Ist der Mercedes Citan wirklich der bessere Renault Kangoo?

17.11.2021
Nicht jeder, der einen Mercedes kauft, ist ein Angeber. Mit dem neuen Citan jedenfalls kann man nur wenig Eindruck schinden, dafür aber ordentlich was wegschleppen. Doch ganz schmucklos ist auch der billigste Mercedes im Programm nicht unterwegs.
Komfortabler Praktiker: Als Tourer wird der Citan zum Familienauto mit Mercedes-Standard. Foto: Mercedes-Benz AG/dpa-mag
Komfortabler Praktiker: Als Tourer wird der Citan zum Familienauto mit Mercedes-Standard. Foto: Mercedes-Benz AG/dpa-mag

Berlin (dpa-infocom) - Mercedes beweist ein Herz für Praktiker mit großem Platzbedarf und schmalem Budget. Denn wem klassische Familienfahrzeuge wie die B-Klasse, der GLB oder gar ein T-Modell der C-Klasse zu teuer sind, dem verkaufen die Schwaben seit diesem Herbst für 26.481 Euro aufwärts die zweite Generation des Citan.

Eigentlich als Kastenwagen für Handel, Handwerk und Gewerbe entwickelt, gibt es ihn auch als Tourer für die Pkw-Fraktion. Rundum verglast und mit Rückbank ausgestattet, kostet er so zwar gut 3000 Euro mehr als der kleine Transporter, wird damit aber trotzdem zum billigsten Pkw im Mercedes-Programm. Denn schon eine A-Klasse kostet etwa 2000 Euro mehr und vergleichbar geräumige Modelle liegen noch einmal mindestens 4000 Euro darüber.

Ein Schwabe mit französischen Wurzeln

Wie schon der Vorgänger basiert auch dieser Citan wieder auf dem Renault Kangoo. Doch nachdem die Schwaben sich bei der ersten Auflage vorhalten lassen mussten, zu wenig am Original geändert zu haben, sind sie diesmal gründlicher zu Werke gegangen. Um den Preisunterschied von mindestens zehn Prozent gegenüber dem Renault zu rechtfertigen, haben sie den Kastenwagen außen gründlich modifiziert und innen neu eingekleidet. So gibt es im Cockpit neben verchromten Zierteilen etwa das Lenkrad aus der A-Klasse und das hauseigene MBUX-System für eine nutzerfreundliche Bedienung. Selbst die Sitze haben sie nun mit typischen Mercedes-Stoffen bezogen. Und diesmal stammt auch der Schlüssel aus eigener Fertigung. Wer noch mehr Finesse erwartet, den bittet Mercedes um Geduld bis nächste Jahr: Dann kommt der Citan nämlich auch als T-Klasse.

Nichts geändert hat sich an den Nehmerqualitäten des Kleintransporters. Und das ist auch gut so - denn egal ob mit Stern oder Raute ist der Hochdachkombi ein Raumwunder: Zwei Schiebetüren für den bequemen Zugang, reichlich Knie- und noch mehr Kopffreiheit, jede Menge Ablagen für das alltägliche Allerlei und ein Kofferraum von immer mindestens 519 Litern machen ihn zu einem platzbietenden Alltagsgefährt. 2022 erscheint sogar eine XL-Version mit verlängertem Radstand und der Option auf eine dritte Sitzreihe - allerdings auch wieder ohne Allrad.

Auf die sanfte Tour

Auch die Motoren kennt man von Renault, wobei Mercedes das Programm etwas ausgedünnt hat: Es gibt zwei Benziner mit 1,3 Litern Hubraum und 75 kW/102 PS oder 96 kW/131 PS sowie einen Diesel, der aus 1,5 Litern 70 kW/95 PS schöpft. Damit erreicht der Citan Geschwindigkeiten bis 183 km/h und kommt auf Verbrauchswerte zwischen 5,0 Litern Diesel (CO2-Ausstoß: 131 g/km) und 6,5 Litern Benzin (147 g/km). Im nächsten Jahr folgt außerdem eine rein elektrische Version mit 90 kW/122 PS Leistung, 44 kWh Akku-Kapazität und einer Reichweite von knapp 300 Kilometern, die es ebenfalls bei beiden Marken geben wird. Dass sich der Citan trotzdem etwas anders anfühlt als der Kangoo, liegt an der eigenen Abstimmung. Gut gedämmt, innen sehr viel leiser als außen und mit einer ziemlich präzisen Lenkung, sorgt er auch auf schlechten Straßen für eine komfortable Fortbewegung.

Zwar fühlt sich der Citan diesmal mehr nach Mercedes an. Und für ein aufgemöbeltes Nutzfahrzeug ist er mit zahlreichen Assistenten vom Abstandsregler bis zum Seitenwindausgleich gut ausgestattet. Doch gerade mit Blick auf die Extras gibt es zu A-Klasse und Co dann doch noch ein paar Unterschiede: Ein Head-up-Display oder digitale Instrumente etwa sucht man beim Citan vergeblich. Dafür bietet er ebenfalls ein paar einzigartige Optionen wie das Vanessa-Modul, das den Citan mit Spüle, Bett und Kocher zum Teilzeit-Camper macht.

Fazit: Ein Star ohne Allüren

Ja, in der zweiten Auflage trägt der Citan seinen Stern zurecht. Denn Auftritt, Ambiente und Ausstattung sind diesmal so, wie man es bei Mercedes erwartet. Doch zu fein für Rustikales ist sich der Citan deshalb noch lange nicht. Wer im Alltag ordentlich was einladen muss, trifft mit dem Van sicher die richtige Wahl. Wer mit seinem Auto aber mehr zur Geltung kommen möchte, der fährt besser in Mercedes-Modellen wie dem GLB oder auch in der B-Klasse.

Datenblatt: Mercedes Citan Tourer 113

Motor und Antrieb Vierzylinder -Turbobenziner
Hubraum: 1333 ccm
Max. Leistung: 96 kW/131 PS bei 4500 U/min
Max. Drehmoment: 240 Nm bei 1600 U/min
Antrieb: Frontantrieb
Getriebe: Sechsgang-Schaltgetriebe
Maße und Gewichte
Länge: 4498 mm
Breite: 1859 mm
Höhe: 1811 mm
Radstand: 2716 mm
Leergewicht: 1556 kg
Zuladung: 539 kg
Kofferraumvolumen: 519-2031 Liter
Fahrdaten:
Höchstgeschwindigkeit: 183 km/h
Beschleunigung 0-100 km/h: 13,0 s
Durchschnittsverbrauch: 6,6 Liter/100 km
Reichweite: 820 km
CO2-Emission: 149 g/km
Kraftstoff: Super
Schadstoffklasse: Eu6D
Energieeffizienzklasse: B
Kosten:
Basispreis des Mercedes Citan Tourer (110): 26.481 Euro
Grundpreis des Renault Kangoo (TCe 113): 27.609 Euro
Typklassen: k.A.
Kfz-Steuer: 136 Euro/Jahr
Wichtige Serienausstattung:
Sicherheit: Sechs Airbags, LED-Scheinwerfer, Spurhalte-Assistent, Totwinkel-Assistent
Komfort: Verkehrszeichen-Erkennung, Klimaanlage, MBBUX-System
Spritspartechnik: Start-Stopp-Automatik

Alle Daten laut Hersteller, GDV, Schwacke

© dpa-infocom, dpa:211029-99-788587/15


Verfasser: dpa-infocom GmbH

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