen am Menschen sein.

Die meisten der pflanzlichen Präparate in Deutschland sind dem Bericht zufolge traditionelle pflanzliche Arzneimittel. «Sie sind zur Eigenbehandlung üblicher Alltagsbeschwerden eine verlässliche Wahl», sagte Matthias Melzig, Professor für Pharmazeutische Biologie an der Freien Universität Berlin, der Apotheken Umschau.

Gut verträglich - Nebenwirkungen dennoch möglich

Zu beachten ist: Die pflanzlichen Mittel gelten zwar im Allgemeinen als vergleichsweise gut verträglich, doch Neben- und Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten sind nicht ausgeschlossen. Wer unsicher ist, holt sich vor der Anwendung lieber ärztlichen Rat ein.

Nicht zu verwechseln sind Phytopharmaka mit Homöopathika: Letztere werden zwar auch oft auf Pflanzenbasis hergestellt, für sie müssen aber keinerlei Wirksamkeitsbelege erbracht werden.

© dpa-infocom, dpa:210915-99-229242/2

Bundesinstitiut BfArM: Statistik zu Phytopharmaka mit Zulassung

Profil Matthias Melzig


Verfasser: dpa-infocom GmbH

KEYWORDS

TEILEN


Das könnte Sie auch interessieren
Apps zur Medikamenteneinnahme helfen nicht nur beim Erinnern - teils warnen sie zum Beispiel auch vor möglichen Wechselwirkungen. Foto: Christin Klose/dpa-tmn So behalten Sie den Überblick über Ihre Medikamente Häufig müssen ältere Menschen mehrere Arzneimittel einnehmen. Das birgt auch Risiken - unter anderem steigt die Wahrscheinlichkeit von Nebenwirkungen. Umso wichtiger ist es, den Überblick zu behalten.
Welches Medikament zur welchen Zeit? Foto: Caroline Seidel/dpa-tmn Wie Sie den Durchblick im Medikamenten-Chaos behalten Ein Medikament gegen Bluthochdruck, dazu ein Cholesterinsenker und abends das pflanzliche Einschlafmittel. Bei so vielen Medikamenten sprechen Experten von Polypharmazie. Und die kann gefährlich werden.
Pillenspender sind ein gutes Hilfsmittel, um mit Medikamenten nicht durcheinander zu kommen und sie immer zur richtigen Zeit zu nehmen. Foto: Christin Klose/dpa-tmn Pflegende Angehörige: Überblick über Medikamente behalten Gerade bei Älteren kommt es häufiger zu Nebenwirkungen durch Arzneimittel. Wer einen Angehörigen pflegt, sollte deshalb gut über dessen Medikamente Bescheid wissen - und sich im Zweifel Rat holen.
Psychopharmaka genießen keinen guten Ruf. Dabei machen viele Präparate weder abhängig noch verändern sie die Persönlichkeit, sagen Experten. Foto: Kai Remmers Pillen und Therapie gehen am besten Hand in Hand Kaum eine Medikamentenklasse hat einen so schlechten Ruf wie Psychopharmaka. Dabei machen diese Medikamente bei schweren seelischen Erkrankungen eine begleitende Therapie meist erst möglich.