Die Krux mit dem Kreisverkehr

01.11.2019
Immer öfter ersetzen Städte und Gemeinden normale Kreuzungen durch Kreisverkehre - und das aus gutem Grund: Kreisel gelten als wesentlich sicherer. Doch auch ein Kreisel hat seine Tücken.
Es geht rund: Welche Regeln sie im Kreisverkehr beachten müssen, haben nicht alle Autofahrer parat - was gilt?. Foto: dpa-infografik GmbH/dpa-infografik GmbH/dpa-Themendi/dpa
Es geht rund: Welche Regeln sie im Kreisverkehr beachten müssen, haben nicht alle Autofahrer parat - was gilt?. Foto: dpa-infografik GmbH/dpa-infografik GmbH/dpa-Themendi/dpa

Berlin (dpa/tmn) - Kreisverkehre erleben seit einigen Jahren eine echte Renaissance. Vielerorts werden normale Vorfahrtskreuzungen durch einen Kreisel ersetzt. Neben einem besseren Verkehrsfluss wirkt sich so ein Umbau meist auch positiv auf die Unfallzahlen aus.

«Insgesamt ist der Kreisverkehr einfach sicherer, denn hier gibt es keinen Gegenverkehr, wodurch eine wesentliche Gefahrenquelle für Unfälle wegfällt», sagt Siegfried Brockmann von der Unfallforschung der Versicherer (UDV). Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Geschwindigkeit. «Bei normalen Kreuzungen fahren Autofahrer 50 oder außerorts sogar 70 km/h. Im Kreisel hingegen beträgt die Geschwindigkeit meist nur 20-30 km/h», sagt der Verkehrsforscher Martin Schmotz von der Technischen Universität (TU) Dresden.

Vorteil der vereinfachten Verkehrsführung

Daneben sieht Schmotz in der Verkehrsführung einen großen Vorteil. Die Fahraufgabe sei schlicht einfacher, denn im Kreisel gehe es immer nach rechts und der bevorrechtigte Verkehr komme ausschließlich von links. «Es gibt also deutlich weniger Konfliktpunkte im Vergleich zu einer konventionellen Kreuzung mit Vorfahrtregelung.»

Stockt es doch einmal, sind nicht selten die Verkehrsteilnehmer selbst die Verursacher. «Speziell bei älteren Autofahrern erleben wir es immer wieder, dass beim Verlassen des Kreisverkehrs nicht geblinkt wird», sagt Jürgen Kopp von der Bundesvereinigung der Fahrlehrerverbände (BvF). Mit der Folge, dass der einfahrende Verkehr umsonst wartet.

Das Nichtblinken hänge vermutlich damit zusammen, so Kopp, dass es den Kreisel seit den 1960er- und 1970er-Jahren in Westdeutschland praktisch nicht mehr gab und er dementsprechend auch in der Fahrausbildung keine Rolle spielte. «Heute hingegen ist der Kreisverkehr ein wichtiger Bestandteil im Fahrschulunterricht - und zwar in Theorie und Praxis», sagt Kopp. Junge Autofahrer hätten daher keine Schwierigkeiten mit den Verkehrsregeln im Kreisel.

Haben Fußgänger im Kreisverkehr Vorrang?

Ein kritischer Punkt im Kreisverkehr ist die Vorfahrtsregel gegenüber Fußgängern. Denn sie besagt, dass Autofahrer beim Einfahren gegenüber querenden Fußgänger Vorrang haben, beim Herausfahren aber auf diese achten müssen.

«Das ist so uneinheitlich geregelt, weil die Zufahrt zum Kreisel gemäß StVO als normale Knotenpunktzufahrt gesehen wird, das Herausfahren aber ein Abbiegevorgang mit den entsprechenden Regelungen ist», sagt Schmotz. Das sei vielen aber nicht bekannt. Entsprechend zeige sich in der Praxis auch eher ein umgedrehtes Bild.

Deutlich klarer ist die Vorfahrtsregelung gegenüber anderen Autofahrern: Hier hat der Verkehr auf der sogenannten Kreisfahrbahn immer Vorfahrt. Auch Radfahrer haben im Kreisverkehr oft einen schweren Stand. «Beim Herausfahren erhöhen viele Autofahrer die Geschwindigkeit, dann jedoch kommt oft von rechts der kreuzende Radverkehr - das ist eine gefährliche Situation», sagt Brockmann.

Kopp verweist zudem auf die bauliche Besonderheit des Kreisels beim Abbiegen: «Durch den Bogen wird der tote Winkel noch vergrößert, das erhöht die Gefahr beim Abbiegen.» Die sichersten Kreisel seien daher die, bei denen Fußgänger und Radfahrer erst ein paar Meter von der Kreiselausfahrt entfernt die Fahrbahn kreuzen würden.

Vom kleinen Kreisverkehr zum mehrspurigen Kreisel

Der häufigste Kreisel in Deutschland ist der TU Dresden zufolge der «kleine Kreisverkehr», auch Kompaktkreisel genannt, der den Verkehr einspurig lenkt. Er hat einen Durchmesser von mindestens 26 Metern und eine leicht erhöhte feste Kreisinsel, die oft bepflanzt ist.

Wichtig sei hier, so Schmotz, dass Kommunen die Kreisinsel nicht zweckentfremden würden: «Wenn dort beispielsweise Beton- oder Stahlkunstwerke oder anderes aufgebaut wird, kann das im Falle eines Unfalls mit Auffahren auf die Kreisinsel zu schwerwiegenden Unfallfolgen führen.»

Immer öfter sind in kleinen Ortschaften zudem Minikreisel mit einem Durchmesser bis 22 Metern zu sehen. Die Besonderheit hier ist die flache, meist farblich abgesetzte Kreisinsel. Lkws oder Busse dürfen geradeaus rüber fahren, Pkws hingegen nicht. Eher seltener sind in Deutschland mehrspurige Kreisel. Wer dort links fahre, müsse zunächst den rechts neben ihm fahrenden Verkehr beachten, bevor er an der Ausfahrt den Kreisel verlassen kann.


Verfasser: dpa-infocom GmbH

KEYWORDS

TEILEN


Das könnte Sie auch interessieren
Ausgezeichnet und verpflichtend: Das runde Verkehrszeichen Nummer 236 markiert einen Radweg, der für Fahrradfahrer verbindlich zu nutzen ist. Foto: Uli Deck/dpa/dpa-tmn Wo dürfen Radler tatsächlich fahren Radfahrer und Autofahrer würden sich im Verkehr am liebsten aus dem Weg gehen. Wo gut ausgebaute Radwege fehlen, kommt es oft zu Streit. Dabei sind die Regeln eindeutig.
Fahrradfahrer dürfen auf einem Schutzstreifen nicht gegen die Fahrtrichtung fahren. Foto: Uli Deck/dpa Gegen die Fahrtrichtung unterwegs: Radler haftet bei Unfall Für alle Verkehrsteilnehmer gelten die Verkehrsregeln gleichermaßen. Das gilt auch für Fahrradfahrer, die auf einem Schutzstreifen unterwegs sind.
Segway-Fahrer müssen auf Fußgänger Rücksicht nehmen. Verletzen sie die Sorgfaltspflicht, können sie haftbar gemacht werden. Foto: Ingo Wagner/dpa/dpa-tmn Fußgänger haben Vorrang vor Segways und Co. Segways und neuerdings E-Tretroller sind vor allem in Großstädten fester Teil des Straßenbilds. Ist man mit solchen Gefährten auf einem Rad- und Gehweg unterwegs, ist Rücksichtnahme angesagt.
Besonders ärgerlich, aber möglich: Eine Panne auf der Urlaubsreise. Daher sollten auch die jeweils vorgeschriebenen Warnwesten für Fahrer und Passagiere an Bord sein. Foto: Markus Scholz/dpa Vorbereitung für die Autoreise ins Ausland Wer mit dem eigenen Auto im Sommer in den Auslandsurlaub fährt, sollte beim Kofferpacken nicht nur an T-Shirt, Sonnenöl und Badesachen denken, sondern auch an etwaige Besonderheiten im Reiseland - und auch das Auto selbst nicht vergessen.