Statt Corona-Schließung: Zoos leben wieder auf

18.05.2022
Die Pandemie zwingt einst auch Tierparks zur Schließung. Futter- und Personalkosten laufen aber weiter, Tag für Tag. Den größten Zoo im Land können nur noch Spenden retten. Nun ist die Entspannung der Corona-Lage auch vor den Tiergehegen zu spüren.
Ein Berberlöwen-Baby steht im Zoo in Neuwied neben seinem Vater. Die Berberlöwen sind eine Attraktion des Zoos. Foto: picture alliance / Thomas Frey/dpa
Ein Berberlöwen-Baby steht im Zoo in Neuwied neben seinem Vater. Die Berberlöwen sind eine Attraktion des Zoos. Foto: picture alliance / Thomas Frey/dpa

Bell/Neuwied/Landau (dpa/lrs) - Der Chef des Tierparks Bell im Hunsrück, Remo Müller, hat das nie vergessen: An Weihnachten 2020 ziehen Anwohner mit Leiterwagen und Traktoren zu seinen Tieren, um ihnen mitten in der Corona-Krise Heuballen, Äpfel und Nüsse zu bringen, wie er erzählt.

Weiter nördlich steht der Zoo Neuwied damals in den Zeiten von Zwangsschließungen auch der Tierparks sogar vor der Pleite - bis ihn viele Spender retten. Jetzt entspannt sich die Pandemie-Lage. Darüber freuen sich auch die Zoos in Rheinland-Pfalz.

Die stellvertretende Direktorin der landesweit größten derartigen Einrichtung in Neuwied, Jasmin Kuckenberg, sagt: «Es ist toll, dass sich die Besucher endlich wieder frei bewegen können.» Der Andrang sei ähnlich groß wie im Vor-Corona-Jahr 2019. «Aber in diesem Jahr hat es früher angefangen. Die ersten Besucher sind schon mit den ersten Sonnenstrahlen im Februar gekommen.» Es gebe im Zoo Neuwied keine Corona-Auflagen mehr, auch nicht in den Tierhäusern, wo indessen manche Besucher noch freiwillig eine Maske trügen.

Noch gibt es Vorsichtsmaßnahmen

Erleichterung auch im Zoo im pfälzischen Landau: «Zur Zeit nähern wir uns etwa dem Normalbetrieb der Vor-Corona-Zeit an», sagt Direktor Jens-Ove Heckel. Es gebe noch einige Vorsichtsmaßnahmen, etwa eine Maskenpflicht in geschlossenen Räumen oder vorerst den Verzicht auf kommentierte Fütterungen mit zu vielen gedrängten Besuchern. Was deren Zahl angehe, habe das Jahr aber sehr gut angefangen. Die Zahl der zahlenden Besucher lag im Zoo Landau im langjährigen Durchschnitt in der Vor-Corona-Zeit zwischen 160.000 und 165.000 pro Jahr. Zuletzt waren es 140.332 (2020) und 172.817 (2021) - trotz Teilschließung.

Also gab es sogar eine Steigerung der Besucherzahlen im vergangenen Jahr. Das berichten auch andere Tierparks. Remo Müller vom Tiererlebnispark Bell bei Kastellaun erklärt das mit den zeitweise geschlossenen Restaurants und Diskotheken sowie mit den ausgefallenen Volksfesten und sonstigen Veranstaltungen, während Zoos schon wieder geöffnet waren. Er hat im Corona-Jahr 2021 rund 70.000 Besucher gezählt - nach etwa 55 000 im Vor-Corona-Jahr 2019. Der kaufmännische Leiter des Zoos Neuwied, Hans Dieter Neuer, berichtet von 177.905 Besuchern im Jahr 2019, 195.940 Gästen 2020 und 226. 326 Besucher 2021.

Tierparkchef Müller sagt, die staatlichen Finanzhilfen in der Pandemie seien erst spät geflossen, «dann aber sehr großzügig». Im vergangenen Winter habe der Tiererlebnispark Bell auch abends geöffnet und Dinner und Varieté angeboten: «Wir mussten uns halt was einfallen lassen. Man muss ackern statt zu jammern», betont der gelernte Koch und Tierpfleger, der in seinem Tierpark auch sinnigerweise ein vegetarisches Restaurant betreibt. Das neue Projekt seines Familienbetriebs bei Bell mit rund 150 Tieren auf sieben Hektar: ein 4-D-Kino. «Da vibrieren die Bänke, Papageien flattern im Kino rum und es gibt Geruch und Regen», erklärt Müller, der aus der Schweiz stammt. Bislang sei eine kürzere Vorschau zu sehen, bis von diesem Sommer an ein längerer Tierfilm laufen werde.

Spenden haben geholfen

In Neuwied sind im Winter 2020/21 Hunderttausende Euro von vielen Spendern binnen kurzer Zeit für den damals coronabedingt geschlossenen Zoo zusammengekommen. Ein schon geplanter Runder Tisch mit Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) konnte daher kurzfristig abgesagt werden. Sie dankte damals den Spendern: «Das zeigt, wie sehr der Zoo den Menschen in und um Neuwied am Herzen liegt.» Der Zoo Neuwied hat nach eigenen Angaben mehr als 1800 Tiere auf 13,5 Hektar und einschließlich seiner Aushilfen rund 90 Mitarbeiter. Auch bei einer Schließung laufen viele Kosten weiter, etwa für die Beschäftigten und das Tierfutter, Tag für Tag. Rund 8000 Euro benötigt der Zoo nach eigenen Angaben täglich. Auch von staatlicher Seite sei eine niedrige sechsstellige Hilfssumme geflossen.

Die Corona-Pandemie finanziell überstanden hat auch der Zoo Landau - dank einer besonderen Kostenkontrolle durch hohe Ausgabedisziplin, wie sein Direktor Heckel erklärt. Auch er hebt ein «herausragendes bürgerschaftliches Engagement» mit vielen zusätzlichen Tierpatenschaften und Coronaspenden hervor. «Das hat uns sehr viel geholfen.» Er sei dafür dankbar. «Das zeigt uns die sehr hohe Akzeptanz, die unser Zoo mit seiner Arbeit bei den Bürgerinnen und Bürgern, unseren Besuchern, aber auch bei den politischen Entscheidungsträgern genießt.» In Landau sind rund 900 Tiere auf etwa 4,5 Hektar zu sehen.

Während der früheren Corona-Lockdowns für Zoos haben womöglich auch manche Tiere die Besucher vermisst. Der Neuwieder Zoodirektor Mirko Thiel jedenfalls hat im Februar 2021 kurz vor einer Wiedereröffnung gesagt, dass zum Beispiel Schimpansen «auch mit den Besuchern interagieren». Die Tierpfleger hätten sich einiges einfallen lassen, um die Affen während der Zooschließung zu beschäftigen. «Ich denke, wenn jetzt die Besucher wieder da sind, dann haben die Schimpansen auch wieder ihre Daily Soap» (Seifenoper).

© dpa-infocom, dpa:220518-99-334308/2

Zoo Neuwied

Zoo Landau

Tiererlebnispark Bell


Verfasser: dpa-infocom GmbH

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