Finger weg vom Nasenloch

09.09.2020
Von guten Manieren zeugt es nicht. Darum popeln Menschen meist klammheimlich in der Nase. Doch auch aus medizinischer Sicht ist das Bohren mit dem Finger nicht ratsam - Experten erklären, warum.
Schlechte Angewohnheit: Popeln ist nicht nur unappetitlich, es tut vor allem der Nase nicht gut. Foto: dpa-infografik GmbH/dpa-Themendienst/dpa
Schlechte Angewohnheit: Popeln ist nicht nur unappetitlich, es tut vor allem der Nase nicht gut. Foto: dpa-infografik GmbH/dpa-Themendienst/dpa

Karlsruhe (dpa/tmn) - In der Nase bohren: Das ist irgendwie unappetitlich. Viele machen es trotzdem - aus Gewohnheit oder weil da irgendwas in der Nase «hängt» und stört. Nur, es ist meist nicht wirklich zielführend.

Oder wie es der HNO-Arzt Prof. Rainer Weber formuliert: «Es kann nahezu nie das Problem einer Verkrustung in der Nase lösen.»

Der Experte kann auch fundiert erklären, was es mit dem umgangssprachlichen Begriff des Popels auf sich hat. Gemeint seien «eingedicktes Nasensekret und Krusten in der Nase, wobei dies nur Krusten im Naseneingang und vordersten Abschnitt betrifft», sagt der Leiter der Sektion Nasennebenhöhlen- und Schädelbasischirurgie an der HNO-Klinik des Städtischen Klinikums Karlsruhe.

Warum Popeln nicht gut ist

Dort, im vorderen Bereich der Nase, ist die Oberflächenbedeckung zunächst Haut, die in Schleimhaut ohne Flimmerhärchen übergeht und erst weiter hinten dann von Schleimhaut mit Flimmerhärchen abgelöst wird. Weber: «Die Transportrichtung der Härchen geht nach hinten zum Rachen.» Entwickeln sich Krusten, findet allerdings vorn in der Nase kein Transport statt.

Die Krusten entstehen entweder durch das Eintrocknen eines Sekrets, das von der Nasenschleimhaut stammt, oder durch ein Wundsekret von oberflächlichen Verletzungen im Naseneingang.

Und das ist ein Grund, warum Popeln nicht gut für die Nase ist. «Diese Verletzungen kommen meist vom Nasebohren oder dem Verwenden von Wattestäbchen», erklärt Weber. Vermehrter Nasenschleim kann aber auch die Folge einer Entzündung der Nasennebenhöhlen oder der Nasenschleimhaut - bei Heuschnupfen zum Beispiel - sein.

Selten komme es vor, dass der Schleim nicht nach hinten abfließen könne oder die Nase wegen der Einnahme bestimmter Medikamente trocken sei, so der HNO-Arzt. «Erfahrungsgemäß ist die häufigste Ursache aber das Bohren», sagt Weber. «Das ist vielen Menschen nicht bewusst.»

Ein bohrender Teufelskreis

Vor allem im Winter ist die Luft trockener, es kommt häufiger zu einem Trockenheitsgefühl am Naseneingang – und man popelt. Weitere Ursachen können ein zu intensives Nachreinigen beim Nasenputzen sein oder weil man eine Salbe mit einem Stäbchen in der Nase verstreicht. Weber: «All das führt zu einer Verletzung, die den Körper zur Wundheilungsreaktion mit Krustenbildung veranlasst.»

Das Problem ist: Die Kruste führt wieder zum Trockenheitsgefühl - und schon kratzt der Finger erneut in der Nase herum, um den Störenfried zu entfernen. «Ein Teufelskreis entsteht», sagt Prof. Weber. Also lieber Hände weg vom Nasenloch, so schwer es auch fallen mag.

Statt zu popeln empfiehlt der HNO-Arzt Michael E. Deeg seinen Patienten, die zu einer trockenen Nase neigen und Verborkungen in der Nase entwickeln, eine energische Pflege mit Nasensalben und Nasenspülungen. «Das ist aus meiner Sicht ideal.»

Eine Spülung kann man sehr oft, sogar zwei- bis dreimal am Tag, machen. Man spült hierbei mit einer isotonischen Salzlösung die Nase und befreie sie von allem, erklärt Deeg.

Drinlassen ist keine Option

Was keine Option ist: Die Popel drin lassen. «Das kann unangenehm werden. Die Nase fühlt sich wie zugestopft an», sagt Deeg. Wobei man unterscheiden muss zwischen gewohnheitsmäßigem Nasebohren und der Problematik der Verborkung, die einen Krankheitswert hat.

Treten die Popel nur ausnahmsweise gehäuft auf, zum Beispiel eine Woche lang nach einem Infekt, ist kein Arztbesuch nötig. «Geht das aber über Wochen so, sollte sich das ein Arzt anschauen», sagt Deeg. Vor allem, wenn der Betroffene dauernd das Gefühl habe, seine Nase sei verstopft und da ständig dieses Bedürfnis zum Popeln ist.

Eine Frage der Selbstdisziplin

Bei einem gewohnheitsmäßigen «Popler» hingegen ist alles eine Frage der Selbstdisziplin. Neben regelmäßigen Spülungen kann es helfen, unterwegs Pflegesprays oder Salben in der Tasche haben. «Auf diese Weise kann man eine Selbstkontrolle aufbauen und man schafft es leichter, dieses komische Verhalten zu verlieren», sagt Deeg.

In seltenen Fällen kann das Nasebohren zwanghaft werden. «Dann schicken wir den Patienten zum Therapeuten», sagt der Arzt, der im Bundesvorstand des Berufsverbandes der Hals-Nasen-Ohrenärzte sitzt. «Aber das sind Ausnahmen», betont Deeg. Er selbst habe erst einmal einen solchen Patienten gehabt.

Durch das Bohren entstehen übrigens nicht nur neue Krusten, die Nase kann auch Schaden nehmen. Zwar werde der Knorpel im Nasenflügel nicht geschädigt, weil er dem Druck ausweiche, erläutert Rainer Weber. Der Knorpel in der Nasenscheidewand allerdings könne durch intensives und lang anhaltendes Nasebohren ausgedünnt und sogar durchbohrt werden. «Es kann also problematisch werden», sagt Weber.

Darf man Popel essen?

Bleibt noch eine letzte Sache zu klären: Mancher streicht die Popel nicht etwa an einem Papiertaschentuch ab, sondern nascht sie einfach weg. Das mag unappetitlich sein, ist aber harmlos. In Magen und Darm werden die enthaltenen Bakterien abgetötet und die gegebenenfalls enthaltenen Nährstoffe aufgenommen.

«Viele halten das Essen für eklig, manche mögen es aber», sagt Weber. Der Professor bleibt neutral: «Es ist eine Geschmackssache.»

© dpa-infocom, dpa:200908-99-478173/4


Verfasser: dpa-infocom GmbH

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