Fast 200 Geldinstitute geben Negativzinsen an Sparer weiter

07.01.2021
Banken und Sparkassen müssen Zinsen zahlen, wenn sie Geld bei der Europäischen Zentralbank parken. Immer mehr Institute geben die Belastung inzwischen ganz oder teilweise an Privatkunden weiter.
Immer mehr Geldhäuser berechnen ihren Kunden Negativzinsen. Foto: picture alliance / Daniel Karmann/dpa/Archiv
Immer mehr Geldhäuser berechnen ihren Kunden Negativzinsen. Foto: picture alliance / Daniel Karmann/dpa/Archiv

Frankfurt/Main (dpa) - Für immer mehr Sparer wird Tagesgeld bei größeren Summen zu einem Minusgeschäft. Allein zum Jahreswechsel haben nach einer Auswertung des Vergleichsportals Verivox 24 Banken und Sparkassen Negativzinsen ab bestimmten Summen eingeführt oder bestehende Regelungen verschärft.

Damit brummen inzwischen insgesamt 197 Institute Privatkunden Strafzinsen auf. «Die Negativzinswelle rollt mit unverminderter Wucht über das Land», analysierte Oliver Maier, Geschäftsführer der Verivox Finanzvergleich GmbH. Eine Trendwende ist nach seiner Einschätzung vorerst nicht in Sicht.

«Nach dem historischen Konjunktureinbruch im Zuge der Corona-Pandemie sind höhere Zinsen auf absehbare Zeit kein Thema», argumentierte Maier. «In den kommenden Wochen und Monaten dürften viele weitere Banken Negativzinsen einführen.»

Geschäftsbanken müssen aktuell 0,5 Prozent Zinsen zahlen, wenn sie überschüssige Gelder bei der Europäischen Zentralbank (EZB) parken. Auch wenn es inzwischen Freibeträge für bestimmte Summen gibt, bleibt dies für die Branche eine Milliardenbelastung. Die Kosten geben immer mehr Geldhäuser ganz oder teilweise weiter und berechnen Kunden Negativzinsen.

Das Vergleichsportal wertet die im Internet veröffentlichten Preisaushänge von etwa 800 Banken und Sparkassen aus. Demnach haben 20 Institute zum Jahresbeginn Strafzinsen eingeführt. Drei weitere haben den Freibetrag gesenkt. Ein Institut hat die Negativzinsen tiefer ins Minus gedrückt.

Den Angaben zufolge räumen insgesamt 58 Kreditinstitute ihren Kunden deutlich weniger als 100.000 Euro Freibetrag ein, davon verlangen neun Geldhäuser ab dem ersten Euro Strafzinsen. Teilweise können aber Freibeträge individuell vereinbart werden. Auch die drei - gemessen an der Kundenzahl - größten Online-Banken haben Negativzinsen eingeführt. Die Angaben beziehen sich auf Tagesgeldkonten. In einigen wenigen Fällen gilt der Negativzins fürs Girokonto.

Verbraucherschützern zufolge sind Negativzinsen bei Bestands- und Neukunden nur zulässig, wenn das Verwahrentgelt explizit mit ihnen vereinbart wurde. Es reiche nicht, lediglich die Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) zu ändern.

Verivox weist darauf hin, dass nicht alle Banken ihren Preisaushang online veröffentlichen oder darin Negativzinsen ausweisen. Tatsächlich dürften daher mehr als 197 Banken ein Verwahrentgelt von Privatkunden verlangen. Zum Vergleich: Nach letzten Daten der Bundesbank gab es 2019 noch 1717 Kreditinstitute in Deutschland.

© dpa-infocom, dpa:210107-99-929105/3

Zeitreihe Leitzinsen der EZB

EZB-Kaufprogramme

FMH Finanzberatung zu Negativzinsen

Vervivox-Übersicht


Verfasser: dpa-infocom GmbH

KEYWORDS

TEILEN


Das könnte Sie auch interessieren
Laut Daten des Vergleichsportals Verivox haben in diesem Jahr schon 35 Banken Negativzinsen für Guthaben vor allem auf dem Tagesgeldkonto eingeführt. Foto: picture alliance / Daniel Karmann/dpa/Illustration Immer mehr Banken kassieren Negativzinsen Das Geld auf dem Tagesgeldkonto wird weniger statt mehr. Die Zahl der Kreditinstitute steigt, die Negativzinsen an Sparer weitergeben. Es trifft inzwischen nicht mehr nur vermögende Privatkunden.
Verdrehte Welt: Bei Tagesgeld müssen inzwischen mitunter die Kunden der Bank Zinsen zahlen - die Institute sprechen oft von einem Verwahrentgelt. Foto: Frank Rumpenhorst/dpa-tmn Minuszinsen bei Tagesgeld: Was Bankkunden wissen müssen Zinsen zahlen mittlerweile manchmal die Bankkunden - auf Einlagen auf dem Tagesgeldkonto. Angst vor einer Änderung über Nacht müssen sie aber nicht haben. Was Verbraucher wissen sollten.
Für das Ersparte keine Zinsen bekommen, sondern selbst welche zahlen: Erstmals erhebt ein Geldinstitut jetzt Negativzinsen auch auf Tagesgeldeinlagen zwischen 75 000 und 100 000 Euro. Foto: Andrea Warnecke/dpa-tmn Negativzinsen auch für Privatkonto unter 100 000 Euro Geld auf dem Konto liegen zu lassen, kostet - das gilt inzwischen für Privatkunden verschiedener Geldinstitute. Negativzinsen können aber nicht einfach so eingeführt werden, sagen Verbraucherschützer.
Die Zahl der Banken und Sparkassen, die Kunden für größere Summen auf dem Tagesgeldkonto Negativzinsen aufbürden, hat sich Verivox zufolge innerhalb eines Jahres nahezu verzehnfacht. Foto: Daniel Karmann/dpa Banken verlangen von Sparern häufiger Negativzinsen Immer mehr Finanzinstitute bürden Sparern Negativzinsen auf. Innerhalb eines Jahres hat sich die Zahl dieser Geldhäuser nahezu verzehnfacht.