In der Fastenzeit lässt sich auf vieles verzichten

06.03.2019
Die tollen Tage sind vorbei, nun ist Fasten angesagt. Auch ohne christlichen Hintergrund lassen sich die kommenden Wochen für einen neuen Blick auf alte Gewohnheiten nutzen - sei es beim Einkaufen, Fernsehen oder Treppensteigen.
Designerin Janina Albrecht füllt Tee, Nudeln, Cornflakes in Gläser. So will sie Plastik aus ihrer Wohnung verbannen. Foto: Arne Dedert
Designerin Janina Albrecht füllt Tee, Nudeln, Cornflakes in Gläser. So will sie Plastik aus ihrer Wohnung verbannen. Foto: Arne Dedert

Frankfurt (dpa) - Tee, Nudeln, Cornflakes - kaum ein Regal in Janina Albrechts Küche, in dem nicht mit Lebensmittel gefüllte Gläser stehen. Die 31-Jährige bemüht sich, möglichst plastikfrei zu leben.

Das bedeutet vor allem: verpackungsfrei einzukaufen, etwa in speziellen Läden, wo Kunden Lebensmittel in mitgebrachte Gefäße abfüllen können. Obst, Gemüse und Käse holt die Offenbacherin auf diese Weise auch vom Wochenmarkt, Gewürze baut sie selbst an. In der Fastenzeit will sie nun noch weiter gehen und auch die letzten Einwegverpackungen aus ihrem Leben verbannen.

Verzicht auf Milchkartons

Zum Beispiel gelte das für Milchkartons, sagt Albrecht. Sie will in den kommenden Wochen Milch aus Haferflocken oder Mandeln selbst zu Hause herstellen. «Ich mache das Plastik-Fasten jetzt im fünften Jahr, in der Zeit bin ich besonders konsequent», berichtete die Designerin. Es handele sich um einen überschaubaren Zeitraum, den sie nutzen könne, um sich neue Gewohnheiten zuzulegen. Im ersten Jahr habe sie sich etwa angewöhnt, grundsätzlich einen Jutebeutel mitzunehmen, wenn sie aus dem Haus geht. Inzwischen stellt sie selbst auch Sonnencreme, Putzmittel und Shampoo her. Ihr gehe es um Effizienz und Nachhaltigkeit: «Kunststoff kompostiert nicht.»

Die 31-Jährige engagiert sich gemeinsam mit anderen auch in der Initiative «Offenbach Plastikfrei» und hat dort für ihre Fastenaktion Mitstreiter gefunden, vier bis sechs seien es voraussichtlich, berichtet sie. Geplant seien unter anderem gemeinsame Ausflüge zu Unverpackt-Läden in Frankfurt und Mühlheim.

Tipps und Ideen rund um einen Alltag

Zum Plastikfasten ruft regelmäßig auch die Naturschutzorganisation BUND auf. Mit 12,6 Millionen Tonnen verbrauche in Europa kein anderes Land soviel Plastik wie Deutschland. Um dies zu ändern, fordert die Organisation dazu auf, unter dem Motto «Wissen wachse, Müllberg schrumpfe!» in sozialen Medien Tipps und Ideen rund um einen Alltag ohne Einwegverpackungen zu teilen.

Doch Plastik ist bei weitem nicht das einzige, auf was Menschen in Hessen in der Fastenzeit verzichten. Da gibt es die Klassiker wie sieben Wochen ohne Fleisch, Alkohol, Zigaretten, Fernsehen oder Süßigkeiten. Hinzu kommen weitere Ideen wie der Verzicht aufs Handy oder der Versuch, keine Lebensmittel wegzuwerfen. Mehr Bewegung im Alltag kann ein Rolltreppen-Fasten bringen.

Aktion Autofasten

Bei der Frankfurter Verkehrsgesellschaft (VGF) erhalten Teilnehmer einer Autofasten-Aktion gegen die Abgabe ihres Autoschlüssels ein kostenloses Ticket für ihre gewohnte Strecke mit dem öffentlichen Nahverkehr, das bis Gründonnerstag am 18. April gilt. Dazu kommt ein Guthaben bei einem Carsharing-Anbieter. Zum Autofasten rufen auch wieder mehrere katholische Bistümer sowie evangelische Landeskirchen auf.

Sieben Wochen ohne Lügen ist die Herausforderung, die die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) ihren Mitgliedern vorschlägt. Die Aktion solle zum Nachdenken darüber anregen, «wie oft wir in der alltäglichen Kommunikation kleine und große Notlügen nutzen oder sogar falsche Aussagen machen», heißt es in der Ankündigung.

Lebensstil hinterfragen

Die Fastenaktionen der evangelischen Kirche unter der Überschrift «Sieben Wochen Ohne» gibt es bundesweit seit mehr als 30 Jahren. Das Motto wechselt jährlich. Unter anderem rief die Kirche schon zu sieben Wochen ohne Geiz, Zaudern, Ausreden, Vorsicht oder falsche Gewissheiten auf. Es gehe darum, spirituell aufzutanken und einen neuen Blick auf den Alltag zu gewinnen, erklärt die EKHN.

Ein besonderes Angebot machen die evangelische und katholische Kirche in Frankfurt. Unter der Überschrift «Erdverbunden» bieten mehrere Pfarreien Teilnehmern einer Veranstaltungsreihe Meditationen und Erfahrungsaustausch an, um die politische Situation sowie eigene Handlungsspielräume in Bezug auf den Klimawandel zu reflektieren und analysieren. «Es geht nicht um moralische Diktatur, sondern um ein Hinterfragen unseres Lebensstils», sagt Thomas Wagner, Studienleiter beim Haus am Dom. Ziel sei, am Ende nachhaltiger und ressourcenschonender zu leben, etwa mit einem anderen Mobilitätsverhalten oder reduziertem Fleischkonsum.

VGF zu Autofasten

EKHN zum Lügenfasten

BUND Plastikfasten

Exerzitien Erdverbunden

Offenbach Plastikfrei

Fast jeder Vierte fastet

In der Fastenzeit will fast jeder Vierte in Deutschland auf etwas verzichten. Das geht aus einer aktuellen YouGov-Umfrage im Auftrag des Energieversorgers Lichtblick hervor. 10 Prozent der Teilnehmer wollen demnach auf jeden Fall fasten, weitere 13 Prozent vielleicht.

Meistens geht es um Genussmittel - Alkohol, Zigaretten oder Süßigkeiten. 59 Prozent der Fastenwilligen verzichten darauf. Ein knappes Drittel (31 Prozent) plant, weniger Fleisch zu essen, und fast ebenso viele (30 Prozent) wollen ihren Konsum in der Fastenzeit grundsätzlich einschränken. Jeder Fünfte (20 Prozent) will versuchen, Plastik und Verpackungen zu vermeiden. Digitales Fasten, also in Bezug auf Handy oder Computer, plant nur eine kleine Minderheit (5 Prozent).

Unsicher sind sich viele noch, ob sie auch nach der Fastenzeit weiter verzichten: Nur jeder Dritte (34 Prozent) plant, die sieben Wochen als Startpunkt für langfristige Veränderungen zu nehmen. Ein weiteres Drittel (35 Prozent) will das erst nach der Fastenzeit entscheiden. Knapp ein Fünftel (18 Prozent) wollen den Verzicht zwar fortsetzen - aber nur, wenn er ihnen leichtfällt. Und 8 Prozent wissen schon, dass sie nach Ostern wieder zum alten Konsum zurückkehren.


Verfasser: dpa-infocom GmbH

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