Wenn Ernährung zur Ersatzreligion wird

28.10.2016
Alte Wertesysteme wie Religion und Familie verlieren an Bedeutung. Diese Lücke füllt bei vielen Menschen inzwischen ein bestimmter Ernährungsstil. Für manche wird daraus sogar eine Ersatzreligion. Andere begeistern sich für «Essensporno». Warum?
Essen fotografieren: Ein neues Essenskult breitet sich aus. Foto: Sophia Kembowski
Essen fotografieren: Ein neues Essenskult breitet sich aus. Foto: Sophia Kembowski

Hannover (dpa) - Zuckrige Donuts und bunt belegte Sandwiches sind beliebt: Bilder und Videos von Essen werden im Internet millionenfach geklickt. Bei Instagram etwa finden sich allein zum Hashtag #food fast 200 Millionen Beiträge.

«Menschen inszenieren sich heute zunehmend über einen bestimmten Ernährungsstil», sagt der Göttinger Ernährungspsychologe Thomas Ellrott. Als Veganer oder Anhänger der Steinzeit-Ernährung Paleo hebe man sich von der Menge ab. Für manchen werde der Ernährungsstil gar zur Ersatzreligion. Mit dem neuen Hype ums Essen beschäftigte sich am Mittwoch eine Tagung in Hannover. Welche Trends gibt es?

Foodies: So wird eine neue Konsumentengruppe neben Feinschmeckern und Gourmets genannt. Nach einer Studie der Universität Göttingen sind 10 Prozent der Deutschen Foodies. Die Gruppe zeichnet eine Leidenschaft fürs Kochen und Genießen, die rege Teilnahme an kulinarischen Events sowie das Posten von Food-Bildern aus. Ihren Gegenpol bilden die Ernährungsfunktionalisten (19 Prozent),Kochmuffel (16 Prozent) und Gewohnheitsköche (15 Prozent). Für 20 Prozent Ernährungsinteressierte und 19 Prozent Light-Foodies wird das Thema immer wichtiger.

Food Porn: Unzählige Bilder von Essen werden in sozialen Netzwerken gepostet. Food Porn («Essensporno») ist ein weltweites Phänomen. Ernährungsforscher Ellrott spricht von «digitalen Tattoos», die nichts mit der Realität zu tun haben müssen. Sie dienten der Selbstinszenierung und signalisierten die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe - wie Marken-Turnschuhe oder ein Porsche.

Vegetarisch und Vegan: In Deutschland ernähren sich dem Vegetarierbund zufolge 7,8 Millionen Menschen vegetarisch und rund 900 000 Menschen vegan, täglich kommen Hunderte dazu. Die fleischlose Ernährung sei mit einer Reihe von positiven Charaktereigenschaften wie Selbstdisziplin, Tier- und Klimaschutz oder Altruismus verknüpft, sagt Ellrott.

Paleo und Beef: Parallel zum Trend Fleischverzicht gibt es Bewegungen, die (blutiges) Fleisch feiern. Die Anhänger der Paleo-Diät ernähren sich so wie unsere Vorfahren in der Steinzeit, also mit Beeren, Nüssen, aber auch Fleisch. Sie verzichten auf industriell hergestellte Lebensmittel. Gleichzeitig boomt das Geschäft rund ums Grillen. Wie groß das Thema Fleisch ist, beweist das Food- und Lifestyle-Magazin «Beef!», das sich speziell an Männer richtet.

Food-Events: «Ernährungsthemen sind trendy», sagt die Göttinger Marketingexpertin Anke Zühlsdorf. Beispiele dafür sind Food-Swaps - also Tauschbörsen für Selbstgekochtes -, Food-Blogs im Internet, Food-Festivals oder Food-Trucks, die in vielen Städten zum Beispiel Veganes, Burger oder exotische Küche anbieten.

Veggie-Day oder Pork-Day: Die Ernährungsstile fächern sich immer weiter auf, sie sind Ausdruck von Individualität. Da verwundert es nicht, dass die Grünen mit ihrer Forderung nach einem Veggie-Day - also einem wöchentlichen vegetarischen Tag - 2013 eine Bruchlandung erlitten. Beim Essen will sich keiner etwas vorschreiben lassen. Die CDU in Schleswig-Holstein sorgte sich Anfang des Jahres, dass Schweinefleisch aus Rücksicht auf Muslime aus deutschen Kantinen verschwinden könnte. Nach ihrem Ruf nach einem Pork-Day prasselte von allen Seiten Spott auf die Partei ein.


Verfasser: dpa-infocom GmbH

KEYWORDS

TEILEN


Das könnte Sie auch interessieren
Viele Menschen bevorzugen süße Getränke wie Limonade. Schädlich ist es vor allem für diejenigen, die zu Übergewicht neigen. Foto: Monika Skolimowska/dpa Was steckt hinter dem Ernährungstrend Zuckerfrei? Zucker hat viele Namen: Glukosesirup, Fruktose, Maltose oder Saccharose zum Beispiel. Klingt ungesund - aber ist es das auch? Ein Ernährungstrend dreht sich um die Abstinenz von dem «süßen Gift».
Chiasamen (unten r),getrocknete Gojibeeren und Granatapfelkerne (l) werden oft als Superfood vermarktet. Doch heimische Früchte sind oft ebenso gehaltvoll. Foto: Mohssen Assanimoghaddam Macht Superfood fit und gesund? Einige exotische Früchte und Pflanzen gelten als Heldinnen der gesunden Ernährung. Doch haben Lebensmittel wie Gojibeeren, Chiasamen und Granatapfel tatsächlich eine besondere Wirkung auf unsere Gesundheit?
Die optimale Ernährung kommt ohne Diätplan aus. Denn ein gesunder Körper weiß selbst, was er braucht. Foto: Martin Schutt Expertin: «Maßlose Verwirrung» über richtige Ernährung Glutenfrei, rohvegan, Paleo oder doch besser Low-Carb? Die Frage nach der optimalen Ernährung treibt viele um. Mit negativen Folgen, wie eine Ernährungswissenschaftlerin beobachtet hat.
Forscher des Kompetenzzentrums Mineral- und Heilwasser haben sich mit der Frage beschäftigt, ob Mineralwasser wirlich besser ist, als normales Leitungswasser. Foto: Matthias Balk Wie gesund ist Mineralwasser? - Forscher untersuchen Wirkung Erwachsene sollten jeden Tag rund 1,5 Liter Wasser trinken. Sollte man einfach den Wasserhahn aufdrehen oder Sprudel kaufen? In Hannover geht das Kompetenzzentrum Mineral- und Heilwasser der Frage nach, wie Nährstoffe aus diesen Quellen im Körper aufgenommen werden.