«Sperber» und «Spatz»: die Faszination knatternder Zweiräder

25.05.2016
Angefangen hat alles mit dem «Hühnerschreck». So hieß zu DDR-Zeiten ein Fahrrad mit Hilfsmotor, mit dem viele knatternd durchs Dorf fuhren. 1986 hat Detlef Pasenau so ein Gefährt zusammengeschraubt. Der Beginn einer Sammelleidenschaft.
Die alten DDR-Mopeds und Roller bieten Detlef Pasenau mehr Fahrspaß als neuere gesamtdeutsche Modelle. Foto: Patrick Pleul
Die alten DDR-Mopeds und Roller bieten Detlef Pasenau mehr Fahrspaß als neuere gesamtdeutsche Modelle. Foto: Patrick Pleul

Alt Zeschdorf (dpa/bb) - Wer bei den Worten «Schwalbe», «Spatz» oder «Sperber» nicht in erster Linie an Vogelarten, sondern an Moped-Typen denkt, beweist sich als echter Fan alter DDR-Zweiräder. Und von denen gibt es heute offenbar noch jede Menge.

«Die Mopeds und Motorroller aus den früheren Simson-Werken in Suhl und der Industriewerke Ludwigsfelde sind heute noch gefragt», ist Detlef Pasenau überzeugt. Rund 6,5 Millionen motorisierte Zweiräder sind nach Angaben des pensionierten Kfz-Meisters zu DDR-Zeiten gebaut worden. «Die Hälfte davon fährt noch rum», schätzt der 74-Jährige.

Als der einstige Frankfurter vor zehn Jahren seine Simson-Werkstatt schloss und im Ruhestand nach Alt Zeschdorf (Märkisch-Oderland) zog, hat er dort auf seinem Grundstück ein Zweirad- und Technikmuseum aufgebaut, das regelmäßig von Fans der Zweirad-Oldtimer aus DDR-Zeiten besucht wird. Die «alten Dinger», wie Pasenau seine 60 motorisierten Mopeds und Roller liebevoll nennt, würden einfach mehr Fahrspaß bieten als neue gesamtdeutsche Mopeds. «Da kannst Du schalten und treten und mit bis zu 60, 70 Stundenkilometern losdüsen», beschreibt der Fachmann, für den es nichts Schöneres gibt, als so ein knatterndes, altes DDR-Moped. Mit seiner S 51 saust er selbst noch gern durch den Wald und genießt für sich allein.

«Quer durch die Republik bin ich gefahren, um längst vergessene und vergammelte Maschinen aus Ställen und von Schrottplätzen zu retten», erzählt er. Pasenau hat die meist arg ramponierten und verrosteten Zwei- und Dreiräder in mühevoller Kleinarbeit wieder aufgebaut und zum Laufen gebracht. «54 davon sind betriebsbereit - darunter die komplette Typen-Palette aus den Simson-Werken bis zum Baujahr 1980», sagt er stolz. Vor allem in Wendezeiten hätten ihm die Leute die «alten Dinger» quasi hinterher geworfen. Heutzutage würden Mopeds wie die legendäre «Schwalbe» zu Liebhaberpreisen von mehreren Tausend Euro gehandelt. «Pasenau weckt jede Schwalbe aus dem Schlaf» oder «Da schlägt jedes Bikerherz höher» haben ihm begeisterte Besucher des Museums ins Gästebuch geschrieben.

«Mit Logik und gesundem Menschenverstand sind die alten DDR-Fahrzeuge solide zu reparieren», bestätigt Reinhard Hoffmann, KfZ-Innungsobermeister der Kreishandwerkerschaft Frankfurt. Sein Herz schlägt für alte Wartburg-Autos, die er wieder aufmöbelt. Auch er kennt die Begeisterung und Renaissance. «Die Ost-Wagen haben an Wert gewonnen, weil sie eben nicht mehr hergestellt werden», bringt er die Sache auf den Punkt.

Das kann auch Andreas Krüger bestätigen, Vertreter der Firma Meyer-Zweiradtechnik-Ahnatal GmbH, die nach der Insolvenz der Simson-Werke Suhl im Jahr 2003 sämtliche noch vorhandene Ersatzteile aufkaufte. Krüger beliefert freie Reparatur- und Autowerkstätten hauptsächlich in Ostdeutschland. «Die können sich vor Arbeit an alten DDR-Fahrzeugen kaum retten», sagt der Fachmann, der Pasenaus Sammlung kennt und schätzt.

Drei hölzerne Pavillons mit großen Schaufenstern bieten Platz für die Oldtimer-Kollektionen um die Ludwigsfelder Roller «Pitty», «Wiesel», «Berlin» und «Troll» aus den 50er Jahren, die Vogelserie von Simson und Sondermodelle mit drei Rädern oder imposanten Anhängern.

Im ehemaligen Pumpenhaus des alten Zeschdorfer Wasserwerkes - die Wände sind mit teilweise 100 Jahre alten KfZ-Werkzeugen dekoriert - gibt es weitere Kuriositäten wie Fahrräder mit Hilfsmotoren zu bestaunen, aber auch Exemplare der AWO-Motorräder, von denen insgesamt nur 300 000 Stück gefertigt wurden. Pasenau unterhält Besucher nicht nur mit Fachwissen, sondern vor allem mit Anekdoten aus seinem langjährigen Schrauber-Leben. Chromblitzende oder frisch lackierte Maschinen sucht man in seinem Museum jedoch vergeblich. «Das wäre nicht authentisch. Der Betrachter soll sehen, dass die Maschinen schon einige Jahrzehnte auf dem Buckel haben», sagt Pasenau, der leidenschaftlich gern mit anderen fachsimpelt.


Verfasser: dpa-infocom GmbH

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