Corona erhöht Armutsgefahr im Rentenalter

01.10.2020
Jeder fünfte Rentner muss einem Forscher zufolge an oder unter der Armutsgrenze leben, vor allem Frauen. Die Zahl der Betroffenen werde sich weiter erhöhen. Hinzu kommt nun noch die Corona-Pandemie.
Kurzarbeit oder Jobverlust: Die Pandemie erhöht für viele das Risiko, im Alter unter die Armutsgrenze zu fallen. Foto: picture alliance / Karl-Josef Hildenbrand/dpa
Kurzarbeit oder Jobverlust: Die Pandemie erhöht für viele das Risiko, im Alter unter die Armutsgrenze zu fallen. Foto: picture alliance / Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Wiesbaden (dpa) - Eine wachsende Zahl älterer Menschen in Deutschland ist von Armut bedroht. Die Armutsgefährdung sei in der Gruppe ab 65 Jahren zuletzt am meisten gestiegen, teilte das Statistische Bundesamt in Wiesbaden mit.

Der Zuwachs seit dem Jahr 2005 betrug demnach 4,7 Punkte. Im vergangenen Jahr seien 15,7 Prozent der Menschen in der Altersgruppe betroffen gewesen. Der Anteil erreichte annähernd das Niveau der Gesamtbevölkerung, er stieg hier um 1,2 Punkte auf 15,9 Prozent.

Weniger als 1074 Euro im Monat

Armut wird in der Bundesrepublik über das Haushaltseinkommen und die daraus folgenden Möglichkeiten an gesellschaftlicher Teilhabe definiert. Die Armutsgefährdungsquote gibt den Anteil der Bevölkerung an, der mit weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens auskommen muss. Bei einem Ein-Personen-Haushalt lag diese Grenze 2019 bei 1074 Euro im Monat.

Tatsächlich lebten weitaus mehr ältere Menschen an oder unter der Armutsgrenze, als die Prozentzahlen auf den ersten Blick vermuten ließen, sagt der Forscher Christoph Butterwegge. Denn in der Grundgesamtheit seien auch Pensionäre sowie Menschen enthalten, die sehr gut von ihren Kapitalerträgen leben könnten. Betrachte man nur die Rentner, sei aktuell bereits jeder fünfte betroffen - vor allem Frauen. Das Problem werde sich künftig verschärfen. Ein Grund sei das abgesenkte und nach dem Jahr 2025 weiter sinkende Rentenniveau. Auch der breite Niedriglohnsektor verursache immer mehr Altersarmut.

Es sei zudem davon auszugehen, dass die Pandemie die Lage verschärfe: «Die Altersarmut wird durch die Rezession deutlich ansteigen», stellt Butterwegge fest. Betroffen von Kurzarbeit und Entlassungen seien vor allem Geringverdiener. Auch aktuell verschlimmere Corona bereits die Lage: «Mehr als eine Million Kleinstrentner haben Minijobs, um über die Runden zu kommen. Davon sind viele durch die Beschränkungen weggefallen. Sie erhalten keine staatliche Leistung als Ersatz.»

Hohe Gesundheitskosten im Alter

Armut treffe ältere Menschen besonders hart, denn sie seien mit teils hohen Gesundheitskosten konfrontiert. Zudem drohe ihnen Einsamkeit und soziale Isolation. Die neue Grundrente sei an sich eine richtige Maßnahme, doch mit durchschnittlich 75 bis 80 Euro monatlich für 1,3 Millionen Menschen viel zu gering bemessen, kritisierte der Forscher.

Nach Angaben des Statistischen Bundesamts bezogen Ende vergangenes Jahres 3,2 Prozent der Menschen im Rentenalter Grundsicherung. Laut Butterwegge ist hier von einer hohen Dunkelziffer auszugehen. Zwei Drittel der Anspruchsberechtigten stellten aus Scham, falschem Stolz oder Unkenntnis keinen Antrag.

Das höchste Armutsrisiko hatten die älteren Menschen vergangenes Jahr im Saarland mit einer Quote von 18,4 Prozent, gefolgt von Rheinland-Pfalz mit 17,8 und Bayern mit 17,5 Prozent. Am niedrigsten war es laut dem Bundesamt in Brandenburg mit 12,5 Prozent, Schleswig-Holstein mit 13 Prozent sowie Thüringen und Sachsen mit jeweils 13,4 Prozent. Den höchsten Anstieg seit 2005 weist die Statistik für Berlin mit einem Plus von 7,4 Punkten auf 14,8 Prozent und Nordrhein-Westfalen mit 7,1 Punkten auf 16,8 Prozent aus.

In Ost- und Westdeutschland war der Anstieg ähnlich hoch, es wurde aber ein unterschiedlicher Stand erreicht: 2019 war die Quote im Osten mit 13,8 Prozent geringer als in Westdeutschland mit 16,2 Prozent. In Ostdeutschland falle der Anstieg aber stärker ins Gewicht, da die Bevölkerung stärker altere - teils durch Abwanderung, teils durch geringe Zuwanderung, erklärte das Bundesamt.

© dpa-infocom, dpa:201001-99-788798/2

Mitteilung Destatis

Homepage Butterwegge


Verfasser: dpa-infocom GmbH

KEYWORDS

TEILEN


Das könnte Sie auch interessieren
Zwar gibt es weniger Menschen, die eine Grundsicherung erhalten, doch eine Trendwende bei Altersarmut zeichnet sich nicht ab. Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa Grundsicherung: Weniger Bezieher - doch Altersarmut bleibt Eigentlich klingt es nach einer guten Nachricht: Die Zahl der Menschen, die Grundsicherung erhalten, ist 2016 erstmals leicht zurückgegangen. Sozialverbände sehen dennoch keine Trendwende bei der Altersarmut.
Zum 1. Januar 2021 werden die Hartz-IV-Sätze erhöht. Bezieher erhalten dann 14 Euro mehr im Monat. Foto: Ralf Hirschberger/dpa-Zentralbild/dpa-tmn Nächstes Jahr 14 Euro mehr im Monat für Hartz-IV-Empfänger Bei den Hartz-IV-Sätzen gibt es nun Klarheit: Abschließenden Berechnungen des Bundesarbeitsministeriums zufolge soll es vor allem für Jugendliche im nächsten Jahr deutlich mehr geben.
Der Anteil der Deutschen, die nicht in den Urlaub fahren können, liegt weit unter dem EU-Durchschnitt. Foto: Arne Dedert Rund jeder Sechste kann sich keine Urlaubsreise leisten Ferienzeit - Urlaubszeit. Viele Bundesbürger müssen aber zu Hause bleiben - aus finanziellen Gründen. Empfänger von Hartz IV müssen noch mehr beachten.
Zwar wurden die Einkommens- und Vermögensunterschiede zwischen Ost und West in den letzten Jahrzehnten kleiner. Eine vollkommene Angleichung gab es aber bisher nicht. Foto: Monika Skolimowska/dpa-Zentralbild/dpa Wie verteilt sich der Wohlstand auf Ost und West heute? Guckt man aufs Geld, sieht man: Die Verhältnisse in Ost und West haben sich angeglichen - aber auch nach 30 Jahren Einheit haben Einkommen und Vermögen noch nicht ganz dasselbe Niveau erreicht.