Warum jetzt auch in Seniorenheimen gezockt wird

23.07.2019
Videospiele machen Spaß, doch als gesundheitsfördernd gelten sie kaum. Das Projekt einer Krankenkasse könnte das ändern: Hessische Seniorenheime testen nun den Einsatz von therapeutischen Videospielen.
Die hessische Digitalministerin Kristina Sinemus (parteilos, l) macht im Helenenheim Bad Arolsen mit Heimbewohnerin Irene Bartosch (89) ein Tanzspiel vor der Spielekonsole. Foto: Uwe Zucchi
Die hessische Digitalministerin Kristina Sinemus (parteilos, l) macht im Helenenheim Bad Arolsen mit Heimbewohnerin Irene Bartosch (89) ein Tanzspiel vor der Spielekonsole. Foto: Uwe Zucchi

Bad Arolsen (dpa) - Bewohner von Seniorenheimen können ihre
körperliche und geistige Fitness mit Videospielen trainieren. Ein
entsprechendes Angebot wird in vier hessischen Einrichtungen erprobt.

Am Montag fiel in Bad Arolsen (Kreis Waldeck-Frankenberg) der
Startschuss. Im Diakonissenhaus Helenenheim wurde das Projekt der
Krankenkasse Barmer vorgestellt. «Mit der Memorebox können
Seniorinnen und Senioren Standfestigkeit und Kognition üben. Sie regt
zudem die Kommunikation und soziale Interaktion zwischen den
Bewohnern an», sagte Hessens Digitalministerin Kristina Sinemus
(parteilos) als Schirmherrin.

Geistige und körperliche Bewegung fördern

Die Box ist eine Videospielkonsole, die nur durch Handbewegungen
gesteuert wird. Sie erlaubt einfache Spiele wie Kegeln, Tanzen und
Motorradfahren. Eine Kamera überträgt die Bewegung auf den
Bildschirm. «Die Computerspiele können mit leichten Gesten auch aus
einem Rollstuhl gesteuert werden», erklärte Jens Brandis,
Projektleiter des Hamburger Entwicklers Retro Brain.

Für die 89-jährige Irene Bartosch ist es das erste Videospiel ihres
Lebens: Zu der Musik des Helene-Fischer-Hits «Atemlos» beginnt sie zu
tanzen. Erst mit Armbewegungen, dann fordert die Spielkonsole sie
auf: «Tanzen Sie nun mit den Beinen.» Beim Refrain des Liedes fangen
die zuschauenden Senioren an zu singen.

Wissenschaftlich untersucht

Der Test in Hessen ist nicht der erste Einsatz der Box. Laut der
Barmer wurde sie bereits in Hamburg und Berlin erprobt und die
Wirkung wissenschaftlich untersucht. Dabei habe sich bei den Senioren
eine Stärkung der geistigen Leistungsfähigkeit, der Stand- und
Gangsicherheit, der Motorik, Ausdauer und Koordination gezeigt.

Das Besondere an der Memorebox sei nicht das Gerät selbst, betont
Brandis: «Das Innovative ist die Software.» Man habe Spiele
entwickelt, die einfach erschienen, aber herausfordernd seien. Und
man könne nicht verlieren. Wie viel eine Box kosten wird, verraten
Krankenkasse und Entwickler nicht.

Der 79-jährige Gustav Vering legt seine Krücken beiseite, dann setzt
er sich auf einen Stuhl vor die Konsole. «Motorradfahren», heißt das
Spiel. Durch Neigen des Oberkörpers steuert er sein Motorrad über
eine virtuelle Autobahn, als die Aufforderung aus den Lautsprechern
kommt: «Welche Stadt ist für die Reeperbahn bekannt? Nehmen Sie die
richtige Abzweigung.» Vering biegt nach Hamburg ab.

Bundesweiter Einsatz der Memorebox ist geplant

Insgesamt soll die Memorebox in den nächsten Monaten in 100
ausgewählten Pflegeeinrichtungen bundesweit zum Einsatz kommen. In
Hessen sind das neben dem Helenenheim eine Einrichtung der AWO
Stadtkreis Gießen, die Seniorenresidenz Haus Eduard Schwerzel in
Flörsheim (Main-Taunus-Kreis) und der Forstgarten Stift Wehretal
(Werra-Meißner-Kreis). Die Tests sollen zwölf Monate dauern, dann
will die Barmer über das weitere Vorgehen entscheiden.


Verfasser: dpa-infocom GmbH

KEYWORDS

TEILEN


Das könnte Sie auch interessieren
Evelyn Gundlach (87, r) und Ursula Cezanne (80) machen beim Youtube-Kanal «Senioren zocken» mit. Dort gehören sie zu einer Rentnertruppe, die Computerspiele testet. Foto: Arne Bänsch Computerspiele machen Rentner zum Netz-Hit Computerspiele sind was für Teenager und junge Männer? Bei einem Berliner Youtube-Kanal gibt es das Gegenteil: «Senioren zocken». Das viele Englisch ist für die Rentner dabei nicht die einzige Herausforderung.
Ingelore Leppin, Bewohnerin im Alten- und Pflegeheim Heinemanhof, fährt mit der speziell für Ältere entwickelte Spielekonsole «MemoreBox» auf einem Motorrad. Foto: Hauke-Christian Dittrich Haben Videospiele für Senioren einen therapeutischen Effekt? In der virtuellen Welt gelingen ihnen Dinge, die in der Realität nicht mehr klappen: Kegeln, Tanzen, Motorradfahren. Videospiele können positive Effekte auf die Gesundheit von Senioren haben. Ein bundesweites Projekt soll das jetzt wissenschaftlich belegen.
Ingelore Leppin, Bewohnerin im Alten- und Pflegeheim Heinemanhof, fährt mit der Spielekonsole "MemoreBox" auf einem Motorrad. Foto: Hauke-Christian Dittrich Haben Videospiele therapeutischen Effekt? In der virtuellen Welt gelingen ihnen Dinge, die in der Realität nicht mehr klappen: Kegeln, Tanzen, Motorradfahren. Games können positive Effekte auf die Gesundheit von Senioren haben. Ein bundesweites Projekt soll dies jetzt wissenschaftlich belegen.
Der Fachverband Medienabhängigkeit schätzt, dass 0,5 bis ein Prozent der Bevölkerung abhängig von Online-Spielen sind. Vor allem Jungen und Männer seien betroffen. Foto: Lino Mirgeler Videospielsucht als Krankheit anerkannt Pausenloses Computerspiel ohne Kontakt zur realen Welt: Für viele ist das eine bloße Disziplinlosigkeit. Doch diese Sichtweise spielt die Sucht herunter.