Zahl der Beschwerden so hoch wie noch nie

19.05.2021
Es geht um Versicherungen, Energieverträge oder Finanzprodukte: Ungebetene Telefonwerbung geht vielen Menschen mächtig auf den Keks. Bei einer Bundesbehörde kann man sich beschweren, damit die Übeltäter endlich damit aufhören.
Ungebetene Werbeanrufe sind eigentlich verboten. Daher ist es auch nicht unhöflich, einfach aufzulegen. Foto: Christin Klose/dpa-tmn
Ungebetene Werbeanrufe sind eigentlich verboten. Daher ist es auch nicht unhöflich, einfach aufzulegen. Foto: Christin Klose/dpa-tmn

Bonn (dpa) - Wegen unerlaubter Werbeanrufe haben sich deutlich mehr Bürger als zuvor bei der Bundesnetzagentur beschwert. Die Zahl solcher kritischer Wortmeldungen liege in den ersten vier Monaten dieses Jahres bei rund 30.000 und damit 12.000 höher als im Vorjahreszeitraum.

Werbeanrufe sind nur erlaubt, wenn der Angerufene vorher eingewilligt hat. Behördenchef der Bundesnetzagentur Jochen Homann betonte, dass die Dunkelziffer hierbei hoch sei. «Die Zahlen werden in Wahrheit also erheblich höher sein als das, was wir registrieren.»

Corona könnte ein Indikator für mehr Werbeanrufe sein

Auf einen Grund für den Anstieg wollte er sich nicht festlegen. Auf die Frage, ob der Anstieg auch an der Corona-Pandemie liegen könnte, schließlich sind viele Menschen seit März 2020 im Homeoffice und daher daheim besser erreichbar, sagte Homann: «Das mag so sein, das vermag ich nicht zu beurteilen.» Teilweise könnte es auch daran gelegen haben, dass die Beschwerdemöglichkeit inzwischen bekannter geworden sei und sich daher mehr Betroffene als zuvor meldeten.

Allerdings ist der Anstieg sehr deutlich. Vergleicht man die Vorjahre miteinander, so sieht die Entwicklung anders aus: 2018 waren es 62.200 Beschwerden wegen unerlaubter Telefonwerbung, 2019 sank die Zahl auf 57.700 Beschwerden, 2020 stieg diese Zahl wiederum auf 63.300 - der letzte Jahreswert war so hoch wie noch nie.

Für Ärger sorgen besonders Anrufe, in denen Versicherungen, Finanzprodukte und Energieverträge angeboten werden. Die Zahl der Beschwerden zu Anrufen über Telekommunikationsdienstleistungen nahm hingegen ab, nachdem die Behörde diesen Bereich zu einem Verfolgungsschwerpunkt gemacht hatte.

Bußgelder in Millionenhöhe

Als Folge der Beschwerden leitete die Bundesbehörde im vergangenen Jahr Ermittlungsverfahren gegen zahlreiche Unternehmen ein und erließ 17 Bußgeldbescheide, denen oftmals mehr als 1000 Verbraucherbeschwerden zugrunde lagen. Die Netzagentur verdonnerte die Firmen zur Zahlung von insgesamt 1,35 Millionen Euro und damit etwa so viel wie ein Jahr zuvor.

In dem Jahresbericht der Bundesnetzagentur beschreiben die Autoren die Anrufe als «ein erhebliches Problem [...], das in vielfältiger Form zur Belästigung und Verärgerung zahlreicher Verbraucherinnen und Verbraucher führt». Die Telefonate würden «mit oftmals professionell geschulter Methode in telefonische Werbegespräche verwickelt, die das Ziel verfolgen, bestimmte Produkte oder Dienstleistungen zu verkaufen, obwohl der Anruf weder erwünscht noch erlaubt wurde».

Ein Bundesgesetz für faire Verbraucherverträge, das noch in der Mache ist, könnte das Problem mindern: Es sieht vor, dass telefonisch abgeschlossene Strom- und Gasverträge schriftlich bestätigt werden müssen. Zudem sollen die Firmen verpflichtet werden, die Einwilligung der Verbraucher in Telefonwerbung zu dokumentieren. Damit würde der Bundesnetzagentur geholfen zu prüfen, ob die Verbraucher der telefonischen Werbung tatsächlich zugestimmt hatten. Homann sieht das Gesetz sehr positiv: «Ich glaube, das wird dem einen oder anderen Missbrauch in diesem Bereich einen Riegel vorschieben.»

Gesetze gegen Kostenfallen am Telefon

Solche Einschätzungen gibt es auch im Bundestag. Der CDU-Abgeordnete Sebastian Steineke sagte, mit dem Gesetz reagiere man auf die hohe Zahl von Verbraucherbeschwerden bei der Bundesnetzagentur. «Mit dem Gesetz für faire Verbraucherverträge gehen wir konsequent gegen Kostenfallen, auch am Telefon, vor.» Insbesondere bei betrugsanfälligen Tatbeständen wie den Energielieferverträge wird nach seiner Darstellung aller Voraussicht nach verhindert werden, dass es weiter zu unerlaubter Telefonwerbung komme.

Aus Oppositionsreihen kam hingegen Kritik. «Unerlaubte Telefonanrufe sind offensichtlich ein Problem, welches die Bundesregierung und die Bundesnetzagentur unterschätzt haben», sagte der FDP-Bundestagsabgeordnete Reinhard Houben. «Die Unart, Privatpersonen ungebeten zu Hause anzurufen, nimmt überhand.» Eine entsprechende Regelung, um das zu verhindern, sei längst überfällig.

Nach Einschätzung des FDP-Politikers liegt der unlängst registrierte Beschwerdeanstieg zumindest teilweise an der Corona-Pandemie samt Homeoffice. Außerdem könnte es ein Grund sein, dass der Haustürverkauf in Pandemiezeiten nicht mehr funktioniere. Vermutlich hätten manche Vertriebler daher auf das Telefon umgesattelt. Houben ist Mitglied des Beirats der Bundesnetzagentur.

© dpa-infocom, dpa:210519-99-660779/4

Mitteilung der Bundesnetzagentur


Verfasser: dpa-infocom GmbH

KEYWORDS

TEILEN


Das könnte Sie auch interessieren
Die Verbraucherzentrale NRW sammelte in zwei Jahren 21 000 Beschwerden über Paketdienste. Foto: Rainer Jensen/dpa-tmn Telefon-Abzocke und Post-Mängel verärgern Verbraucher Der Handy-Anruf zieht einem das Geld aus der Tasche, auf den Paketboten wartet man vergeblich, dazu jede Menge lästige Telefonwerbung - die neue Medienwelt nervt viele Verbraucher. Die Bundesnetzagentur fordert Bußgelder, um Kunden besser zu schützen.
Verbraucher können sich gegen ungebetene Anrufe zu Werbezwecken mit einer Beschwerde zur Wehr setzen. Foto: Marc Müller Unerlaubte Telefonwerbung nimmt zu Sie sind nicht nur unerbeten - sondern häufig auch verboten: Anrufe, in denen Unternehmen für Produkte und Dienstleistungen werben. Häufig kommen dabei auch Kaufverträge zustande. Die Zahl der Beschwerden steigt. Braucht es neue Regeln?
Die Beschwerden über unerlaubte Telefonwerbung sind zwar 2019 leicht zurückgegangen, doch waren es immer noch Zehntausende Betroffene, die sich an die Bundesnetzagentur wanden. Foto: Oliver Berg/dpa Immer noch Zehntausende Beschwerden wegen Telefonwerbung Das Telefon klingelt: Man soll einen Vertrag abschließen, den Stromanbieter wechseln oder etwas kaufen. Solche Werbung ist in Deutschland eigentlich verboten - die Realität sieht anders aus.
Der Europäische Gerichtshof hat geurteilt, dass Telefonate mit einem Kundendienst unter 0180-Nummern nicht teurer sein dürfen als Anrufe unter gewöhnlichen Festnetz- oder Mobilfunknummern. Foto: Silas Stein//dpa EuGH verbietet Zusatzkosten bei Kundenhotlines Den Kundenservice anrufen - wird das nicht teuer? Diese Frage müssen sich Verbraucher künftig in vielen Fällen nicht mehr stellen. Ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs deckelt weitgehend die Kosten für 0180-Nummern.