Mit Technik gegen Reisekrankheit

12.11.2019
Kaum ist man losgefahren, rebelliert der Magen: Manche Mitfahrer leiden im Auto schon nach kurzer Fahrt an der Reisekrankheit. Es gibt Möglichkeiten, sie zu verhindern - auch technische.
Besonders kurvige Passagen stellen Reisekranke vor Herausforderungen. Foto: Hauke-Christian Dittrich/dpa/dpa-tmn
Besonders kurvige Passagen stellen Reisekranke vor Herausforderungen. Foto: Hauke-Christian Dittrich/dpa/dpa-tmn

Jena (dpa/tmn) - Enge Kurve links. Weite Kurve rechts. Kurz abbremsen und dann wieder beschleunigen. Mit dem Auto geht es über die Berge. Für viele Autoinsassen eine Tortur. Denn nach kurzer Zeit im Auto tritt die Reisekrankheit auf, und ihnen wird übel. Moderne Technik soll das künftig verhindern.

Generell tritt Unwohlsein im Auto auf, wenn die Informationen, die vom Gleichgewichtsorgan kommen, nicht mit den visuellen Informationen des Auges übereinstimmen. Im Auto kann das etwa passieren, wenn Passagiere während der Fahrt lesen.

«Der Körper spürt etwas anderes, als das Auge sieht», sagt Prof. Daniel Strauss von der Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes. «Das kann er nicht einordnen und reagiert wie bei einer Vergiftung: mit Übelkeit, Brechreiz, kaltem Schweiß und schnellem Puls.» Ausschlaggebend sei dafür die Anatomie des Innenohrs.

Ein bis zwei Drittel aller Menschen kann die Reisekrankheit treffen. Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren seien anfälliger als Erwachsene.

Strikter Blick nach vorn kann helfen

Die Reisekrankheit sei nur leicht von der Geschwindigkeit abhängig, sagt Prof. Hubertus Axer von der Friedrich-Schiller-Universität in Jena. Einen größeren Einfluss haben abrupte Richtungsänderungen, wie sie auf bergigen Strecken auftreten. Wer Mitfahrer im Auto hat, denen schnell übel wird, sollte diese Strecken meiden.

Das Gehirn von häufig betroffenen Kindern könne trainiert werden, auf kurzen und wenig kurvenreichen Strecken. «Dadurch tritt die Krankheit auf Dauer weniger stark auf», sagt Prof. Axer. Er rät, den Blick aus dem Fenster nach vorne zu richten.

Fahrwerkstechnik kann Reisekrankheit minimieren

Für Professor Ludger Dragon von Mercedes-Benz liegt eine Stellschraube in der Fahrwerkseinstellung. Die Reisekrankheit tritt häufig bei niedrigen Fahrwerkseigenfrequenzen von etwa 0,3 Hertz auf.

«Daher stellen wir die Eigenfrequenz all unserer Fahrwerke zwischen 1 und 1,5 Hertz ein. Damit vermeiden wir im Vorfeld, dass die Insassen reisekrank werden», sagt der Experte. Bei 1 Hertz Eigenfrequenz federe das Auto sehr komfortabel ab, bei 1,5 Hertz sportlich straff. «Die Dämpfung muss dementsprechend hart abgestimmt werden, damit das Fahrzeug nicht nachschaukelt, das empfinden Passagiere sonst als unangenehm», sagt Dragon. Selbst nach tiefen Wellen darf das Fahrzeug nur einmal nachschaukeln.

Mehr Komfort bietet ein Luftfederfahrwerk mit aktiver Verstelldämpfung. «In Kurven werden die Dämpfer härter, um möglichst wenig Seitenneigung zu erlangen, auf gerader Strecke weicher, damit Bodenwellen leichter ausgeglichen werden», erläutert Dragon.

Anfällige für Reisekrankheit reagieren unterschiedlich

Das Team um Professor Strauss hat mit dem Automobilzulieferer ZF in Fahrstudien ermittelt, dass die Reisekrankheit bei verschiedenen Fahrsituationen und bei jedem unterschiedlich ausgeprägt auftritt.

Zur Linderung gebe es zwei Möglichkeiten: «Entweder die Fahrweise wird angepasst, so dass der Passagier die Fahrdynamik weniger spürt. Oder ihm wird die Fahrdynamik vermittelt, visuell, akustisch oder haptisch», sagt Strauss. «Der Mensch darf von der Fahrdynamik nicht zu sehr überrascht sein, sonst wird ihm übel.»

Zwei Ansätze gegen Übelkeit

«Früher im Schulbus musste man sich nach vorne setzen, wenn einem schwindelig wurde. Das wollen wir anders lösen», sagt ZF-Ingenieur Florian Dauth. Die Ingenieure forschen zum einen an der Prävention. Zum anderen soll das automatisierte Fahrzeug eigenständig Gegenmaßnahmen einleiten.

Es muss dafür eine bestimmte Fahrweise lernen. Lenkung, Bremse, Motor, Feder und Dämpfer werden während der Fahrt entsprechend dem Wohlbefinden des Passagiers aufeinander abgestimmt.

Dauth denkt ein paar Jahre voraus, in eine Zeit, in der Autos autonom fahren und Passagiere sich anderen Dingen wie Lesen, Arbeiten oder Fernsehschauen widmen können. «Neue Systeme mit künstlicher Intelligenz sollen vergangene Fahrmanöver analysieren, die beim Passagier Symptome der Reisekrankheit hervorgerufen haben, um die darauffolgenden Fahrmanöver anzupassen.»

Das automatisierte Fahrzeug erlerne anhand der Körperreaktionen der Passagiere eine individuell angepasste Fahrstrategie. «Oder es plant automatisch eine entsprechende Route mit Fahrmanövern und Geschwindigkeiten, bei der die Reisekrankheit gar nicht erst auftritt», sagt er.

Das Auto soll künftig die Passagiere analysieren

Ideal wäre es, wenn das neue Assistenzsystem ganz individuell auf die Passagiere reagieren würde, so dass ihnen die Fahrdynamikinfos zurückgeben werden, damit die Krankheit aufhört.

«Mit einer Dosis nahe an der Bewusstseinsschwelle, ohne dass die Passagiere überhaupt mitbekommen, dass ein Assistenzsystem ihnen gerade hilft», sagt Professor Strauss. Das gelingt nur, wenn die Vitalwerte des Körpers erfasst werden. Entweder mittels Sensorik im Innenraum wie Kameras, oder anhand Wearables wie Uhren, die der Passagier am Körper trägt und die alle relevanten Vitalwerte erfassen. ZF entwickelt dafür ein Sensor-Set, das während der Fahrt kontinuierlich Informationen der Passagiere sammelt.

Vorstellbar sei bei derzeitigen Fahrzeugen ein Assistenzsystem, das per Knopfdruck das Fahrzeug sanfter fahren lässt. «Aber das System wäre nur für einen Normmenschen ausgelegt. Da aber jeder Passagier unterschiedlich auf die Reisekrankheit reagiert, wird die Wirkung eher gering sein», sagt Professor Strauss.


Verfasser: dpa-infocom GmbH

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