«Grünes Monster» im Autotest: Schnell wie der Blitz

06.02.2019
Das waren noch Zeiten: Mit dem «Grünen Monster» hat Opel selbst Mercedes und Bentley im Zaum gehalten. Das ist zwar jetzt bald 100 Jahre her, doch eine Fahrt in dem historischen Rennwagen ist auch heute noch ein beeindruckendes wie beängstigendes Erlebnis.
Das "Grüne Monster" von Opel wird mit einem Vierzylinder-Benzin-Reihenmotor angetrieben. Foto: Opel
Das "Grüne Monster" von Opel wird mit einem Vierzylinder-Benzin-Reihenmotor angetrieben. Foto: Opel

Berlin (dpa-infocom) - Die Räder mehr als hüfthoch, das Lenkrad groß wie ein Kanaldeckel und jeder einzelne Zylinder hat mehr Hubraum als heute die allermeisten Motoren zusammen - alles an diesem Opel ist von beeindruckender Größe. Aber der Wagen wird ja auch nicht umsonst das «Grüne Monster» genannt.

Schließlich hat er einmal Furcht und Schrecken unter den Schnellfahrern und PS-Profis in ganz Europa verbreitet. Das ist jetzt schon bald 100 Jahre her. Gebaut wurde der offene Zweisitzer bereits 1914 und seine größten Erfolge hat er in den frühen 1920ern bei den Strandrennen im dänischen Fanö eingefahren, wo sich Werkspilot Carl Jörns mit 228 km/h einen Weltrekord sichern konnte. Doch von seiner Faszination hat der grüne Koloss bis heute nichts verloren.

Mit Vollgas rückwärts über den Zeitstrahl

Im Gegenteil: Sobald die vier Kolben durch die 12,3 Liter Hubraum stampfen und die Ventile wie bei einer auf den Kopf gestellten Nähmaschine oben durch die Haube klackern, will man nichts sehnlicher, als sich auf das dünne Holzbrett quetschen, das die Ingenieure damals mit Leder bespannt und über den offenen Wagenboden genagelt haben. Unter einem dreht gefährlich die Kardanwelle, vorn bei den Füßen rotiert die riesige Kupplung, der Bauch quetscht sich hinter das Lenkrad und vor den Augen sieht man nichts als die endlos lange Haube.

So lässt man sich in gespannter Erwartung noch einmal die Instruktionen durch den Kopf gehen, mit denen man die Zeitreise starten kann: Den außen angeschlagenen Schalthebel drückt man mit Bärenkräften durch die offene Messing-Kulisse, bis endlich der erste Gang einrastet. Dann lässt man die schwere Kupplung zuschnappen und hofft darauf, dass man nicht die Pedale für Gas und Bremse verwechselt, die damals noch genau andersherum montiert wurden. Und wenn man das alles richtig gemacht hat, schießt man plötzlich nach vorne und die Welt dreht sich im rasenden Tempo rückwärts.

Gefühlt schneller als in jedem modernen Sportwagen

Lächerliche 191 kW/260 PS entwickelt das Hubraummonster, das maximale Drehmoment liegt bei 700 Nm und bis der Opel erst einmal in Fahrt kommt, vergehen wertvolle Sekunden. Nein, ein Sprinter ist dieser Sportwagen nicht. Das Auto braucht ein bisschen Anlauf und der Fahrer einen langen Atem.

Kurz jenseits der Schrittgeschwindigkeit klatscht einem beim Strandrennen der nasse Sand ins Gesicht, weil man trotzig seinen Kopf neben der winzigen Scheibe in den Wind reckt. Und wenn man in den zweiten und dritten Gang wechselt, an dem mit Hanfkordel umwickelten Lenkrad den Kurs hält und so in weiten Kurven über den Sand stürmt, dann fühlt man sich schneller als in jedem neuen Porsche oder Bugatti. Und dass einem dabei warm unter der Haut wird, liegt nicht allein am Ofenrohr des Auspuffes, das rotglühend entlang der Karosserie verläuft und sich so manch unvorsichtigem Beifahrer buchstäblich in Erinnerung gebrannt hat.

Ein Kampf Mensch gegen Maschine

Auf elektronische Helfer, die heute jeden noch so starken Sportwagen bändigen, darf man sich dabei nicht verlassen. Es gibt nicht einmal vernünftige Instrumente. Und der neumodische Feuerlöscher ist auch nicht viel mehr als ein Tribut an die Versicherung, die immerhin mit rund 1,5 Millionen Euro für den Wagen einsteht. Nein, die Fahrt mit dem grünen Monster ist ein Kampf zwischen Mensch und Maschine, und der Sieger ist dabei nicht ausgemacht.

Es ist anstrengend und aufregend, mit diesem Auto zu fahren. Und mit jedem Meter wächst die Bewunderung für Rennfahrer wie Carl Jörns, die damit bis an ihre Grenzen und darüber hinaus gegangen sind. Aber es ist auch faszinierender als jeder andere Opel, der in den letzten Jahrzehnten gebaut wurde - nicht nur, weil unter der Haube der größte Opel-Motor aller Zeiten tobt.

Fazit: Wer das Monster bezwingt, kann sich wie ein Held fühlen

In einer Zeit, in der man selbst Supersportwagen wie den Bugatti Chiron oder den McLaren Senna mit dem kleinen Finger fahren kann, ist der Oldtimer aus der Opel-Sammlung ein ebenso archaisches wie angsteinflößendes Erlebnis. Und wer sich hinters Steuer traut, der darf sich heldenhaft fühlen. Schließlich hat selbst Routinier Carl Jörns nach dem Ende seiner Karriere gestanden, dass er sich auch in hundert Rennen nie getraut habe, den Wagen voll auszufahren.

Datenblatt: Opel «Grünes Monster»

Motor und Antrieb: Vierzylinder-Benzin-Reihenmotor
Hubraum: 12 300 ccm
Max. Leistung: 191 kW/260 PS
Max. Drehmoment: 700 Nm
Antrieb: Hinterradantrieb
Getriebe: Viergang-Schaltung
Höchstgeschwindigkeit: 228 km/h
Beschleunigung 0-100 km/h: 13,2 s
Gewicht: 1500 kg
Versicherungswert: 1,5 Mio Euro

Verfasser: dpa-infocom GmbH

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