Überzeugt der Rivian R1T im Praxis-Check?

18.05.2022
Stadtflitzer, SUV, Sportwagen - in den letzten Jahren hat die E-Mobilität schon viele Segmente erobert. Und mit dem Rivian R1T ist jetzt das nächste dran. Als einer der ersten elektrischen Pick-ups könnte er selbst sprittreue Holzfällertypen umstimmen. Nicht nur in den USA.
Mit 835 PS und 500 km Reichweite (US-Norm) bietet der Rivian R1T als einer der ersten Elektro-Pick-ups eine beachtliche Performance. Foto: Rivian Automotive/dpa-mag
Mit 835 PS und 500 km Reichweite (US-Norm) bietet der Rivian R1T als einer der ersten Elektro-Pick-ups eine beachtliche Performance. Foto: Rivian Automotive/dpa-mag

Berlin (dpa-infocom) - Wer in der Autowelt von den «Big Three» spricht, der hatte bislang immer General Motors, Ford und Chrysler im Sinn. Denn fast 100 Jahre lang haben die «großen Drei» aus Detroit den US-Markt dominiert. Doch seit Beginn der E-Wende formt sich von Kalifornien aus so langsam ein neues Führungstrio.

Tesla gilt vielen schon als wichtigster Autohersteller der Welt, Lucid erobert die Luxusklasse, und jetzt startet als dritter im Bunde Rivian mit einem Elektro-Pick-up durch. Mindestens 67.500 Dollar oder etwa 65.000 Euro teuer und deutlich vor dem Tesla Cybertruck marktreif, soll er eine der größten und vor allem traditionsreichsten Fahrzeugklassen in den USA in die Zukunft führen.

Moderner Newcomer mit alten Qualitäten

Auf den ersten Blick hat er dabei bis auf die Pritsche und seinem stattlichen Format von 5,50 Metern mit Konkurrenten wie dem Ford F-150 wenig gemein. Während der F-150, seit über 50 Jahren das meistverkaufte Auto in den USA, mit seiner verchromten Riesenfront in einem Armageddon-Film mitwirken könnte, passt der coole Newcomer eher in einen Apple Store. Und innen gibt es eine nüchterne Tech-Atmosphäre mit einem großen Touchscreen als einzigem Bedienelement.

Erst auf den zweiten Blick macht sich der Rivian R1T mit der alten Garde gemein. Auch er bietet das erhabene Fahrgefühl eines typischen Pick-ups und lässt den Fahrer hoch über der Straße thronen. Es gibt viel Platz und die Gewissheit, dass das Auto vor kaum einem Hindernis halt macht - weder vor Bachläufen, noch vor Schotterhügeln. Denn Bodenfreiheit und Wattiefe, Rampen- und Böschungswinkel sind mindestens genauso gut wie bei klassischen Pick-ups oder Geländewagen, Nutzlast oder Zugkraft ebenfalls.

Und mit seinen vier einzeln angetriebenen Rädern, der variablen Bodenfreiheit und den vier Offroad-Programmen dürfte der R1T die meisten Abenteuer jenseits der Straße problemlos meistern. Dank seiner guten Luftfederung wird man dabei nicht einmal besonders viel spüren.

Stark wie ein Truck, handlich wie ein Kleinwagen

Gleichzeitig nutzt Rivian die Vorteile, die nur ein Elektroauto bieten kann. Ein Beispiel hierfür ist der riesige Frunk unter der vorderen Haube oder der sogenannte Gear-Tunnel für die Ski oder die ausziehbare Camping-Küche zwischen Kabine und Pritsche.

Weil die Motoren einzeln angesteuert werden und gegenläufig drehen können, lässt er sich sogar wie ein Kleinwagen auf der Stelle wenden. Und weil er extrem viel Kraft hat und die E-Motoren ohne Zeitverzug ansprechen, hängt er beim Sprint so manchen benzinbetriebenen Konkurrenten ab: Von 0 auf 100 km/h in 3,3 Sekunden - das ist in einem drei Tonnen schweren Pritschenwagen schon ein beeindruckendes Erlebnis. Und auch wenn er bei Vollgas etwas zurückfällt, zählt der R1T mit seinen 200 km/h Spitzentempo zu den schnellsten seiner Art.

Aufrüstung an der Ladesäule

Diese Werte kommen natürlich nicht von ungefähr. Schon das Basismodell mit je einem Motor pro Achse hat über 441 kW/600 PS, und alle anderen Varianten fahren mit vier Motoren von zusammen 614 kW/835 PS, die zusammen mehr als 1200 Nm an die 23-Zoll-Walzen schicken. Und auch der Akku, der mit bis zu 200 kW geladen wird, ist rekordverdächtig: 105 kWh in der Einstiegsversion, 135 kWh im Testwagen und 180 kWh im Top-Modell. Letzterer hat etwa dreimal so viel Kapazität wie der VW ID3. Doch schon der Testwagen kommt nach US-Norm über 500 Kilometer weit.

Fazit: Vom US-Phänomen zum Weltauto

Zwar ist der Pick-up als Firmenwagen und Freizeitauto in dieser Liga vor allem ein US-Phänomen. Doch als einer der ersten Stromer seiner Art hat der Rivian gleich aus zwei Gründen eine globale und damit auch eine deutsche Bedeutung. Erstens, weil die Elektrifizierung nun ein weiteres Segment erfasst. Und zweitens, weil der Pick-up nun auch für klimabewusste Großstadt-Cowboys und -Cowgirls zur echten Option wird.

Datenblatt: Rivian R1T

Motor: Quad-Motor-Elektroantrieb
Max. Leistung: 614 kW/835 PS
Max. Drehmoment: > 1200 Nm
Antrieb: Allradantrieb
Getriebe: Eingang-Getriebe
Maße und Gewichte
Länge: 5514 mm
Breite: 2078 mm
Höhe: 1923 mm
Radstand: 3452 mm
Leergewicht: 3242 kg
Zuladung: k.A.
Kofferraumvolumen: k.A.
Fahrdaten:
Höchstgeschwindigkeit: 200 km/h
Beschleunigung 0-100 km/h: 3,3 s
Durchschnittsverbrauch: k.A.
Reichweite: 505 km (US-Norm)
Batteriekapazität: 135,0 kWh
CO2-Emission: 0 g/km
Kraftstoff: Strom
Schadstoffklasse: k.A.
Effizienzklasse: k.A.
Kosten:
Grundpreis des R1T: 67.500 Dollar
Grundpreis des R1T Adventure Large Pack: 85.000 Dollar
Typklassen: k.A.
Kfz-Steuer: 0 Euro/Jahr
Wichtige Serienausstattung:
Sicherheit: Sechs Airbags, ESP, Spurhalte- und Abstandsregelung
Komfort: Klimaautomatik, Digitale Instrumente, Sitzheizung, Gear-Tunnel

Alle Daten laut Hersteller, GDV, Schwacke

© dpa-infocom, dpa:220502-99-123813/14


Verfasser: dpa-infocom GmbH

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