Der Range Rover wird 50 Jahre alt

25.02.2020
Der Land Rover war fürs einfache Volk. Doch weil in England auch den Adel die Landlust umtrieb, haben die Briten dem Arbeitstier vor einem halben Jahrhundert einen feinen Bruder zur Seite gestellt.
Lieber nicht zu schnell: In engeren Kurven erinnert der erste Range Rover an ein wankendes Schiff auf hoher See. Foto: Craig Pusey/dpa-tmn
Lieber nicht zu schnell: In engeren Kurven erinnert der erste Range Rover an ein wankendes Schiff auf hoher See. Foto: Craig Pusey/dpa-tmn

Solihull (dpa/tmn) - Klimaschützer und Stadtplaner mögen jenen Tag irgendwann Mitte der 1960er Jahre verfluchen, als Charles Spencer King die Geschichten vom Jeep Wagoneer oder dem Ford Bronco zu viel wurden.

Aber Tausende Mütter aus besseren Kreisen und Heerscharen von Abenteurern im Anzug sind dem Briten zu ewigem Dank verpflichtet - und die Queen hätte Mr. King eigentlich zum Ritter schlagen müssen.

Schließlich hat er ihr absolutes Lieblingsauto gebaut, mit dem sie bis heute und tatsächlich gelegentlich selbst am Steuer sitzend ins Wochenende startet.

Denn King war Entwicklungschef bei Rover, hatte von seinen Onkeln Spencer und Maurice Wilks als Urvätern des Defenders viel Land Rover im Blut und deshalb die Idee von einem Geländewagen, der nicht nur für die Highlands, sondern auch für die High Society taugt.

Das war die Initialzündung für die Entwicklung des Range Rovers, der als Mutter aller luxuriösen Allradler den Boden für Autos wie den Porsche Cayenne, den BMW X5, den Rolls-Royce Cullinan oder demnächst sogar einen feldwegtauglichen Ferrari bereitet hat.

Die Erfinder des SUV-Segments

Oldtimer-Spezialist Frank Wilke von Classic Car Analytics in Bochum sieht in dem ersten Range Rover eine Pionierleistung: «Mit der Idee, nicht einen Kombi geländegängig, sondern einen echten Geländewagen für die Straße komfortabler und schneller zu machen, haben die Briten unbeabsichtigt das Fahrzeugsegment der SUV erfunden.»

Welch großen Schritt die Briten mit dem Range Rover gemacht haben und wie weit sie ihrer Zeit damit voraus waren, kann man noch heute ermessen: Wenn man mit einem Klassiker aus dem ersten Jahren durch sein natürliches Habitat in den schottischen Highlands rollt.

Man thront über den Dingen, der V8-Motor flutet den Innenraum mit molliger Wärme wie ein prasselndes Kaminfeuer. Der Beifahrer sitzt einen halben Meter weiter drüben, dazwischen eine Mittelkonsole von schier epischer Breite. Und wenn man sich erst einmal durch die großen, aber anfangs nur vorne vorhandenen Türen auf die Rückbank gefaltet hat, geht es auch dort ausgesprochen geräumig zu. Vom Kofferraum mit der bereits damals horizontal geteilten Klappe fürs Picknick auf dem Parkplatz im Grünen ganz zu schweigen.

Der Erstling kommt spartanisch daher

Zwar rühmt sich der Range Rover als die Mutter aller Luxusgeländewagen und ist mit seinem Startpreis von 23 500 Mark bei seinem Debüt in Deutschland 1972 ähnlich teuer wie ein Porsche 911 - doch im Vergleich zu aktuellen Modellen geht es in dem Erstling noch vergleichsweise spartanisch zu.

Das Armaturenbrett ist nicht etwa aus Wurzelholz, Karbon oder gebürstetem Aluminium, sondern aus schnödem Kunststoff. Auf den Böden liegen beige Wirkwaren und die Sitze sind mit einem Stoff bezogen, den man heute nicht einmal im Retro-Hotel akzeptieren würde.

Unter der Haube arbeitet ein bei US-Hersteller Buick eingekaufter Achtzylinder mit 3,5 Litern Hubraum und 99 kW/135 PS. Der Range Rover wiegt trotz der unverwüstlichen Aluminiumkarosserie rund zwei Tonnen, ist so windschnittig wie der Buckingham Palace und hat gefühlt einen Wendekreis wie ein Londoner Doppeldecker-Bus. In engen Kurven wankt er wie die Queen Mary bei schwerer See - Eile ist fehl am Platz.

Durstig an der Zapfsäule

An der Tankstelle geben sich der alte Range Rover und die neuen SUV nicht viel: Sie können einen guten Schluck vertragen und stehen darum vergleichsweise oft an der Zapfsäule. Die Abkürzung SUV, das Sport Utility Vehicle, kennt bei der Premiere des Range Rovers vor 50 Jahren indes noch kein Mensch.

Bis Mitte der 1980er Jahre war das Auto damit nahezu konkurrenzlos, sagt Oldtimer-Analyst Wilke. «Erst dann zogen Firmen wie Jeep mit dem Cherokee und Mercedes mit der aufgepeppten G-Klasse nach.»

Die Kunden verlangten laut Wilke immer mehr Luxus und Leistung, der Allradantrieb wurde eher zur Dreingabe und Einsätze im harten Gelände zur Ausnahme: So ist es kein Wunder, dass mittlerweile Rolls-Royce, Bentley und selbst Lamborghini Geländewagen bauen.

Das Herz der Gattung

So sehr sich das Segment der Luxusgeländewagen weiter entwickelt hat, trifft der Range Rover aber auch als Oldtimer noch immer direkt in das Herz der Gattung: «Er ist ein zeitloser Klassiker mit Stil und viel Komfort und Leistung für Familie, Reisen, Abenteuer und Spaß», sagt Oliver Schepp-Danne vom Land Rover Classic-Center in Essen.

Gefragt sind dabei laut Oldtimer-Analyst Wilke vor alle die ganz frühen, spartanischen Range-Rover-Modelle, die noch einen «Suffix A» in der Fahrgestellnummer tragen, sowie die ganz späten Exemplare mit großen Motoren und Vollausstattung.

Aber genau wie seine modernen Nachfahren ist auch ein klassischer Range Rover ein teures Vergnügen: Ordentliche Autos aus den ersten Jahren taxiert Schepp-Danne auf 30.000 bis 40.000 Euro, gut erhaltene Fahrzeuge gibt es selten unter 50.000 Euro. Für komplett restaurierte Fahrzeuge müsse man mit mehr als 80.000 Euro kalkulieren.

Neuralgische Punkte beachten

Kaufinteressenten rät der Experte zu einigen kritischen Blicken an neuralgischen Punkten: So solle man den Rahmen immer auch innen auf Korrosion prüfen, da der meist nur gesäubert und schwarz überlackiert werde. Bei der größtenteils aus Alu gefertigten Karosserie sollte man neben Korrosion auch auf gespachtelte Oberflächen achten und bei der Innenausstattung auf Vollständigkeit und Unversehrtheit. Ersatzteile, gerade Kunststoffteile fürs Cockpit, seien schwer zu beschaffen.

Wem das zu heikel ist, dem bietet Land Rover eine vergleichsweise teure, aber sichere Alternative: Weltweit kauft die Abteilung Special Vehicle Operations des Autoherstellers handverlesene Klassiker auf, restauriert sie im Werk und verkauft sie als «Reborn»-Modelle.

Dann entspricht allerdings nicht nur der Zustand einem Neuwagen, sondern auch der Preis. Denn mit mindestens 157 000 Euro kostet der fabrikneue Range Rover der Serie 1 deutlich mehr als der aktuelle.


Verfasser: dpa-infocom GmbH

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