Erdgas-Autos wollen raus aus der Nische

11.10.2019
Alle Welt ruft nach Elektroautos. Doch diese Mobilitätswende braucht Zeit. Was dafür sorgt, dass ein wenig angesagter Treibstoff für Verbrennungsmotoren wieder mehr in den Fokus rückt: Erdgas.
Ein Kompakter mit Erdgas: Der Seat Leon ist auch als CNG-Variante erhältlich. Foto: Volkswagen AG/dpa-tmn
Ein Kompakter mit Erdgas: Der Seat Leon ist auch als CNG-Variante erhältlich. Foto: Volkswagen AG/dpa-tmn

Berlin (dpa/tmn) - Eine elektrische Premiere jagt die nächste: Das Ladekabel wird für die angeschlagene Automobilindustrie zunehmend zur Rettungsleine - und beinahe scheint die E-Mobilität schon alltäglich. Doch, und darin sind sich alle Experten einig: so schnell wird die Wende nicht kommen.

Selbst wenn tatsächlich in fünf, zehn oder fünfzehn Jahren einmal jedes zweite Auto mit Akku fahren sollte, hieße das im Umkehrschluss, dass allein in Deutschland weiterhin über eine Million Verbrenner pro Jahr verkauft würden. «Auch daran müssen wir deshalb mit Hochdruck weiterarbeiten, um die Emissionen zu drücken», erklärt etwa VW-Sprecher Peter Weisheit.

Über kurz oder lang werden synthetische Kraftstoffe kommen. Und immer neue Katalysator-Techniken drücken bei herkömmlichen Benzinern und Dieseln die Emissionen. Doch rückt im Zuge dieser Veränderungen auch eine ältere Alternative zurück in den Fokus, die zuletzt noch von E-Autos aus dem Blickfeld verdrängt wurde: der Erdgasantrieb.

«Erdgasfahrzeuge haben zweifellos einen guten Ruf als saubere Alternative zu Dieseln und Benzinern», sagt Andreas Radics von der Strategieberatung Berylls in München. «Denn bei der Verbrennung von Erdgas oder Compressed Natural Gas (CNG) entsteht weniger Stickoxid, Kohlenmonoxid und Kohlendioxid. Und Rußpartikel produzieren sie praktisch gar nicht.»

Höherer Anschaffungspreis ist schnell wieder drin

Außerdem sei Erdgas billiger als Benzin oder Diesel: Weil der Kraftstoff mindestens bis 2026 steuerlich begünstigt ist, hat man auch den Mehrpreis bei der Anschaffung schnell wieder hereingefahren.

CNG-Modelle sind in aller Regel bivalent konstruiert und haben noch einen kleinen Benzintank an Bord. Sobald das Erdgas aufgebraucht ist, wechselt die Elektronik automatisch auf flüssigen Treibstoff und schließt so die vorhandenen Versorgungslücken im CNG-Netz.

Zwar erklärt auch Radics, dass die CNG-Infrastruktur in Deutschland ausbaufähig sei, weil es rund 15 Mal mehr konventionelle Tankstellen gäbe als solche für Erdgas. Doch vor allem bei der Reichweite bietet Erdgas gegenüber allen anderen alternativen Antrieben Vorteile, sagt der Experte. Bis zu 700 Kilometer schaffen manche Modelle.

Erdgas war schon mal angesagter

Der Erdgasantrieb ist alles andere als neu und war schon einmal deutlich angesagter. Kurz nach der Jahrtausendwende, als Elektroautos allenfalls ferne Visionen waren, gab es entsprechende Umrüstungen bei zahlreichen Herstellern.

Heute dagegen ist das CNG wieder in der Nische verschwunden: In Deutschland ist es nur noch der VW-Konzern, der diese Technologie proklamiert. Dafür aber mit Macht: Fast 20 entsprechende Fahrzeuge hat Konzernchef Herbert Diess versprochen und die meisten Marken in die Pflicht genommen. Der neue Golf soll zum Beispiel auch mit einem CNG-Antrieb erhältlich sein, stellte Diess im Mai in Aussicht.

VW möchte den Bestand an CNG-Fahrzeugen in Deutschland auf eine Million Autos pushen - auch das Tankstellennetz soll in den nächsten Jahren stark wachsen. Zur Einordnung: Laut Kraftfahrt-Bundesamt waren Anfang 2019 rund 80.000 Erdgas-Fahrzeuge in Deutschland registriert. Das entspricht einem Anteil von 0,2 Prozent am Pkw-Gesamtbestand.

Trend mit Schattenseiten

Dass Hersteller wie VW wieder stärker auf CNG setzen, ist für Unternehmensberater Radics eine weise Strategie: So ließen sich die CO2-Flottenziele der EU auch erreichen, wenn sich die E-Mobilität weniger schnell etablieren sollte als erhofft.

Doch dieser Trend hat seine Schattenseiten, so Radics: Für die Hersteller, weil er wertvolle Ressourcen bindet, die eben nicht für E-Mobilität oder Wasserstoff-Technologie zur Verfügung stünden. Und für die Umwelt, weil Erdgas zwar weniger CO2-Ausstoß verursache als fossile Kraftstoffe, aber nicht klimaneutral sein kann.

«Mittelfristig kann Erdgas dem Verbrennungsmotor als sauberer Kraftstoff ein Fortbestehen sichern. Aber langfristig wird es sich deshalb nicht gegen neue Antriebsformen behaupten können», so Radics. Fahrverbote jedenfalls sind für Erdgas-Autos kein Thema.

Jahresbilanz Auto-Bestand des KBA


Verfasser: dpa-infocom GmbH

KEYWORDS

TEILEN


Das könnte Sie auch interessieren
Strom tanken, zapfen oder laden? Wie auch immer. Fest steht, dass die Elektromobilität viele neue Begriffe in den Alltag der Autofahrer bringt. Foto: Karl-Josef Hildenbrand Das große Glossar rund ums E-Auto CCS, Range-Extender und PSM: Wer sich mit Elektroautos beschäftigt, trifft auf Begriffe, die mehr nach Raumfahrt als nach Straßenverkehr klingen. Unwissenheit herrscht oft auch bei praktischen Fragen wie Tanken und Reichweite. Eine kleine Stromerkunde schafft Abhilfe.
Marathonläufer: Mit seiner rein elektrischen Reichweite von 50 Kilometern legt der Plug-in-Hybrid VW Golf GTE etwas mehr als eine offizielle Marathondistanz von 42,195 Kilomtern zurück. Foto: Volkswagen AG Mit dem Strom fahren: Welches Elektroauto zu wem passt Die Prämie ist da: Seit Juli können sich Autokäufer, die mit einem Elektroauto liebäugeln, den Kauf mit bis zu 4000 Euro fördern lassen. Zeit, um herauszufinden, welches E-Modell zu welchem Fahrer passt - doch reicht überhaupt die Auswahl dafür?
Alternative Autogas? Trotz Auslaufen der Steuervergünstigung für Autogas 2018 kann sich das Flüssiggas je nach Fahrleistung im Einzelfall weiter lohnen, sagen Experten. Foto: Markus Scholz/dpa-tmn Für welche Autofahrer sich der Umstieg auf Gas lohnt Glaubt man der Politik und der Industrie, gehört der Elektromobilität die Zukunft. Aber was ist eigentlich aus dem Gasantrieb geworden. Lohnt sich das? Und wenn ja: Für wen?
Das könnte der Sprit der Zukunft sein: synthetisch hergestelltes Benzin. Foto: Hendrik Schmidt/dpa-Zentralbild/dpa Künstliche Öko-Kraftstoffe: Was dieselt denn da? Führt tatsächlich kein Weg mehr am E-Auto vorbei - oder lässt sich fast emissionsfrei fahren trotz Verbrennungsmotors? Synthetische Kraftstoffe, sogenannte E-Fuels, sollen genau das hinbekommen und den Autobauern so Zeit verschaffen. Doch die Sache hat einen Haken.