Wie Wände Atmosphäre im Raum schaffen

26.04.2021
Wer Atmosphäre in einem Raum schaffen will, sollte dabei die Wände nicht vergessen. Diese müssen nicht immer weiß sein. Ein paar Anregungen dazu, was Farben bewirken können.
Eine farbige Ecke: Mit Farbe an der Wand kann man den Raum optisch neu unterteilen, sie sollte aber zur Einrichtung passen. Foto: Christin Klose/dpa-tmn
Eine farbige Ecke: Mit Farbe an der Wand kann man den Raum optisch neu unterteilen, sie sollte aber zur Einrichtung passen. Foto: Christin Klose/dpa-tmn

Berlin (dpa/tmn) - Farben wirken direkt auf unser Wohlbefinden. Wer sämtliche Wände seiner Wohnung weiß streicht, muss sich nicht wundern, wenn sich eine kühle, etwas sterile Atmosphäre einstellt. Munterer und lebendiger wirken farblich gestaltete Wände. Bedeutet das, wir sollen das Weiß verbannen und alle Räume farbig streichen?

«Es kommt darauf an, welche Wirkung ich erreichen will», sagt die Hamburger Innenarchitektin Ines Wrusch. «Will ich eine warme, gemütliche, kuschelige Stimmung erzeugen oder lieber in eine etwas strengere, geradlinige Richtung gehen?» Entsprechend sollten Bewohner die Farben auswählen.

Wie Weiß wirkt

Weiße Wände sind weit verbreitet, in der Annahme, dass sie praktisch sind und sich mit Möbeln und Accessoires fast jeden Stils aufpeppen und kombinieren lassen. «Das ist im Prinzip auch richtig. Aber reines Weiß wirkt eben neutral und langweilig. Weichere, pastellige Farben sind deutlich angenehmer», erklärt Wrusch.

Der renommierte Berliner Farbforscher Professor Axel Venn geht sogar noch einen Schritt weiter: «In weißen Räumen macht das Leben wenig Spaß. Sie sind sogar lebensfeindlich.»

Kinder, die in weiß getünchten Wohnungen aufwachsen, neigten später selbst dazu, diese vermeintlich praktische Variante zu wählen. «Damit verzichten sie auf Gestaltung, auf Experimente.» Und das sei schade. Denn Wohnen müsse nicht unbedingt praktisch, sondern in erster Linie angenehm sein. Wohlbefinden stelle sich fast automatisch ein, wenn Farbe ins Spiel kommt. «Farbe fesselt die Wahrnehmung», sagt Venn.

Farben können Emotionen auslösen

Aber Vorsicht: Zuviel oder die unpassende Farbe ist nicht nur unschön, sondern beeinflusst sogar das körperliche Befinden. «Experimente haben zum Beispiel gezeigt: Ein kleiner Raum mit roten Wänden erhöht den Puls», erzählt Ines Wrusch. «Wenn man zur Ruhe kommen möchte, wäre Rot hier die falsche Wahl.»

Nicht nur das: Eine Farbe wirkt meist erst durch Kombination mit anderen Farben. «Das ist wie in der Musik. Ein einzelner Ton ist schön und gut, und erst durch die Komposition verschiedener Töne zusammen entsteht die Melodie, ein harmonisches Ganzes», so Wrusch.

Die Innenarchitektin rät daher bei der Auswahl neuer farbiger Elemente unbedingt zu berücksichtigen, was schon in der Wohnung vorhanden ist. «Das wird oft unterschätzt. Die verschiedenen Möbel, Teppiche, Decken, Kissen, Vorhänge, Dekorationen und Accessoires bringen ja alle schon ihre eigenen Farben mit.»

Die Natur als Inspirationsquelle

Ein wesentliches Farbelement in Räumen sind Bücher und Bilder. Ohne sie ist eine Wohnung nicht wohnlich, so Venn. «Es müsste einen Grundsatz geben, dass man nicht in eine Wohnung einziehen darf, wenn man nicht mindestens 3000 Bücher besitzt», scherzt er.

Das Thema sei ihm aber ernst. «Bücher sind eine stabile Größe in der Wohnung. Sie stehen oft jahrelang an derselben Stelle, begleiten die Menschen durchs Leben. Das wirkt beruhigend. Eine Bücherwand ist so eine Art Ewigkeitsgarantie.» Bilder haben eine ähnliche Wirkung - viele Menschen wechseln sie aber öfter aus.

Um herauszufinden, welche Farben uns guttun, kann die Natur ein guter Helfer sein. «Sie bringt Töne hervor, die man morgens, mittags und abends gleichermaßen gut ertragen kann. Das könnte eine Orientierung sein», rät Venn.

Am wohlsten fühlen sich Menschen mit hellen pastelligen Farben. Die haben etwas Frühlingshaftes, Sonniges, aber auch Wärmendes. Grundsätzlich gilt: Die Räume sollten nicht allzu kontrastreich gestaltet werden, damit sie harmonisch wirken.

Besonders schön ist es, wenn die Farben der Himmelsrichtung aufgenommen werden, in der die Zimmer liegen. «So variiert die Stimmung von Raum zu Raum», erklärt Venn.

Licht kann Farben unterstützen

Selbst wenn jemand seine Lieblingsfarben gefunden hat und das Heim nach den eigenen Vorstellungen eingerichtet hat, kann es vorkommen, dass man bestimmte Farben irgendwann satt hat. «Das ist ganz normal», sagt Wrusch. Der Betrachter verändert sich, aber die Umgebung nicht.

«Eine hellblaue Wand, die immer beruhigend wirkte, kann dann plötzlich aufregen und stören.» Dann ist es Zeit für einen neuen Look. An Wänden lässt sich dieser ohne allzu großen Aufwand umsetzen und dies verändert die ganze Wohnung.

Ein Beispiel: «Wenn man nur eine Wandfläche zum Beispiel von Blau in Orangerot ändert, entsteht eine ganz neue Raumdimension», so Venn. Er erklärt: «Während mit Blau der Raum größer wirkt, rückt die orangerot gestrichene Wand optisch näher. Der Raum erscheint intimer.»

Er rät jedem, der sich neu eingerichtet oder die Farben in seiner Wohnung verändert hat, seine Familie oder Freunde einzuladen. «Wenn die sich wohlfühlen und angenehme Gespräche in einer guten Atmosphäre entstehen, wenn der Abend gemütlich und locker wird, dann hat man alles richtig gemacht», sagt Venn. Vorher sollten die aktuellen Corona-Regeln geprüft werden.

Ines Wrusch rät darüber hinaus, auf hohe Qualität zu achten - es lohnt sich dafür ein paar Euro mehr auszugeben. Besonders gute Effekte lassen sich mit Farben erreichen, die statt chemischer, natürliche Pigmente enthalten. Die kleinen mineralischen oder pflanzlichen Pigmente lassen die Farben tiefer und satter wirken - und umweltfreundlich sind sie auch noch.

© dpa-infocom, dpa:210423-99-326893/2


Verfasser: dpa-infocom GmbH

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