Long-Covid-Erkrankung bekommen zu wenig Aufmerksamkeit

06.12.2021
Derzeit liegt der Fokus beim Thema Corona wieder stark beim Infektionsgeschehen. Andere Aspekte verlieren an Beachtung: etwa das Leiden, das für viele Erkrankte noch Monate nach der Infektion anhält.
Eckart von Hirschhausen ist Arzt und Wissenschaftsjournalist. Die möglichen Langzeitfolgen einer Covid-19-Erkrankung bekommen nach Ansicht Eckart von Hirschhausens bisher nicht ausreichend Aufmerksamkeit. Foto: Christian Charisius/dpa
Eckart von Hirschhausen ist Arzt und Wissenschaftsjournalist. Die möglichen Langzeitfolgen einer Covid-19-Erkrankung bekommen nach Ansicht Eckart von Hirschhausens bisher nicht ausreichend Aufmerksamkeit. Foto: Christian Charisius/dpa

Berlin (dpa) - Zwei Reportagen zum Thema Corona hat der Moderator und Arzt Eckart von Hirschhausen bereits präsentiert, nun folgt eine dritte. Diesmal geht es um ein Thema, das in der täglichen Diskussion um Fallzahlen und Impfraten oft vergessen wird: Long Covid, die Langzeitfolge einer Covid-Erkrankung. (6.12. im Ersten «Hirschhausen - Corona ohne Ende?», 20.15 Uhr). Einige Fragen zum Thema:

Wir hören täglich von Fallzahlen, Inzidenzen, Trends. Sie widmen sich nun dem Thema Long Covid, warum?

Hirschhausen: Hinter jeder heiß diskutierten Welle gibt es eine stumme Welle, über die kaum gesprochen wird. Alle Menschen, die nach einer Infektion nicht richtig genesen, sondern krank und angeschlagen zurückbleiben. Während die Impfgegner von Langzeitschäden der Impfung schwadronieren, die aus dem Nichts auftauchen könnten - was faktisch nicht der Fall ist -, reden wir viel zu selten über die Menschen, deren Langzeitschäden ganz real sind: neurologische Ausfälle, Erschöpfungszustände, Atemnot und Herzprobleme.

Sie haben unter anderem in der Rehaklinik Heiligendamm und der Universitätskinderklinik in Jena gedreht. Was war Ihr Eindruck?

Hirschhausen: Mir war vor der Reportage nicht klar, wie viele Menschen mit Long Covid es gibt und wie viele davon aus den Gesundheitsberufen kommen. Mir ging es persönlich sehr nah, als ich in den Therapiegruppen lauter Pflegefachkräfte, Ärztinnen und Ärzte und Therapeuten getroffen habe. Sie haben sich oft in der ersten Welle bereits angesteckt und müssen Monate bis Jahre warten, dass ihnen überhaupt geholfen wird.

Sie haben sich angesteckt, während sie ihren Dienst am Menschen taten, und sie mit Leib und Seele das Gesundheitssystem aufrecht hielten: anfangs ohne Masken, ohne Schutzkleidung, ohne Impfung. Wir lassen sie jetzt das zweite Mal im Stich, wenn sie allein um ihre Anerkennung, Therapien und Rehabilitation kämpfen müssen. Das ist nicht nur unmenschlich, sondern auch dumm, denn diese Menschen fehlen heute schon im Gesundheitswesen und erst recht in Zukunft.

Was ist Long Covid und was hilft dagegen?

Hirschhausen: Das Virus greift nicht nur die Lunge an, sondern sehr viele Organsysteme. Durch eine Entzündung und Gerinnungsstörung in den Blutgefäßen und einer fehlgeleiteten Antwort des Immunsystems können sehr vielfältige Symptome bleiben. Das reicht von Gedächtnisstörungen bis zu nicht enden wollendem Husten, Herzrasen und Muskelschwäche. Das häufigste Symptom ist die «Fatigue», eine chronische Erschöpfung, die es auch bei anderen Viruserkrankungen gibt. Da es keinen einfachen Bluttest oder Marker auf dem Röntgenbild gibt, fallen diese Patienten oft durch das Raster.

Aktuell wird sehr viel über eine Impfpflicht nachgedacht, wie stehen Sie dazu?

Hirschhausen: In den Gesprächen wurde mir klar, welche Macht Falschinformationen haben und wie schwierig es offenbar für viele Menschen ist, die Glaubwürdigkeit von Quellen im Internet einzuschätzen. Darauf haben wir als Wissenschaftsjournalisten und auch in den zuständigen Institutionen noch keine gute Antwort. Lange war ich gegen eine Impfpflicht, aber zum jetzigen Zeitpunkt glaube ich, wäre sie sogar eine Erleichterung für viele Zögerlichen.

In der Psychologie gibt es das Phänomen, dass Menschen, auch wenn sie stille Zweifel an ihrer lange gehegten Überzeugung haben, vor sich und anderen nicht ihr Gesicht verlieren wollen, ihre Meinung öffentlich zu ändern. Deshalb kann mit einer klaren sozialen Norm für alle eine Brücke gebaut werden. Auch wenn sich jemand murrend impfen lässt, ist das besser für ihn und alle anderen, als weiter diese Pandemie der Ungeimpften mit allen Kollateralschäden laufen zu lassen.

Wir sind privilegiert in Deutschland, gehören zu den weltweit ersten mit Impfstoffen - haben wir uns zu wenig Gedanken um eine weltweit gerechte Verteilung gemacht?

Hirschhausen: Sehr wichtiger Punkt. Eine Pandemie betrifft alle Menschen weltweit. Es ist ein Skandal, dass wir es nicht hinbekommen haben, Impfstoffe gerechter weltweit zu verteilen. Die neuen Varianten kommen maßgeblich aus den Regionen mit vielen Ungeimpften. Globale Gesundheit im 21. Jahrhundert fragt nicht mehr nach Ländergrenzen.

Ein Virus braucht kein Visum. Es ist ein «Vielflieger», in wenigen Tagen überall. Deshalb braucht es auch vermehrte Anstrengungen, mit den eng verwobenen globalen Krisen Klima, Artensterben und Pandemie solidarischer, gerechter und schlauer umzugehen.

ZUR PERSON: Dr. Eckart von Hirschhausen (Jahrgang 1967) studierte Medizin und Wissenschaftsjournalismus. Seit mehr als 20 Jahren ist er als Kabarettist, Autor und TV-Moderator in den Medien und auf Bühnen in Deutschland unterwegs, um medizinisches Wissen auf humorvolle Art zu vermitteln.

© dpa-infocom, dpa:211206-99-274870/3

Informationen zur Reportage am Montag


Verfasser: dpa-infocom GmbH

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