Coronakrise lässt privaten Konsum einbrechen

16.03.2021
Während der Corona-Lockdowns haben die Menschen in Deutschland deutlich weniger konsumiert als zuvor. Wohin das nicht ausgegebene Geld geflossen ist, weiß das Statistische Bundesamt.
Wegen der Corona-Krise: Der private Konsum in Deutschland ist so stark zurückgegangen wie seit 50 Jahren nicht mehr. Foto: Markus Scholz/dpa
Wegen der Corona-Krise: Der private Konsum in Deutschland ist so stark zurückgegangen wie seit 50 Jahren nicht mehr. Foto: Markus Scholz/dpa

Wiesbaden (dpa) - In der Corona-Krise ist der private Konsum in Deutschland so stark zurückgegangen wie seit 50 Jahren nicht mehr. Die Haushalte gaben im vergangenen Jahr für Waren und Dienstleistungen 4,6 Prozent weniger Geld aus als ein Jahr zuvor, wie das Statistische Bundesamt am Montag berichtete.

Das war der stärkste Rückgang seit 1970 und unterscheidet sich fundamental vom Verbraucherverhalten in der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009. Damals hatte der private Konsum die deutsche Volkswirtschaft gestützt und zur schnellen Erholung beigetragen.

Dienstleistungen waren kaum gefragt

Bereinigt um die Preisentwicklung betrug das Minus zum Vorjahr sogar 5,0 Prozent. Die Gründe für die Einbußen liegen auf der Hand: In der Pandemie waren viele Geschäfte über Monate geschlossen, Urlaube wurden abgesagt, und etliche Dienstleistungen insbesondere rund um die Mobilität waren kaum gefragt. Es gab für die Menschen schlicht weniger Möglichkeiten, ihr Geld auszugeben.

Die Leute haben das Geld auf die hohe Kante gelegt, weiß der Chef-Volkswirt der Vermögensverwaltung Flossbach von Storch, Thomas Mayer, denn das verfügbare Einkommen der privaten Haushalte sei unter anderem wegen des Kurzarbeitergelds sogar noch etwas gestiegen. Laut Bundesamt explodierte die Sparquote um 50,3 Prozent auf knapp 16 Prozent des verfügbaren Einkommens.

Inflationsgefahr

Ökonom Mayer erwartet in der Folge einen Nachfrage- und Preisschub mit entsprechender Inflationsgefahr. «Wenn die Pandemie schließlich abebbt, werden die Geldersparnisse in den Konsum fließen. Mit den Konsumausgaben dürften auch die Preise steigen. Höhere Inflation könnte dann die Lohnrunde 2022 beeinflussen, und es könnte zu einer Preis-Lohn-Preis Spirale kommen, wie wir sie zuletzt in den 1970er-Jahren gesehen haben.» Mayer zweifelt daran, dass die Europäische Zentralbank in diesem Fall wirkungsvoll gegenhalten könnte, etwa mit dem Verkauf ihrer Anleihen oder höheren Leitzinsen.

Einige Branchen haben besonders gelitten

Deutlich ist an den Statistiken abzulesen, welche Branchen besonders heftig unter den Lockdown-Maßnahmen im Frühjahr und ab November gelitten haben. So gaben die Leute in dem Jahr 33,2 Prozent weniger für Hotel- und Gaststättenbesuche aus. Auch für Bahn-, Flugzeug- und ÖPNV-Tickets sanken die Ausgaben um ein gutes Drittel. In den Innenstädten litten vor allem die Händler von Schuhen und Bekleidung unter einem Rückgang von 14,5 Prozent der Ausgaben.

Für Nahrungsmittel und alkoholfreie Getränke gaben die Menschen mehr Geld aus, weil sie einfach häufiger zuhause waren. Im Gesamtjahr stieg dieser Posten um 6,3 Prozent. Mit einem Anstieg um 3,0 Prozent für alkoholische Getränke hielt sich hingegen der befürchtete «Corona-Suff» bei gleichzeitig über Monate geschlossenen Bars und Kneipen noch in Grenzen.

Bereitschaft langfristige Anschaffungen gewachsen

Im zweiten Halbjahr wuchs aber laut Statistik auch die Bereitschaft der Bürger für langfristige Anschaffungen. Dazu zählen beispielsweise Autos, Möbel oder größere Elektrogeräte. Nach einem Rückgang um 8,5 Prozent in der ersten Jahreshälfte für langfristige Gebrauchsgüter wurden im zweiten Halbjahr 7,8 Prozent mehr ausgegeben als im entsprechenden Vorjahreszeitraum. Hier dürfte auch die vorübergehende Absenkung der Mehrwertsteuer in der zweiten Jahreshälfte eine Rolle gespielt haben, vermuten die Statistiker. Allerdings fiel der Schub deutlich schwächer aus als im Jahr 2009, als mit einer Abwrackprämie besonders der Autokauf angeheizt wurde.

Der Online-Handel habe die Schließung der lokalen Geschäfte nicht vollständig ausgleichen können, sagt der Chef-Volkswirt der Commerzbank, Jörg Krämer. Er verweist auf die Verantwortlichkeit der Politik: «Die Zahlen der Wiesbadener Statistiker machen noch einmal klar, dass die deutsche Konjunktur mit der Lockerung der Corona-Beschränkungen steht und fällt. Es wird darauf ankommen, wie die Politiker aus Bund und Ländern die zuletzt gestiegenen Infektionszahlen interpretieren.»

© dpa-infocom, dpa:210316-99-844556/8

Mitteilung Destatis


Verfasser: dpa-infocom GmbH

KEYWORDS

TEILEN


Das könnte Sie auch interessieren
Die Mehrheit der Bundesbürger rechnet im kommenden Jahr mit einer guten finanziellen Lage. Foto: Sebastian Gollnow/dpa Deutsche Verbraucher sind besonders optimistisch Keine spürbare Angst vor einer Rezession: Deutsche Verbraucher bewerten ihre eigene finanzielle Situation entgegen der aktuellen Wirtschaftslage als überraschend positiv. In Europa blicken nur die Dänen noch zukunftsfroher auf das Jahr 2020.
Tarifbeschäftigte haben kaum Grund zur Freude: Gehaltserhöhungen werden derzeit durch die Inflation wieder aufgehoben. Foto: Arno Burgi Inflation zehrt Gehaltsplus von Tarifbeschäftigten auf Die Löhne und Gehälter in Deutschland steigen weiter. Das hilft vielen Angestellten mit Tarifvertrag aber nicht, denn die Verbraucherpreise ziehen ebenfalls an. Auch für die Konsumstimmung hat die anziehende Inflation Folgen.
Der Kinderbonus wurde mehr für neue Anschaffungen genutzt als die gesenkte Mehrwertsteuer. Das ergab eine Untersuchung des Statistischen Bundesamtes. Foto: picture alliance / dpa Mehr Kaufanreiz durch Kinderbonus als Mehrwertsteuersenkung In der Coronakrise wollte die Bundesregierung im vergangenen Jahr den privaten Konsum ankurbeln. Für ein halbes Jahr wurden die Mehrwertsteuer gesenkt und an Eltern Bonuszahlungen ausgeschüttet.
Laut einer Umfrage der Bundesbank mussten 40 Prozent der Befragten wegen der Corona-Krise Einkommensverluste hinnehmen. Foto: Monika Skolimowska/zb/dpa Corona-Krise trifft Einkommen vieler Menschen Die Pandemie im Frühjahr hat viele Haushalte finanziell getroffen. Die Unterschiede nach dem Lockdown waren aber groß. Eine Gruppe kommt besonders gut weg.