Der Jeep Wrangler im Autotest

29.11.2018
Die meisten SUV haben sich mittlerweile an den Alltag angepasst und dabei ihren Charakter verloren. Der Jeep Wrangler stellt sich gegen diesen Trend und will partout kein aufgebockter Kombi sein - auch wenn man dafür beim Fahren ein paar Kompromisse machen muss.
Die vierte Generation des Jeep Wrangler ist ab 46.500 Euro zu haben. Foto: Chrysler
Die vierte Generation des Jeep Wrangler ist ab 46.500 Euro zu haben. Foto: Chrysler

Berlin (dpa-infocom) - Zwar gelten sie längst als Dinosaurier, doch vom Aussterben kann keine Rede sein. Zumindest eine Handvoll waschechter Geländewagen lässt sich nicht für die SUV-Schwemme weichspülen. Neben der G-Klasse von Mercedes und dem Jimny von Suzuki ist das vor allem der Jeep Wrangler.

Er stammt in direkter Linie vom Willys Jeep ab, mit dem die USA im Zweiten Weltkrieg Europa befreit haben, und wird bis heute optisch nahezu unverändert gebaut. Das gilt auch für die vierte Generation, die jetzt zu Preisen ab 46.500 Euro in den Handel kommt.

Ein Spielzeug für Erwachsene

Von außen erinnert der als Zwei- oder Viertürer lieferbare Wrangler mit seinem kantigen Design ein wenig an ein Spielzeugauto, wobei wahrscheinlich eher die Designer von Playmobil & Co bei den Amerikanern abgeschaut haben, als umgekehrt. Aber das ist nicht die einzige Gemeinsamkeit zwischen Kinderzimmer und Garage, denn als eines der ganz wenigen aktuellen Autos kann man den Jeep wie viele Toy-Cars eigenhändig umbauen.

Je nach Modellvariante kann man einzelne Elemente das Daches bis hin zum gesamten Aufbau über dem Heck abnehmen, die Frontscheibe auf die Motorhaube falten und sogar die Türen aushängen. Am Ende sitzt man im luftigsten Geländewagen, der seit Mini Moke und Citroën Mehari gebaut wurde.

Einschränkungen im Alltag

Den Preis für diese Freiheit zählt man im Alltag allerdings gleich zweifach: Zum einen, weil die Konstruktion nicht ganz so gut zu isolieren ist wie eine geschlossene Karosserie und der Wind deshalb schon bei mäßiger Geschwindigkeit ziemlich laut um die vielen Kanten streift.

Und zum anderen, weil sie den Zugang zum Kofferraum erschwert. Der ist zwar mit 533 Litern angenehm groß, doch die Ladeluke ist vergleichsweise klein und schmal. Erst wenn man nach der unteren auch die obere Hälfte geöffnet hat, bekommt man zum Beispiel einen Koffer hinein gewuchtet.

Beim Fahren ein rauer Geselle

So wie sich der Wrangler mit seinem kantigen Charakter beim Design von der Konkurrenz absetzt, so unterscheidet er sich auch im Fahrverhalten: Der Neue fährt um Längen besser als jeder Wrangler vor ihm. Der Motor ist kultivierter, die serienmäßige Achtstufen-Automatik schaltet seidiger, die Lenkung ist präziser und das Fahrwerk komfortabler.

Doch verglichen mit Tiguan & Co fühlt sich der Jeep trotzdem noch immer an wie ein LKW - rauer, sperriger, etwas ungehobelter und deutlich weniger dynamisch. Neben dem 2,0-Liter-Benziner mit 199 kW/270 PS ist dabei der 2,2 Liter große Diesel das wichtigere Triebwerk: Er leistet 147 kW/200 PS und geht mit bis zu 450 Nm zu Werke. Aus dem Stand braucht er gute zehn Sekunden, um auf Tempo 100 zu kommen, und erreicht schon bei 160 Sachen seine Spitze.

Im Gelände unschlagbar

Dafür allerdings ist der Wrangler im Gelände unschlagbar. Wo viele SUV heute selbst gegen Aufpreis nicht einmal mehr mit Allradantrieb angeboten werden, haben die Amerikaner gleich zwei unterschiedliche 4x4-Systeme entwickelt und zum Standard erkoren.

Sie bieten auch weiterhin eine Geländeuntersetzung an und haben zwei individuell schaltbare Differentialsperren in der Ausstattungsliste. Damit kommt der Wrangler durch dick und dünn und trägt zurecht auf dem vorderen Kotflügel wie einen Orden das "Trail rated"-Signet, das ihn als waschechten Abenteurer ausweist.

Bits und Bytes für Matsch und Modder

Zwar ist der neue Wrangler aus altem Schrot und Korn, doch wartet er auch mit ein paar überraschend modernen Ausstattungsmerkmalen auf: Das beginnt bei den LED-Scheinwerfern und führt über Assistenzsysteme wie den Totwinkel-Warner oder den Querverkehrs-Assistenten bis ins Cockpit, das nur auf den ersten Blick so rustikal wirkt.

Wenn man genauer hinschaut, erkennt man hinter dem Lenkrad einen ebenso großen wie brillanten Bildschirm zwischen den Rundinstrumenten und daneben einen großen Touchscreen, der bei einigen Modellen sogar online gehen kann.

Fazit: Ein Abenteurer unter Artenschutz

Natürlich gibt es Geländewagen, die praktischer sind. Es gibt auch eine ganze Reihe Alternativen, die deutlich günstiger sind. Und die allermeisten SUV bieten mehr Komfort und bessere Fahrleistungen - vor allem, wenn man sie als Familienkutsche nutzt und damit nur im Alltag zwischen Büro, Supermarkt und Kindertagesstätte unterwegs ist. Aber es gibt nur ganz wenige Autos, die so viel Charakter haben wie ein Wrangler und noch weniger, denen man im Gelände so viel zumuten kann. Das macht den Wrangler zu einem Abenteurer, für den ein gewisser Artenschutz gilt.

Datenblatt: Jeep Wrangler Sahara 2.2l CRDi

Motor und Antrieb: Vierzylinder-Turbo-Dieseldirekteinspritzer
Hubraum: 2,2 Liter
Max. Leistung: 147 kW/200 PS bei 3500 U/min
Max. Drehmoment: 450 Nm bei 2000 U/min
Antrieb: Allradantrieb
Getriebe: 8-Gang-Automatik
Maße und Gewichte
Länge: 4882 mm
Breite: 1894 mm
Höhe: 1838 mm
Radstand: 3008 mm
Leergewicht: 2119 kg
Zuladung: 546 kg
Kofferraumvolumen: 533-1044 Liter
Fahrdaten
Höchstgeschwindigkeit: 160 km/h
Beschleunigung 0-100 km/h: 10,3 s
Durchschnittsverbrauch: 7,6 Liter/100 km
Reichweite: 1070 km
CO2-Emission: 202 g/km
Kraftstoff: Diesel
Schadstoffklasse: EU6 d temp
Energieeffizienzklasse: B
Kosten
Basispreis des Jeep Wrangler (2-Türer, Sport): 46 500 Euro
Grundpreis des Jeep Wrangler 4-Türer Sahara: 56 000 Euro
Typklassen: k.A.
Kfz-Steuer: 423 Euro/Jahr
Wichtige Serienausstattung
Sicherheit: Vier Airbags, Totwinkel-Warner, Überschlagsschutz
Komfort: Klimaanlage, Rückfahrkamera, Einparkhilfe
Spritspartechnik: Start-Stopp-Automatik

Alle Daten laut Hersteller, GDV, Schwacke


Verfasser: dpa-infocom GmbH

KEYWORDS

TEILEN


Das könnte Sie auch interessieren
Größer und stärker - so kommt der neue Ssangyong Rexton daher. Foto: Ssangyong/dpa Ssangyong Rexton im Test: Komfortabler Koloss aus Korea Ssangwiebitte? Bislang hat man Ssangyong nur für das krude Design von Modellen wie dem Actyon oder Rodius gekannt. Mit dem neuen Rexton wollen es die Koreaner endlich allen zeigen. Das Flaggschiff der SUV-Marke sieht nicht nur ansehnlich aus, es wächst über sich hinaus.
Mitsubishi will bei den kompakten SUV mitmischen. Dafür schicken die Japaner den neuen Eclipse Cross ins Rennen. Foto: Mitsubishi/dpa Mitsubishi Eclipse Cross im Test: Eine schräge Nummer Nachdem es arg still geworden ist um Mitsubishi, melden sich die Japaner jetzt mit einer ziemlich vorlauten Premiere zurück. Um im Ringen mit Bestsellern wie dem Hyundai ix35 oder VW Tiguan wahrgenommen zu werden, setzt der neue Eclipse Cross auf ein schräges Design.
Mercedes wagt sich auf neues Terrain: Die Schwaben bieten mit der X-Klasse ihren ersten Pick-up an. Den gibt es ab 37 295 Euro. Foto: Daimler AG/dpa Mercedes X-Klasse im Test: Laster trifft Luxus Sie sind nur eine Nische und werden meist als Nutzfahrzeuge gekauft. Doch weil mittlerweile bald jeder ein SUV fährt, suchen echte Abenteurer härtere Autos - und werden jetzt auch bei Mercedes fündig. Als erste Nobelmarke haben die Schwaben einen Pick-up herausgebracht.
Zu den neuen Bauteilen gehören beim Defender Works V8 moderne LED-Scheinwerfer und eine Achtgang-Automatik. Foto: Land Rover Land Rover Defender Works V8: Totgesagte fahren länger Er hat in seiner Karriere so ziemlich alle Hürden genommen und jetzt sogar sein eigenes Ende überlebt. Denn zwei Jahre nach dem Produktionsstopp feiert der Land Rover Defender sein Comeback. Als Kleinserie zum 70. Geburtstag will es der Klassiker noch einmal wissen.