Warum Elektro-Carsharing kaum vorankommt

09.11.2021
Carsharing als wichtiger Teil der Verkehrswende, so lautet das Selbstbild vieler Anbieter. Damit das zutreffe, müsse noch mehr auf E-Autos gesetzt werden, betonen Umweltschützer. Der Weg zur vollelektrischen Flotte ist kompliziert.
Umweltschützer und auch Stadtverwaltungen dringen bei Autovermietern auf umweltfreundlichere Flotten. Foto: Jonas Walzberg/dpa
Umweltschützer und auch Stadtverwaltungen dringen bei Autovermietern auf umweltfreundlichere Flotten. Foto: Jonas Walzberg/dpa

Berlin (dpa) - Für viele Städter ist ein Carsharing-Auto das Mittel der Wahl, wenn der Weg etwas weiter ist, das Wetter ungemütlich oder etwas Schweres transportiert werden muss. Doch häufig sind die Wagen noch mit einem Verbrennermotor ausgestattet.

Das kritisieren Umweltschützer und auch Stadtverwaltungen dringen inzwischen auf umweltfreundlichere Flotten. Noch ist es mitunter schwierig, bei der Buchung ein E-Auto zu finden.

Je nachh Anbieter sehr unterschiedlich

Denn der Anteil der E-Autos in den deutschen Sharing-Flotten ist nach einer dpa-Umfrage je nach Anbieter sehr unterschiedlich. So hatten Ende Oktober rund 20 Prozent der 5650 Share-Now-Fahrzeuge einen Elektroantrieb. Cambio kommt eigenen Angaben zufolge auf 6 Prozent. Einen alternativen Antrieb haben bei der Bahntochter Flinkster rund 10 Prozent der Autos - davon ein Großteil mit E-Antrieb, wie ein Bahnsprecher mitteilte. In der Carsharing-Flotte von Sixt ist es den Angaben zufolge ein Drittel.

Den geringsten Anteil unter den angefragten Unternehmen hat Ford Carsharing mit 0,3 Prozent Fahrzeugen mit Elektro- oder Hybrid-Antrieb. Spitzenreiter ist der noch junge Anbieter Weshare. Alle 2300 Fahrzeuge sind vollelektrisch, wie ein Sprecher sagte. Noch gibt es das Angebot aber nur in den Metropolen Berlin und Hamburg. Das Unternehmen Miles ließ die Zahl der E-Autos in seiner Flotte auf Nachfrage offen.

Elektrifizierung liegt im Trend

«Aus unserer Sicht müssen Sharing-Fahrzeuge vor allem klein sein, sie müssen sparsam sein, und sie sollten elektrisch sein», sagte Jens Hilgenberg vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). «Was wir nicht brauchen, sind irgendwelche großen SUV und was wir auch nicht brauchen, ist auf absehbare Zeit der Verbrenner», sagt der Mobilitätsexperte der Deutschen Presse-Agentur.

«Die Elektrifizierung liegt im Trend», zeigte sich der Branchenexperte Stefan Bratzel überzeugt. Für Aufsehen sorgte zuletzt etwa der Autovermieter Hertz. In Amerika will das Unternehmen seine Flotte um 100.000 Elektroautos von Tesla erweitern. «Wenn ein so großer Player auf Elektrifizierung setzt, dann verleiht das dem Thema grundsätzlich Schwung», so Bratzel.

Erwartungen und Herausforderungen sind hoch

In deutschen Großstädten sind die Erwartungen an die Anbieter hoch. So wünscht sich etwa die Hansestadt Hamburg die vollständige Elektrifizierung der Carsharing-Flotten, wie es von einem Sprecher heißt. Nach Einschätzung des Berliner Senats ist ein klimafreundlicher Leihbetrieb nur «mit einer kompletten E-Pkw-Ausstattung» möglich. Die Stadt München sieht im E-Carsharing «einen Beitrag zur Verkehrswende».

Der Weg zur vollelektrischen Flotte ist nach Einschätzung des Branchenkenners Bratzel jedoch steinig. «Lukrativer ist die Umstellung auf E-Autos nicht», sagt er. Pro Kilometer seien sie zwar im Vergleich zum Benziner günstiger, E-Fahrzeuge seien allerdings in der Anschaffung teurer und wegen des Chipmangels derzeit ohnehin Mangelware. Dazu müsse das Laden irgendwie organisiert werden. «Kurz vor Ende der Miete das Auto noch mal an die Steckdose anschließen, das können sich bestimmt nur die wenigsten Kunden vorstellen. Eine Möglichkeit wäre, eigene Ladesäulen zu schaffen», so Bratzel.

Denkbar wäre auch, bei öffentlichen Ladesäulen mit zwei Stellplätzen einen Ladeplatz exklusiv für Carsharing-Fahrzeuge zu reservieren. Das fordert nicht nur die Umweltschutzorganisation BUND, sondern auch der Deutsche Städtetag. «Die Städte allein können aber nicht das E-Auto-Ladenetz aufbauen», so der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städtetages, Helmut Dedy. Betrieb und Unterhaltung der Ladesäulen sollten die Anbieter mittelfristig selbstständig ohne öffentliche Zuschüsse stemmen.

Auf die Frage nach finanzieller Unterstützung für die Ladesäulen reagiert der Bundesverband Carsharing zurückhaltend. In der Tat sei das Laden aber eine große Herausforderung, so ein Sprecher. «An normalen Ladesäulen im öffentlichen Raum dürfen die Fahrzeuge nur während des Ladevorgangs stehen.» Das sei eine «praktisch unlösbare logistische Aufgabe» für Anbieter und Kunden.

© dpa-infocom, dpa:211109-99-922838/6

Nationaler Entwicklungsplan CarSharing


Verfasser: dpa-infocom GmbH

KEYWORDS

TEILEN


Das könnte Sie auch interessieren
Alle 30 Kilometer soll bis Ende 2017 an deutschen Autobahnen eine Elektro-Tankstelle stehen. Foto: Sebastian Gollnow Elektrotankstellen-Netz an Autobahnen zu 25 Prozent fertig Von den Alpen bis zur Nordsee - um diese Strecke mit Elektroautos schaffen zu können, sollen an den Autobahnen 400 Stromtankstellen entstehen. Die 100. davon ist nun fertig. Und in der Nähe will ein kleiner Ort Elektroauto-Modellkommune werden.
Wer mit dem E-Tretroller im öffentlichen Straßenverkehr fahren will, braucht ein Versicherungskennzeichen zum Aufkleben. Foto: Elke A. Jung-Wolff/GDV/dpa-tmn Alles über die neuen E-Tretroller Künftig dürfen Elektro-Tretroller in Deutschland im Straßenverkehr fahren. Aber nicht jedes Modell bekommt eine Zulassung. Worauf müssen Käufer achten, um legal und sicher zu rollern?
Alternative Antriebe und die Digitalisierung sind zwei Schwerpunkte der IAA 2017. Foto: Uwe Zucchi/dpa Zwischen Dieselangst und «New Mobility»: IAA des Umbruchs Noch nie war die Zukunft des Autos so ungewiss wie zu dieser IAA. Die Hersteller ringen um umweltgerechte Alternativen zu Verbrennungsmotoren. Gleichzeitig könnten digitale Technologien das Autofahren grundsätzlich verändern.
Elektroautos gehören zu den Schwerpunkten der diesjährigen IAA. Foto: Boris Roessler/dpa Elektroautos im Fokus der IAA: VW startet Offensive Noch haben sich die düsteren Wolken im Diesel-Skandal nicht verzogen - doch gleichzeitig nimmt die E-Auto-Offensive immer deutlicher Fahrt auf. Volkswagen erhöht die Investitionen massiv, BMW zeigt den Tesla-Herausforderer. Und Daimler hat große Pläne mit Smart.