Autotest: Beim Morgan Threewheeler zählt der Funfaktor

26.02.2020
Es braucht schon etwas Spleen, wenn man erwachsene Männer mit einem Dreirad ködern will. Erst recht, wenn dessen Konstruktion im Grunde schon 110 Jahren alt ist. Was also hat der Morgan Threewheeler zu bieten?
Rasen wie vor hundert Jahren: Der Morgan Threewheeler bietet noch immer ein archaisches Fahrerlebnis. Foto: Morgan Motor Company/dpa-mag
Rasen wie vor hundert Jahren: Der Morgan Threewheeler bietet noch immer ein archaisches Fahrerlebnis. Foto: Morgan Motor Company/dpa-mag

Berlin (dpa-infocom) – Mit zwei Rädern vorne und einem hinten? Ein Dreirad für Erwachsene, und dann auch noch falsch herum montiert - viel schräger als ein Morgan Threewheeler kann ein Auto kaum sein.

Und dennoch hält sich der englische Exot schon überraschend lange. Sehr lange sogar. Denn im Grunde gibt es das Dreirad bereits seit mehr als einem Jahrhundert, und seitdem hat sich an ihm auf den ersten Blick nur wenig verändert. Damals ein Steuersparmodell, ist daraus heute ein Spielzeug geworden, das weniger dem Fortkommen als dem Vergnügen dient.

Damit bedienen die Briten eine ähnliche Kundschaft wie mit einem Supersportwagen, nur dass ihr Dreirad ein Bruchteil dessen kostet. Denn auch wenn 49.900 Euro viel Geld für ein Spielzeug sind und man der Preis mit ein paar Extras sogar auf 60.000 Euro klettern kann, ist der Morgan verglichen mit einem McLaren oder einem Maserati ein Schnäppchen. Und mehr Spaß macht der Sonderling obendrein.

Viel Fahrspaß trotz nüchterner Zahlen

Das liegt vor allem an der ungefilterten, fast schon brachialen Art, die der Threewheeler an den Tag legt: Auch den kleinsten Druck auf das Gaspedal quittiert der Morgan mit explosiver Beschleunigung. Und wenn man das Lenkrad nur ein paar Millimeter bewegt, reißt es den Wagen förmlich herum. Ohnehin liefert der Engländer bei hohem Tempo ein Erlebnis der besonderen Art. Der Motor bollert lauter als ein Silvesterfeuerwerk, und gegen den Fahrtwind im Morgan ist mancher Orkan nur ein laues Lüftchen.

Dabei sind die Zahlen eher nüchtern. Der vor dem Bug montierte Motorradmotor hat gerade mal zwei Zylinder und holt aus seinem imposanten 2,0-Liter-Hubraum magere 51 kW/68 PS. Mit maximal 129 Nm beschleunigt der Zweisitzer in 7,0 Sekunden aus dem Stand auf Tempo 100. Und wo man bei den meisten Sportwagen erst so langsam etwas von der Geschwindigkeit spürt, ist beim Threewheeler schon wieder Schluss. Denn mehr als 185 km/h sind nicht drin. Und mit einem Normverbrauch von 8,1 Litern (CO2-Ausstoß: 187 g/km) ist das Dreirad obendrein hoffnungslos ineffizient.

Doch mit dem Hintern direkt über dem Asphalt und dem Kopf ungeschützt im Wind, mit einer manuellen Schaltung, die direkter und vor allem schneller ist als jede Doppelkupplung, und mit einem Gewicht von nicht einmal 600 Kilogramm fühlt man sich in dem Dreirad so schnell, so wendig und so tollkühn wie früher die Piloten der Royal Air Force in ihren offenen Jagdflugzeugen. Kein Wunder, dass Morgan mit typisch englischem Humor gegen stolze Aufpreise bunte Aufkleber mit den Kennzeichen historischer Flugzeuge samt dekorativer Einschusslöcher anbietet.

Komfort? Fehlanzeige!

So viel Spaß der Morgan auch macht, eines kann er aber nicht einmal ansatzweise bieten: Komfort. Nicht nur, dass es kein Verdeck gibt, auch die kleine Scheibe vor dem Fahrer ist allenfalls die Andeutung eines Windschutzes. Die Heizung wird durch einen Auspuff ersetzt, der offen wie ein Ofenrohr montiert wurde und der sich über kurz oder lang jedem als bleibende Erinnerung in die Wade brennt.

Zudem ist die von Hand aus Aluminium gedengelte Karosserie so eng, dass man vor dem Einsteigen erst einmal ein paar Dehnübungen machen muss und man sich fragt, für wen die Briten einen zweiten Sitz montiert haben, wenn man schon allein Platzangst bekommt. Von so etwas wie einer Federung oder Stoßdämpfung ganz zu schweigen. Ach ja – Sicherheitsextras wie Airbags oder gar Assistenzsysteme sucht man natürlich auch vergebens. Denn was wie die Gurte nicht zwingend für die Zulassung notwendig ist, das haben die Briten einfach weggelassen.

Aber auch das gehört bei einem Morgan zum Erlebnis: Der Schmerz vergeht, doch der Stolz bleibt. Schließlich hat man es geschafft, ein derart archaisches Auto zu beherrschen und dabei auch noch den Elementen zu trotzen. Mit Nackenföhn und Sitzheizung kann schließlich jeder offen fahren.

Fazit: Traumwagen auf Zeitreise

Rustikal, radikal und zumindest gefühlt rasend schnell – wer sich auf den Morgan Threewheeler einlässt, der erlebt gleich im doppelten Sinne eine Zeitreise. Denn man fährt nicht nur einen fabrikneuen Oldtimer, der aussieht wie vor über 100 Jahren. Sondern man fühlt sich auch noch einmal wie ein Kind auf seinem Dreirad und hat dabei mehr Spaß als in einem ernsthaften Sportwagen.

Datenblatt: Morgan Threewheeler

Motor und Antrieb Zweizylinder-Benziner
Hubraum: 1997 ccm
Max. Leistung: 51 kW/68 PS bei 5 200 U/min
Max. Drehmoment: 129 Nm bei 2 500 U/min
Antrieb: Heckantrieb
Getriebe: Fünfgang-Schaltgetriebe
Maße und Gewichte
Länge: 3260 mm
Breite: 1738 mm
Höhe: 1012 mm
Radstand: 2385 mm
Leergewicht: 585 kg
Zuladung: k.A.
Kofferraumvolumen: k.A.
Fahrdaten:
Höchstgeschwindigkeit: 185 km/h
Beschleunigung 0-100 km/h: 7,0 s
Durchschnittsverbrauch: 8,1 Liter/100 km
CO2-Emission: 187 g/km
Kraftstoff: Super
Schadstoffklasse: EU4
Energieeffizienzklasse: k.A.
Kosten:
Basispreis des Morgan Threewheeler: 49.900 Euro
Typklassen: k.A.
Kfz-Steuer: 224 Euro/Jahr
Wichtige Serienausstattung:
Sicherheit: Sicherheitsgurte, Überrollbügel
Komfort: Frontscheibe, Ledersitze

Alle Daten laut Hersteller, GDV, Schwacke


Verfasser: dpa-infocom GmbH

KEYWORDS

TEILEN


Das könnte Sie auch interessieren
Seit 60 Jahren gibt es das Tempo 50 in Ortschaften. Foto: Sebastian Gollnow/dpa 60 Jahre Tempo 50 Emotionale Diskussionen über Tempolimits haben in Deutschland Tradition. Vor sechs Jahrzehnten war es ein Kraftakt, Tempo 50 in Ortschaften durchzusetzen. Heute geht es um Tempo 30.
Bevor Autohalter eine Kfz-Haftpflicht abschließen, sollten sie einen Blick in die Regionalklassen werfen. Denn damit lassen sich Angebote besser vergleichen. Foto: Jens Schierenbeck/dpa-tmn Neue Regionalklassen der Kfz-Haftpflicht In Deutschlands Norden fahren Autofahrer günstiger - zumindest gilt das für ihre Einstufung in der Kfz-Haftpflicht. Das zeigt die neue Regionalstatistik der Versicherer, die auf der Schadenbilanz basiert. Höhere Klassen gibt es vor allem in den Großstädten.
Tarife zu vergleichen, kann sich für Autobesitzer lohnen. Denn die KfZ-Versicherer stehen in einem harten Wettebewerb. Foto: Franziska Gabbert Regionalklassen der Kfz-Haftpflicht: Im Norden oft günstiger In Deutschlands Norden fahren Autofahrer günstiger - zumindest gilt das für ihre Einstufung in der Kfz-Haftpflicht. Das zeigt die neue Regionalstatistik der Versicherer, die auf der Schadenbilanz basiert. Besonders teuer sind die Versicherungsprämien in den Großstädten.
Marathonläufer: Mit seiner rein elektrischen Reichweite von 50 Kilometern legt der Plug-in-Hybrid VW Golf GTE etwas mehr als eine offizielle Marathondistanz von 42,195 Kilomtern zurück. Foto: Volkswagen AG Mit dem Strom fahren: Welches Elektroauto zu wem passt Die Prämie ist da: Seit Juli können sich Autokäufer, die mit einem Elektroauto liebäugeln, den Kauf mit bis zu 4000 Euro fördern lassen. Zeit, um herauszufinden, welches E-Modell zu welchem Fahrer passt - doch reicht überhaupt die Auswahl dafür?