Cortison - Segen und Fluch eines hochwirksamen Medikaments

03.05.2017
Wenn Patienten hören, dass sie Cortison nehmen sollen, geraten sie häufig in Panik. Weil der Wirkstoff früher viel zu hoch dosiert eingesetzt wurde, hatte er starke Nebenwirkungen. Heute wissen Ärzte es besser. Die Angst vor dem Medikament ist meist nicht begründet.
Wer eine Zeit lang eine cortisonhaltige Salbe verwenden muss, braucht sich keine Sorgen zu machen. Die Nebenwirkungen sind gering, außerdem wirken die Präparate häufig schnell und können zügig wieder abgesetzt werden. Foto: Franziska Gabbert/dpa-tmn
Wer eine Zeit lang eine cortisonhaltige Salbe verwenden muss, braucht sich keine Sorgen zu machen. Die Nebenwirkungen sind gering, außerdem wirken die Präparate häufig schnell und können zügig wieder abgesetzt werden. Foto: Franziska Gabbert/dpa-tmn

Berlin (dpa/tmn) - Wenn Gudrun Baseler erzählt, welche Pillen sie täglich nimmt, erntet sie bestenfalls ungläubige Blicke. «Die meisten schlagen die Hände über dem Kopf zusammen», sagt die 39-Jährige. Sie hat Rheuma. Seit mehr als 30 Jahren versorgt sie ihren Körper mit Cortison - besser gesagt mit Glucocorticoiden.

Wegen seiner Nebenwirkungen genießt der Wirkstoff Glucocorticoiden keinen sehr guten Ruf. Viele haben Angst, sich damit behandeln zu lassen.

Glucocorticoide zählen zu den wirksamsten Entzündungshemmern, die die Medizin kennt, sagt Prof. Frank Buttgereit, Leitender Oberarzt an der Charité-Universitätsmedizin Berlin. Ärzte setzen sie gegen Entzündungen und überschießende Immunreaktionen ein.

Zu den Präparaten, die lokal angewendet werden, zählen Nasensprays, Hautcremes oder Asthmasprays. Wer solche Medikamente verordnet bekommt, etwa gegen allergischen Schnupfen oder Neurodermitis, muss sich keine Sorgen um Nebenwirkungen machen, sagt Ursula Sellerberg von der Bundesapothekerkammer. «Die Ängste stammen noch aus früheren Zeiten, wo Glucocorticoide in hohen Dosierungen verwendet wurden und entsprechend starke Nebenwirkungen hatten.» In der Regel gelangt der Wirkstoff bei lokaler Anwendung gar nicht oder nur in sehr geringen Mengen in den Blutkreislauf.

Bei vielen Patienten werden Glucocorticoide aber auch systemisch, also in Tablettenform, angewendet. Das bedeutet, dass der Wirkstoff ins Blut gelangt. «Bei Autoimmunerkrankungen wie der Rheumatoiden Arthritis (RA) richtet sich das Immunsystem gegen den eigenen Körper», erklärt Buttgereit.

Weil das Immunsystem dabei großen Schaden anrichten kann, dämpft man es in bestimmten Fällen mit Glucocorticoiden. Die Patienten werden zugleich mit anderen Medikamenten behandelt, die ebenfalls das Immunsystem und Entzündungsprozesse im Körper beeinflussen.

Glucocorticoide heften sich an einen im Zellinneren gelegenen Rezeptor, eine Art Wächter der Zelle. Gemeinsam mit ihm gelangen sie als Komplex in den Zellkern - und beeinflussen dort, wie die Erbinformation abgelesen wird. Konkret halten sie Körperzellen davon ab, Stoffe zu bilden, die Entzündungen auslösen und aufrechterhalten. Gleichzeitig helfen sie dem Körper, Entzündungen zu hemmen. Besser kann man gegen Entzündungen kaum vorgehen.

Aber: «Leider verändern Glucocorticoide nicht nur Entzündungsprozesse, sondern greifen zum Beispiel auch in den Stoffwechsel ein», sagt Buttgereit - daher haben sie manchmal Nebenwirkungen.

Patienten, die über einen längeren Zeitraum Glucocorticoide nehmen müssen, können brüchige Knochen bekommen oder einen Diabetes mellitus entwickeln. Andere haben Probleme mit den Augen - zum Beispiel einen Grauen oder Grünen Star. Weil das Immunsystem heruntergeregelt wird, sind die Patienten zudem infektanfälliger. Auch das Risiko für Herz- und Gefäßerkrankungen ist erhöht.

Die größte Angst haben Patienten allerdings vor einer Nebenwirkung, die eigentlich nicht gefährlich ist, sagt Buttgereit: dem sogenannten Cushing-Syndrom. Betroffene nehmen vor allem in der Körpermitte zu und bekommen unter anderem ein Vollmondgesicht und einen Stiernacken. So wie bei allen anderen Medikamenten gilt aber auch hier: Die Dosis macht das Gift. «Wir geben immer so viel wie nötig, aber so wenig wie möglich», sagt Buttgereit.

Patienten, die so wie Gudrun Baseler regelmäßig Glucocorticoidpräparate nehmen müssen, können auch selbst etwas tun, um unerwünschte Wirkungen einzudämmen. Osteoporose etwa beugen Betroffene vor, wenn sie sich kalziumhaltig ernähren und viel Sport treiben, sagt Sellerberg. Auch Vitamin D ist wichtig für die Knochen. Dafür sind fetter Seefisch und Avocados ein guter Lieferant. Außerdem wandelt die Haut UV-Strahlung in Vitamin D um. «Wir raten, mindestens 30 Minuten täglich rauszugehen, am Wochenende auch mehr», sagt Buttgereit. Wichtig sei auch, nicht zu rauchen.


Verfasser: dpa-infocom GmbH

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