Treiben Immobilienkonzerne die Mieten?

12.04.2017
Börsennotierte Immobilienkonzerne sind Giganten auf dem deutschen Wohnungsmarkt. Kritiker werfen ihnen vor, sie würden die Mieten mit ihrer Marktmacht übermäßig anheben. Was ist dran an dem Vorwurf?
Mieterschützer werfen Immobilienkonzernen vor, die Mieten in die Höhe zu treiben. Die Verwalter argumentierten oft mit Vergleichswohnungen. Foto: Frank Rumpenhorst/dpa
Mieterschützer werfen Immobilienkonzernen vor, die Mieten in die Höhe zu treiben. Die Verwalter argumentierten oft mit Vergleichswohnungen. Foto: Frank Rumpenhorst/dpa

Frankfurt/Essen (dpa) - Sie verwalten Hunderttausende Wohnungen: In den vergangenen Jahren haben Konzerne wie Vonovia, LEG Immobilien und Deutsche Wohnen einen rasanten Aufschwung erlebt.

Allein Deutschlands größter Immobilienkonzern Vonovia besitzt 340 000 Wohnungen und ist an der Börse rund 15,7 Milliarden Euro wert. Wie viele andere ist er mit Privatisierungen früherer Arbeiterwohnungen um die Jahrtausendwende gewachsen. Erhöht Vonovia die Mieten, freut das die Investoren, trifft aber Hunderttausende Menschen.

Die Marktmacht sorgt für Kritik von Mieterschützern. So warf der Berliner Mieterverein dem Unternehmen Deutsche Wohnen jüngst eine «expansive Mieterhöhungsstrategie» in der Hauptstadt vor. Sie erhebe Mieten über den ortsüblichen Vergleichswerten. Doch lässt sich belegen, dass börsennotierte Konzerne Gewinne auf dem Rücken der Mieter maximieren?

Tatsächlich ist die Marktmacht der Privaten geringer als oft angenommen. So gibt es nach letzten verfügbaren Erhebungen von 2011 gut 41 Millionen Wohnungen hierzulande. 17,5 Millionen werden laut Statistischem Bundesamt selbst genutzt, der Rest wird vermietet. «Davon entfallen mit 3,2 Millionen nur rund 15 Prozent auf private Wohnungsunternehmen», sagt Günther Vornholz, Professor für Immobilienökonomie an der EBZ Business School Bochum. Der Rest befinde sich in der Hand von Genossenschaften, öffentlichen Wohnungsunternehmen oder privaten Kleinvermietern.

Konzerne wie Vonovia haben angekündigt, die Mieten weiter anzuheben. «Ich sehe nicht, warum sich das ändern sollte», sagte Chef Rolf Buch jüngst. Kritik wegen überhöhter Steigerungen weisen sie aber zurück. Dort, wo es einen qualifizierten Mietspiegel gebe, habe das Unternehmen diesen anerkannt, sagt eine Vonovia-Sprecherin. Zuletzt habe man die Mieten eher moderat angehoben. Im Schnitt lägen sie bei rund 6 Euro je Quadratmeter kalt. Zu Mieterhöhungen von im Schnitt 1,5 Prozent kamen 2016 noch 1,8 Prozent mehr nach Modernisierungen. So waren die Nettokaltmieten rund 3,3 Prozent höher als im Vorjahr.

Konkurrent LEG Immobilien hat die Mieten um 2,5 Prozent auf 5,34 Euro kalt angehoben, die Deutsche Wohnen um 2,9 Prozent auf 6,09 Euro pro Quadratmeter. Zu Vorwürfen äußerte sich letztere nicht.

«Der Trend ist, dass die Mieten weiter steigen», sagt Silke Gottschalk vom Deutschen Mieterbund in Düsseldorf. Gerade Mieter bei Vonovia hätten «ganz ordentliche» Erhöhungen verkraften müssen. Aber steigen die Mieten bei der Privaten stärker als anderswo?

Michael Voigtländer, Immobilienexperte am Institut der deutschen Wirtschaft, sieht das nicht. Er hat auf Basis von 300 000 Wohnungsinseraten in den zehn größten Städten Nordrhein-Westfalens untersucht, wie die Mieten bei verschiedenen Anbietern ausfallen. Sein Fazit: «Die Durchschnittsmieten bei privaten Wohnungsunternehmen sind ähnlich hoch wie etwa bei öffentlichen Verwaltern.» Auch kommunale Firmen schauten auf die Rendite. Zwar sagt die Studie nichts über die gesamte Bundesrepublik, doch in Nordrhein-Westfalen sind Konzerne wie Vonovia und LEG mit vielen Wohnungen vertreten.

Und selbst bei großen Übernahmen wie 2015, als Vonovia den Konkurrenten Gagfah schluckte, habe das Kartellamt keine marktbeherrschende Stellung moniert, sagt Voigtländer. Auch die Monopolkommission, die die Entwicklung der Mieten laufend beobachte, erhebe keine Einwände. «Der Wettbewerb funktioniert doch», sagt er.

Mieterschützerin Gottschalk stellt indes fest, dass große Wohnungsgesellschaften Mieterhöhungen mit «allen rechtlichen Hebeln» durchsetzen. «Die Großen sind viel professioneller.» So werde bei Mieterhöhungen häufig nicht der örtliche Mietspiegel zugrunde gelegt, sondern mit Vergleichswohnungen argumentiert.

Sie kritisiert, dass Sanierungen die Mieten treiben. So will Vonovia künftig jährlich eine Milliarde Euro in Neubau und Modernisierung stecken. Während Mieterschützer früher oft die Vernachlässigung von Wohnungen angeprangert hätten, gebe es heute Streit um Modernisierungen, meint Gottschalk. Es sei oft schwierig abzugrenzen, ob es sich um Instandhaltungen handele, die Vermieter tragen müssten. Nach dem Einbau neuer Fenster oder Bäder würden im Schnitt sieben bis acht Prozent der Kosten auf die Nettokaltmiete umgelegt. Gerade für sozial Schwächere könne das eine hohe Belastung sein.

In regionalen Märkten könnten die Konzerne schon Einfluss haben, sagt Stefan Mitropoulos, Immobilienexperte bei der Bank Helaba. So hat Vonovia in Bochum und Bremen einen Anteil im Mietmarkt von bis zu 20 Prozent. Und Deutsche Wohnen zählt zu den größten Vermietern in Berlin. «In diesen Bereichen hat die Strategie der Konzerne schon eine Wirkung, aber eben keine marktbeherrschende», sagt Mitropoulos.

Das lange rasante Wachstum der Mega-Verwalter über große Käufe scheint aber ohnehin vorüber. Es gebe einen Trend zu öffentlichem Eigentum, sagt Professor Vornholz. «Städte wollen kommunale Wohnungsgesellschaften nicht mehr veräußern und so politische Steuerungsinstrumente aus der Hand geben», sagt er. Auch habe sich die Haushaltslage vieler Kommunen verbessert. «Die Zeit der großen Deals ist vorerst vorbei.»

Studie IW zur Mietentwicklung je Anbieter

Mieterbund NRW zu Wohnungsverwaltern

Mieterbund NRW zu LEG Immobilien

Mieterbund NRW zu Vonovia

Miete zu hoch? - Was Mieter tun können

Bei der Suche nach einer neuen Wohnung ist vieles wichtig: Lage, Ausstattung und Anzahl der Zimmer zum Beispiel. Ganz entscheidend ist aber auch der Preis. Doch woher wissen Mieter, was angemessen ist? Und was können sie tun, wenn die Miete viel zu hoch ist? Stefan Schmalfeldt vom Mieterverein zu Hamburg gibt Tipps:

Angebote vergleichen: Um herauszufinden, was der übliche Mietpreis im Viertel ist, checken Wohnungssuchende am besten verschiedene Angebote - etwa auf Wohnungsportalen. So verschaffen sie sich einen Überblick.

Mietpreisbremse: In Kommunen mit angespannten Wohnungsmärkten darf die neue Miete nicht mehr als zehn Prozent über der ortsüblichen Vergleichsmiete liegen. Hier hilft zur Orientierung ein Blick in den Mietspiegel - viele Städte stellen ihn kostenlos online.

Rüge: Wer feststellt, dass die Wohnung zu teuer ist, kann dies rügen. Schmalfeldt rät allerdings, erstmal den Mietvertrag zu unterzeichnen und dann zu rügen. «Sonst bekommt man die Wohnung nicht.» In jedem Fall sollten sich Mieter vorher beraten und eine korrekte Berechnung vornehmen lassen. Stellt sich die Wohnung wirklich als zu teuer heraus, rügen sie am besten so schnell wie möglich. Denn die Rückforderung gilt erst ab dem Zeitpunkt der Rüge.


Verfasser: dpa-infocom GmbH

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