So sieht die Pandemie-Mode 2021 und danach aus

22.02.2021
Das Coronavirus hat die Welt verändert - auch die Modewelt. Sie sogar nachhaltig. Trendanalyst Carl Tillessen erwartet daher für lange Zeit die Abkehr vom Highheel und vielleicht auch vom Anzug.
Badeschlappen: Viele trendige Marken setzen inzwischen auch darauf, wie bei Emu Australia zu sehen (59 Euro). Foto: Emu Australia /dpa-tmn
Badeschlappen: Viele trendige Marken setzen inzwischen auch darauf, wie bei Emu Australia zu sehen (59 Euro). Foto: Emu Australia /dpa-tmn

Köln (dpa/tmn) - Dieses Zitat wird derzeit viel genannt: Der Modezar Karl Lagerfeld sagte einst, wer Jogginghose trägt, habe die Kontrolle über sein Leben verloren. Nun, in Zeiten einer weltweiten Pandemie, ist genau jene, ehemals als Modesünde verschriene Hose zum beliebten Kleidungsstück avanciert. Und das könnte so bleiben.

Trendanalyst Carl Tillessen vom Deutschen Mode-Institut in Köln sagt im Interview mit dem dpa-Themendienst, es hätte noch nie eine vergleichbare Situation gegeben, in der sich die Mode so schnell so radikal verändert hätte.

Frage: Was werden die großen Trends dieses Jahr in der Mode?

Carl Tillessen: Im Prinzip das ganze Spektrum zwischen Homewear und wirklicher Sport-Ausrüstung - und allem, was dazwischen liegt. Also alles, was man zwischen Sofa und Yogamatte tragen kann, sozusagen. «Athleisure» - also die Verbindung aus «athletic» und «leisure» - ist immer noch das große Ding. Das entspricht genau unserem Leben. Denn es gibt natürlich die Tendenz, es sich zu Hause so bequem wie möglich zu machen.

Frage: Wird sich das denn auch auf den Street-Style niederschlagen?

Tillessen: Auf jeden Fall. Vielleicht nicht unbedingt eins zu eins auf den Pyjama oder die Homewear. Aber die Geschichte lehrt uns, dass die Menschen eine einmal errungene Bequemlichkeit nicht wieder aufgeben. Zum Beispiel wurde vor circa 100 Jahren das Korsett durch das Reformkleid ersetzt. So eine Entwicklung lässt sich nicht zurück drehen.

Und wir haben uns eben an diese neue Bequemlichkeit gewöhnt. Wir haben ein Jahr lang die pflegeleichteste und bequemste Kleidung, die es auf dem Markt gibt, getragen - und das werden wir auch nicht wieder aufgeben.

Selbst wenn jetzt sämtliche Modedesigner der Welt gleichzeitig ein Comeback des High Heels propagieren würden, würden sich die Konsumentinnen dem verweigern. Weil sie die Bequemlichkeit von Sneakern, Badelatschen und so weiter so zu schätzen gelernt haben - und das ist in vielen Bereichen so.

Frage: Welcher Teil der Modeindustrie leidet besonders unter den Veränderungen?

Tillessen: Unsere Freizeitkleidung hat sich viel weniger verändert, als das, was wir im Beruf tragen, besonders im Büro. Das ist sehr, sehr einschneidend. Wir erleben gerade im Zeitraffertempo eine Entwicklung, die normalerweise wahrscheinlich zehn Jahre gedauert hätte.

In nur einem Jahr sind wir weggekommen von dem klassischen Business-Look, also Anzug, Hemd, Krawatte oder Kostüm und Bluse. Einfach, weil man jetzt im Homeoffice gar keine Verwendung mehr für diese Kleidung hat. Und ich denke, das wird, wie gesagt, auch in dieser Form nicht mehr zurückkehren. Wir werden bei dieser neuen Bequemlichkeit bleiben. Der «casual friday» hat sich auf die ganze Woche ausgebreitet.

Frage: Und im Gegenzug dazu, wer hat besonders profitiert von der neuen Mode?

Tillessen: Naheliegenderweise die Homewear-Hersteller. Aber natürlich auch die richtigen Sport-Ausstatter wie Nike oder Adidas. Denn diese Kleidung wird eben nicht mehr nur zum Sport getragen, sondern auch bei der Arbeit zu Hause. Und auch in der Freizeit ist es genau das, was die Leute brauchen: Man will sich gerade einfach wohlfühlen.

Frage: Schlägt sich das auch auf bestimmte Materialien nieder?

Tillessen: Jersey wird das Material der Zukunft sein, man wird alles Mögliche aus Jersey machen. Das heißt zum Beispiel, dass viel mehr Hosen aus Jersey-Stoff sein werden. Die müssen dann aber gar nicht wie eine Jogginghose aussehen.

Oder ein anderes Beispiel ist das Polohemd: Wenn man im Büro schon noch ein Hemd trägt, dann soll das die Bequemlichkeit von einem T-Shirt haben. Das Gleiche gilt für Jersey-Blazer, die die Bequemlichkeit von Strickjacken haben.

Frage: Die Mode wird also bequemer. Gilt das auch für Accessoires?

Tillessen: Mein Eindruck ist, dass sich durch das Masketragen die Aufmerksamkeit grundsätzlich eher vom Gesicht, das verhüllt ist, abwendet und der Blick eher nach unten wandert. Dadurch bekommen die Schuhe viel, viel mehr Aufmerksamkeit als früher. Der Schuh ist zu dem wichtigsten modischen Statement überhaupt geworden.

Frage: Welche Rolle spielt die Maske als Accessoire?

Tillessen: Ich denke, am Anfang haben die Leute versucht, den Masken auch ein wenig Spaß abzugewinnen. Aber das Thema ist schon wieder auf dem Rückzug, weil man die Bedrohung inzwischen sehr viel ernster nimmt. Deshalb trägt man jetzt lieber medizinische FFP-2-Masken als witzige Stoffmasken.

Ein Comeback erlebt momentan eher der Handschuh. Der galt länger als etwas altmodisch und uncool. Aber in der Pandemie, in der wir uns bewusst geworden sind, dass überall unsichtbare Viren lauern könnten, öffnen wir die Türe lieber mit einem Handschuh. Er hat jetzt eine neue Doppelfunktion: Er wärmt und schützt zugleich.

© dpa-infocom, dpa:210219-99-510841/2


Verfasser: dpa-infocom GmbH

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