So wird der Drahtesel zum Lastesel

09.10.2020
Wer mit dem Fahrrad unterwegs ist, freut sich über Stauraum: für den kleinen Einkauf, die Unterlagen fürs Büro oder Leckereien fürs Picknick im Grünen. Wie man sein Rad in einen Lastesel verwandelt.
Die stecken was weg: Kommen gleich drei Taschen zum Einsatz, sollte das Gewicht ausgewogen verteilt sein. Foto: Christin Klose/dpa-tmn
Die stecken was weg: Kommen gleich drei Taschen zum Einsatz, sollte das Gewicht ausgewogen verteilt sein. Foto: Christin Klose/dpa-tmn

München/Göttingen (dpa/tmn) - Mit dem Rad geht es nicht nur schneller als zu Fuß, der Drahtesel schleppt auch das Gepäck für seinen Besitzer. «So lange man sich an Maße hält und die Ladung korrekt sichert, kann im Prinzip so gut wie alles transportiert werden», sagt Petra Husemann-Roew.

Sie ist Geschäftsführerin des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) in Bayern und bekommt solche Lastesel täglich zu Gesicht. «Hier in München sieht man immer wieder Halterungen für Surfbretter, weil im Englischen Garten ja der Eisbach ist, wo die Surfer hinradeln», erzählt sie. «Ich könnte aber auch einen Teppich oder Weihnachtsbaum transportieren, wenn ich die Regelungen beachte.»

Das heißt: Die Ladung muss so befestigt sein, dass sie auch beim Ausweichen oder einer Vollbremsung nicht verrutscht oder gar herunterfällt. Grundsätzlich gilt: Andere Verkehrsteilnehmer dürfen nicht beeinträchtigt werden. Geht die Ladung deutlich in die Länge oder Breite, muss markiert werden.

«Wenn also etwa ein Teppich mehr als einen Meter über den Rückstrahler hinausragt, muss er rot gekennzeichnet werden», sagt Husemann-Roew. Laut Gesetz gehört ein Fahrrad zu den Fahrzeugen, dafür gilt: Fahrzeug und Ladung dürfen nicht breiter als 2,55 Meter und nicht höher als 4 Meter sein. «Ganz realistisch und praktisch befestige ich an einem Standardfahrrad natürlich nicht solche Ladungen.»

Koffer und Taschen schlucken viele Sachen sicher

Wer weniger sperriges Gepäck hat, greift gerne auf Fahrradtaschen zurück. «Außer an den Reifen lassen sich am Fahrrad so gut wie überall Taschen anbringen», sagt Thomas Geisler vom Pressedienst Fahrrad (pd-f). Die Auswahl an Taschen ist inzwischen groß.

Klassiker ist die Hinterradtasche, die mit rund 20 Litern Volumen Platz bietet für kleine Einkäufe oder die Utensilien des Arbeitsalltags. Sie wird schnell und einfach am Gepäckträger befestigt oder wieder abgenommen. Manche sind mit Gurten ausgestattet, mit denen die Tasche auf dem Weg vom und zum Fahrrad zu Umhängetasche oder Rucksack umfunktioniert werden kann.

Auch an einem Sportrad wie Rennrad oder Mountainbike ohne Gepäckträger können Taschen befestigt werden: «Hier gibt es Modelle, die im Rahmendreieck, am Lenker oder an der Sattelstütze befestigt werden», so Geisler. Bikepacking nennt sich diese Art des Gepäckverstauens. Diverse Taschen sind möglichst nah am Rad untergebracht. Das hält das Sportrad auf Reisen leicht und kompakt.

Für Falträder gibt es oft eigene Systeme der jeweiligen Hersteller, erklärt Husemann-Roew. «Da ist es wichtig, dass die Taschen nicht zu groß sind, weil der Gepäckträger niedriger ist. Und der Abstand zwischen Fuß und Tasche muss beim Fahren groß genug sein.» Auch geräumige Lenkertaschen gibt es für manche Falträder. «Man sollte sie natürlich schnell abnehmen können, wenn man das Rad zusammenfaltet, um etwa in den Zug zu steigen.»

Wichtig ist die Wasserdichtigkeit

Ganz wichtig bei allen Fahrradtaschen: Sie sollten wasserdicht sein. Denn wer vom Regen überrascht wird, riskiert so keine durchnässten Papiere, Klamotten oder Lebensmittel. «Manche Taschen haben einen Rollverschluss, wo der obere Taschenrand ein paarmal umgeschlagen wird», so Geisler. «Ein Reißverschluss ist immer eine Schwachstelle, um Wasser durchzulassen. Dafür ist er natürlich schneller zu öffnen. Beim Befüllen der Tasche wiederum bekommt man einen Rollverschluss weiter auf.»

Vor dem Taschenkauf empfiehlt sich also die Frage: Wofür genau brauche ich die Tasche, wie bin ich unterwegs? Viele schwören auch auf den Lenkerkorb, sagt Geisler: «Der Vorteil ist, da habe ich einen Schnellzugriff und alles im Blick.» Beide Experten raten dazu, das Rad auf jeden Fall beim Taschenkauf dabei zu haben.

«Ich habe mir mal ohne das Rad eine Bikepackingtasche für den Lenker gekauft», erzählt Husemann-Roew. «Die passte dann überhaupt nicht an mein Rad, hätte ich sie bepackt, hätte ich nicht mehr sicher lenken und bremsen können.» Vor allem bei Lenkertaschen wird es kompliziert.

«Das Gegenstück zur Halterung an der Tasche wird mittig am Lenker befestigt», erklärt Geisler. «Bei vielen E-Bikes ist genau da das Display.» Dafür gibt es entsprechende Adapter. Manche Hersteller bieten Tasche und Adapter getrennt an, das hat den Vorteil, dass die jeweils zum Rad passende Lösung ausgesucht werden kann.

Was kosten gute Taschen und wie packe ich sie?

Achten sollten Radfahrer auch auf die Verarbeitung einer Tasche, also etwa auf die Nähte. Helfen kann ein Blick in Tests oder auf die Empfehlungen anderer Radler. Gute Qualität schlägt sich nicht zuletzt auch im Preis nieder. Beim Klassiker der Hinterradtasche gibt es Einsteigertaschen zum Preis von 20 oder 30 Euro, sagt Geisler: «Aber man sollte um die 70 oder 80 Euro einplanen, wenn man in ein langlebiges Produkt investieren möchte.»

Beim Bepacken einer Tasche gehört Schweres immer nach unten. Bei größeren Touren empfiehlt sich eine Aufteilung des Gepäcks auf mehrere Taschen. «Etwa 70 Prozent des Gewichts sollten sich hinten befinden, 30 Prozent vorne», rät Geisler. Außerdem sollte für eine gute Balance gleichmäßig auf beiden Seiten verstaut werden. Wie viel ein Rad insgesamt wiegen darf, also mit Eigengewicht, Fahrer und Gepäck, steht in der Betriebsanleitung, bei E-Bikes zudem am Rahmen. Bei einem normalen Rad sind das laut Geisler meist um die 120 bis 130 Kilo.

Wie viel Gewicht sich speziell auf dem Gepäckträger befinden darf, ist - meist oben - auf diesem eingraviert. Wer schwer beladen ist, spürt das beim Fahren. «Das schiebt bergab natürlich und bergauf ist es schwerer», sagt Husemann-Roew. «Das Rad ist nicht mehr so agil», fügt Geisler hinzu. «Und beim E-Bike wirkt sich schweres Gepäck auf die Akku-Reichweite aus.» Vorsicht beim Bremsen, vor allem bei Nässe und bergab: Je schwerer das Gepäck, desto länger der Bremsweg.

© dpa-infocom, dpa:201008-99-875427/3


Verfasser: dpa-infocom GmbH

KEYWORDS

TEILEN

Passende Anbieter

Das könnte Sie auch interessieren
Auf dem Arbeitsweg oder bei Touren in der Freizeit: Gepäcktaschen erweitern den Nutzwert von Fahrrädern - die Stiftung Warentest hat 20 Modelle unter die Lupe genommen. Foto: Klaus-Dietmar Gabbert/dpa-tmn Nicht alle Fahrradtaschen schützen vor Nässe Für den Weg zur Arbeit oder Touren in der Freizeit - das Fahrrad ist beruflich wie privat für viele das Mittel der Wahl. Den nötigen Stauraum bieten Fahrradtaschen. Welche Modelle taugen etwas?
Ein Fahrgast verstaut sein Fahrrad in einem ICE 4, während ihm eine Zugführerin dabei hilft. Foto: Andreas Gebert/dpa Bahn will nur noch Züge mit Fahrradplätzen bestellen Mit dem Rad in den Fernzug - das ist oft noch schwierig. Doch die Bahn denkt um: Auf allen Strecken soll es Stellplätze geben. Die Zahl aber ist begrenzt. Denn die Fläche lässt sich auch lukrativer nutzen.
Tief stapeln: Ein möglichst niedriger Schwerpunkt der Ladung wirkt sich positiv auf das Fahrverhalten des bepackten Fahrrades aus. Foto: Wolfgang Ehn/pd-f.de So wird das Fahrrad zum Nutzfahrzeug Das Fahrrad ist im Wandel. Vom reinem Freizeitspaß auf zwei Rädern entwickelt es sich für immer mehr Radler zum richtigen Verkehrsmittel. Denn auch als Transportmittel für Einkäufe, Kind und Kegel eignet es sich - auf was ist dabei zu achten?
Das Vortrieb Modell 1 ist ein Stadt- und Trekkingrad für sportliche Radler. Vortrieb ist eine Eigenmarke des Aachener Versandhändlers Bike Components. Foto: Stefan Weißenborn/dpa-tmn Wie fährt sich ein Urban Bike? Sie brauchen ein schickes Fahrrad für die Stadt? Wartungsarm sollte es auch sein? Am Ende Ihrer Suche könnten Sie bei einem Urban Bike landen. Wie fühlt sich das Radeln damit an? Ein Testbericht.