50 Jahre Citroën SM

07.07.2020
Der Citroën DS ging als «Seine Majestät» in die Geschichte ein. Seine Regentschaft währte allerdings nur kurz - doch dafür ist die Mischung aus Sportwagen und Limousine heute noch immer einzigartig.
Mutet der Citroën SM auch heute noch futuristisch an, mag er vor einem halben Jahrhundert wie ein gelandetes Raumschiff gewirkt haben. Foto: A. Martin/Citroën/dpa-tmn
Mutet der Citroën SM auch heute noch futuristisch an, mag er vor einem halben Jahrhundert wie ein gelandetes Raumschiff gewirkt haben. Foto: A. Martin/Citroën/dpa-tmn

Rüsselsheim/Kaarst (dpa/tmn) - Die Amis fliegen zum Mond, über den Atlantik pendelt die Concorde und auf der Schiene lässt der Trans Europa Express die Distanzen schrumpfen. Wir schreiben die 1970er Jahre und die Welt ist im Aufbruch. Den wagen auch wieder einmal die Ingenieure von Citroën bei der Entwicklung eines neuen sportlichen Topmodells.

Das Ergebnis wirkt im Frühjahr 1970 wie ein Auto von einem anderen Stern - der SM.

Der zeigt sich mit einer rasend schnellen Silhouette und einer unter Glas verborgenen Front mit sechs Scheinwerfern. Mit einem Motor von Maserati fährt das knapp 4,90 Meter lange Luxuscoupé direkt an Spitze und wird zum elegantesten und avantgardistischsten Auto, das die französische PS-Welt bis dahin hervorgebracht hat.

Fans haben das offizielle Kürzel, das je nach Quellenlage mal mit System Maserati oder Sport-Maserati ausgeschrieben wird, längst in «Sa Majesté» oder «Seine Majestät» umgemünzt.

Revolution mit langer Vorlaufzeit

Die Planungen für den SM reichen zurück bis in die frühen 1960er. Dass es dann doch ein paar Jahre länger dauert mit der Umsetzung, tut dem Projekt keinen Abbruch. Mittlerweile ist Citroën Mehrheitseigner bei der kriselnden Traummarke aus Italien und der intendierten Organspende steht nichts mehr im Wege, erzählt SM-Experte Volker Hammes aus Kaarst. Maserati liefert den Motor des SM - denn die Franzosen selbst keinen Sechszylinder im Repertoire.

Das Ergebnis begeistert Tester und Publikum. Details wie die geschwindigkeitsabhängige Servolenkung, die sich sogar im Stand selbst zurückstellt, und das hydraulische Fahrwerk mit seinem wolkengleichen Federungskomfort beeindrucken. Selbst ein Porsche 911 verblasst angesichts der Finesse, der Avantgarde und des Luxus. Und angesichts des Preises, muss Hammes einräumen. Denn mit einem Grundpreis von 31 000 D-Mark ist der SM teurer als der 911.

Dass der SM bisweilen als Concorde für die Straße bezeichnet wurde, liegt aber nicht allein am aerodynamischen Design mit einem konkurrenzlosen cw-Wert von 0,32 und der avantgardistischen Technik, sondern vor allem an den Fahrleistungen. Denn obwohl der Sechszylinder wegen einer Steuergrenze auf 2,7 Liter Hubraum und 125 kW/170 PS gedrosselt wird, erreicht der SM 220 km/h Spitze und ist damit seinerzeit der schnellste Fronttriebler der Welt.

Rücksichtsvolle Probefahrt

So schnell zu fahren, erfordert damals zumindest Übung und braucht heute einen gewissen Mut. Zum einen, weil der SM eine absolute Rarität ist und man den Oldtimer deshalb besser rücksichtsvoll bewegt. Und zum anderen, weil die Technik ihre Tücken hat. Das gilt vor allem für die eigenwillige Lenkung. Denn wer das Einspeichen-Lenkrad ohne das nötige Feingefühl bedient, der nimmt Kurven ziemlich eckig und fährt auf der Geraden schon mal Schlangenlinien.

Auch das Bremsen erfordert ein wenig Gewöhnung, weil der SM dafür kein Pedal hat, sondern eine Art Gummiball - was die Dosierung nicht eben leichter macht. Dann doch lieber langsam anfangen und den Blick dafür schweifen lassen in einem Cockpit, das seinesgleichen sucht. Schon das Lenkrad ist eine Schau, die ovalen Instrumente im kupfern ausgeschlagenen Cockpit sind eine Augenweide und der filigrane Schaltknüppel in der großen Kulisse ist ein Blickfang. Vom Radio zwischen den Sitzen ganz zu schweigen. Je länger man mit dem SM unterwegs ist, desto majestätischer fühlt sich der große Franzose an.

Die Zukunft war kurz

So steil der SM damals aufstieg, so kurz währte seine Karriere. Denn der Höhenflug dauerte gerade einmal bis 1975, berichtet Citroën-Pressesprecher Christopher Rux. Die Gründe dafür sind vielschichtig. Die aufziehende Ölkrise dürfte einer gewesen sein, die Übernahme durch Peugeot und der Verkauf der Maserati-Anteile an de Tomaso ein weiterer.

Und dass Frankreich 1974 das Tempo auf der Autobahn auf 130 km/h limitierte, war dem Überflieger sicher auch nicht zuträglich. Nur 12 920 Autos werden gebaut - und die letzten Rohkarossen mangels Nachfrage sogar verschrottet.

Nur wenige Autos in Deutschland

Nach Deutschland schaffen es davon immerhin 971 Exemplare, berichtet Hammes und beziffert den heutigen Bestand auf rund die Hälfte. Allein im rührigen SM-Club, bei dem Hammes das Technikressort verantwortet, sind rund 300 Fahrzeuge registriert.

Das Modell wird aber selten gehandelt, viel mehr als ein Dutzend Autos werden nicht gehandelt, taxiert der SM-Experte den Markt. Wer einen guten SM fahren will, muss in der Regel mittlere bis hohe fünfstellige Beträge bereithalten, im Extremfall sogar mehr.

© dpa-infocom, dpa:200706-99-692410/2


Verfasser: dpa-infocom GmbH

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