Lieferengpässe bei Medikamenten nehmen zu

18.11.2019
Ibuprofen, Schilddrüsenmittel oder Blutdrucksenker - bei manchen Arzneien bleiben immer wieder die Regale in Apotheken leer. Ein Grund sind komplexe Lieferketten auf dem Weltmarkt. Apotheker warnen vor Nachteilen für Patienten.
Manche Arzneien sind in Deutschland immer schwerer zu bekommen, selbst bei Standardmitteln bleiben oft die Regale in den Apotheken leer. Foto: Hans-Jürgen Wiedl/zb/dpa
Manche Arzneien sind in Deutschland immer schwerer zu bekommen, selbst bei Standardmitteln bleiben oft die Regale in den Apotheken leer. Foto: Hans-Jürgen Wiedl/zb/dpa

Frankfurt/Main (dpa) - Eine stockende Versorgung bei gängigen Medikamenten wird für Apotheken und Patienten zu einem immer größeren Problem. «Lieferengpässe bei Schilddrüsenarzneien, Arzneien gegen Gicht oder Schmerzmitteln wie Ibuprofen sind ein dauerndes Ärgernis».

Auch der Rückruf des Blutdrucksenkers Valsartan nach einer Verunreinigung habe 2018 zu einem Mangel in den Apotheken geführt und normalisiere sich erst langsam. «Die Lieferengpässe haben in den vergangenen Jahren zugenommen.», sagt Mathias Arnold, Vizepräsident der Apothekervereinigung ABDA.

Medikamente zweiter Wahl

Zwar lassen sich viele knappe Arzneien durch andere Medikamente ersetzen, doch das bleibe nicht ohne Folgen, warnt Arnold. «Das sind nicht die Mittel, auf die die Patienten eingestellt sind und nicht zwingend die, die sie am besten vertragen.»

Hormone in Schilddrüsenmedikamenten etwa würden in Mini-Dosierungen verabreicht. «Wenn Firma B die Pillen anders presst, macht das schon einen Unterschied.» Patienten müssten dann von ihrem Arzt anders eingestellt werden. Auch bei Apothekern kosten Lieferengpässe Zeit: Helfen eine größere Packung oder doppelt so starke Tabletten, die der Patient teilen muss? Muss der Arzt das Rezept ändern? Das zehrt an den Nerven. Für neun von zehn selbstständigen Apothekern zählen Lieferengpässe zu den größten Ärgernissen im Alltag, so die ABDA.

Produktionsbedingte Lieferengpässe

Laut dem Apothekerverband hat sich die Zahl der nicht verfügbaren Rabattarzneien fast verdoppelt: Von 4,7 Millionen Packungen 2017 auf 9,3 Millionen im vergangenen Jahr. Jedes 50. dieser Mittel sei von Lieferengpässen betroffen - also mehr als zwei Wochen nicht verfügbar oder deutlich stärker nachgefragt als angeboten.

Gründe für Lieferengpässe gibt es viele. So herrscht im globalen Gesundheitswesen Kostendruck. Viele Pharmakonzerne lassen laut ABDA Wirkstoffe in Fernost herstellen - etwa Antibiotika in China und Indien. Dort konzentriert sich die Produktion auf wenige Betriebe, wie der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI) erklärt. Die Folge: Steht die Produktion zeitweilig still oder kommt es wegen Verunreinigungen zu Arznei-Rückrufen, hakt es in der Lieferkette.

Keine künstliche Verknappung des Angebots

«Kein Hersteller hält bewusst Arzneimittel knapp oder gibt nur vor, lieferunfähig zu sein», betont der BPI. Jeder Lieferengpass sei ein Vertrauensverlust und Imageschaden, was zu Umsatzrückgängen führe.

Sind nun Arzneien in großem Stil knapp? Drohen Patienten ernsthafte Gesundheitsgefahren? Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte sieht keinen Grund, Alarm zu schlagen. Die Behörde hat derzeit knapp 290 Meldungen über Lieferengpässe bei Medikamenten erfasst - bei rund 103 000 zugelassenen Arzneimitteln in Deutschland.

Zwar gebe es «eine kontinuierliche Steigerung der Lieferengpass-Meldungen», erklärte das Institut. Die Zahlen ließen sich aber nicht mit den Vorjahren vergleichen, da sich die Datengrundlage geändert haben. Zudem gibt es keine Pflicht, Lieferengpässe bei Arzneien zu melden - wohl aber einen Trend zu mehr freiwilligen Angaben. Ohnehin sei ein Lieferengpass noch lange kein Versorgungsengpass. Gemessen an allen Meldungen entstünden Versorgungsengpässe «relativ selten.»

Diskussion über sinnvolle politische Maßnahmen

Die Apotheker aber fordern politische Lösungen wie mehr Anreize für eine stärkere Wirkstoffproduktion in Europa. Auch kritisieren sie Rabattverträge zwischen Krankenkassen und Herstellern. Dabei bekommen Kassen von Pharmafirmen Preisnachlässe für garantierte Mindestabnahmen. Doch damit sind Apotheken darauf beschränkt, je nach Kasse des Patienten nur ein Medikament bestimmter Arzneifirmen abzugeben. «Wenn es zu Problemen bei einem Hersteller kommt, stehen kaum Alternativen zur Verfügung», sagt Arnold. Der Vorschlag der Apotheken: Die Rabattverträge müssten sicherheitshalber auf eine breitere Basis mit mehreren Pharmaherstellern gestellt werden.

Die Krankenkassen sehen das anders. Rabattverträge seien für «Effizienzreserven» im Gesundheitssystem nach wie vor unentbehrlich, erklärt der GKV-Spitzenverband, die Lobby der gesetzlichen Kranken- und Pflegekassen. Allein 2018 hätten Rabattverträge die Arzneiausgaben der Kassen um 4,5 Milliarden Euro gesenkt. Auch könnten Pharmahersteller so besser planen. Überhaupt werde die Rolle von Rabattverträgen bei Lieferengpässen überschätzt. «Dafür ist das deutsche Pharmageschäft viel zu klein.» Hersteller agierten global.

ABDA-Vizepräsident Arnold sieht noch ein Mittel: Ein Exportverbot lebensnotwendiger Arzneien, bei denen Knappheit herrsche. Oft würden Medikamente aus Deutschland nach Großbritannien oder Schweden verkauft, wo die Arzneipreise höher sind. «Das Problem ist, dass die Arzneipreise reguliert sind, aber der Handel ist frei.»


Verfasser: dpa-infocom GmbH

KEYWORDS

TEILEN


Das könnte Sie auch interessieren
Die Apotheken in Deutschland beklagen zu viele Lieferengpässe bei Medikamenten. Foto: Uli Deck Apotheken warnen vor Lieferengpässen Ob Ibuprofen oder Blutdrucksenker - bei vielen Massenmedikamenten sind die Regale in Apotheken immer öfter leer. Ein Grund ist der globale Markt. Die Apotheker fordern Maßnahmen.
Bei erhöhter Nachfrage können Impfstoffe auch in Deutschland knapp werden. Foto: Ole Spata Impfstoffmangel ist Alltag in Apotheken Eine Impfpflicht für Masern wird derzeit heiß diskutiert. Doch was, wenn es den Impfstoff zeitweise gar nicht gibt? Das kann nicht nur in armen Ländern passieren - sondern auch in Deutschland.
Ärzte können momentan selten gegen Polio impfen. Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa Mangelware Impfstoff: Immer wieder Engpässe Nur wenige große Pharmakonzerne beherrschen den Markt für Impfstoffe. Trotz modernster Verfahren kommt es auch in Deutschland seit Jahren immer wieder zu Lieferengpässen. Aktuell betroffen ist der Impfstoff gegen Polio (Kinderlähmung).
Nicht jedes Medikament von jedem Hersteller ist zurzeit lieferbar - meist finden Apotheker aber eine Alternative. Foto: Benjamin Nolte/dpa-tmn Werden Medikamente knapp? Vom Antidepressivum bis zum Antibiotikum: Viele Medikamente, die es bisher ganz selbstverständlich in der Apotheke gab, sind gerade nicht lieferbar. Zum Glück gibt es meistens Alternativen.