Tiny House als XS-Eigenheim

30.07.2019
Die Minihäuschen sind gefragt. Sie brauchen nur wenig Platz und könnten ein kleiner Baustein gegen Wohnungsnot werden. Spezielle Siedlungen sollen entstehen. Ein Hersteller aus Hamm kommt kaum hinterher.
Christiane Hille, Architektin aus Weimar, steht in ihrem von ihr selbst geplanten Tiny House. Foto: Martin Schutt/dpa
Christiane Hille, Architektin aus Weimar, steht in ihrem von ihr selbst geplanten Tiny House. Foto: Martin Schutt/dpa

Hamm (dpa) - Es sind winzige Häuschen - und sie kommen gerade ganz groß raus. Nicht nur als ab und zu genutzter Hingucker auf dem Campingplatz, als Gartenhaus oder Ferienunterkunft.

Zunehmend rücken sie als Eigenheim in den Fokus. In Zeiten explodierender Mieten und gewaltiger Wohnungsnot in Großstädten und Ballungsräumen wächst das Interesse an den XS-Behausungen. In vielen Kommunen ist die Neugier geweckt.

Planungen für spezielle Tiny-House-Siedlungen laufen an.

Ein Hersteller im Hamm - die Schreinerei Tiny House Diekmann - hat seit drei Jahren volle Auftragsbücher. Das 40-Personen-Team hat sich spezialisiert auf die Kleinstwohnhäuser, die mit Anhängern mobil sind, mit denen man aber auch sesshaft werden kann. «Ausgestattet sind sie nicht im Camping-Standard, sondern im normalen Hausstandard», sagt Firmenchef Stefan Diekmann.

Ein Blick in seine Werkstatt in Westfalen zeigt: Die Minis mit meist 22 bis 25 Quadratmetern Wohnfläche und auf anderthalb Ebenen sind clever eingerichtet. Vieles wird mehrfach genutzt: Ein Raumteiler zwischen Wohnraum und Küche fungiert zugleich als Treppe und Stauraum. Küchenzeile, Waschmaschine, Baderaum mit Dusche - alles drin. Die Versorgung mit Strom, Frisch- oder Abwasser funktioniere wie im Standardhaus, betont Diekmann.

Bundesweit gebe es rund 20 Tiny-House-Anbieter, sagt Isabella Bosler, Geschäftsführerin von Tiny Houses Consulting. Dazu kommen noch Firmen aus dem benachbarten EU-Ausland. «Die Firmen sprießen gerade wie Pilze aus dem Boden, daher ist es schwierig, einen kompletten Überblick zu bekommen.» Boslers Firma aus Bayern berät zu Fragen des Baurechts und bei der Planung. Ein Verband zum Thema habe sich bislang nicht gebildet, sagt Bosler.

Große Nachfrage

«Die Nachfrage ist enorm», berichtet Vera Lindenbauer, Sprecherin der Schreinerei Diekmann, die Kunden aus ganz Deutschland beliefert. Allerdings: Will man die Tinys - Kostenfaktor im Schnitt zwischen 60.000 und 65.000 Euro - als Eigenheim und festen Wohnsitz nutzen, gelten dieselben Regeln wie beim Einfamilienhaus. Es braucht also Baugrund und eine Baugenehmigung, Anforderungen an Statik oder Brandschutz sind einzuhalten, wie der Deutsche Städte- und Gemeindebund (DSTGB) erläutert.

Bezahlbare Wohnungen fehlen, der Neubau reicht bei weitem nicht aus, die Immobilienpreise steigen. Angesichts des Wohnraum- und Flächenmangels werde nach Alternativen gesucht, beobachtet auch Diekmann. «In fast jeder Großstadt läuft inzwischen eine Tiny-House-Initiative.» Lindenbauer berichtet über viele Anfragen von Kommunen. Für Tiny Häuser mit ihren geringen Platzansprüchen könnten viele Areale passen - auch etwa Brachflächen, die für konventionelle Baunutzung nicht ausreichten.

Derzeit geht Dortmund hier voran: Politisch beschlossen ist, dass auf einem früheren Fußballplatz im Stadtteil Sölde ein Tiny-House-Village für 40 bis 50 Bewohner entsteht. Planverfahren und Erschließung werden noch rund zwei Jahre dauern, aber schon mehr als 100 Interessenten wollen dort mit Erstwohnsitz und eigenem Kleinsthaus künftig leben, wie Gerald Kampert vom Stadtplanungsamt berichtet. «Wir bieten kleine, preiswerte Grundstücke und erschließen sie nach dem Bedarf der Tiny-House-Bewohner.»

Umweltverträglichkeit

Kampert sieht enorme Vorteile bei Flächenverbrauch und Umweltverträglichkeit: «Freistehende Häuser in den Großstädten sind echte Flächenfresser. Wir müssen umweltverträgliche, flächenschonende Alternativen anbieten.» Funktioniere das Experiment in Sölde, laute das nächste Ziel: In jedem Stadtteil ein Tiny-Village. Beim Thema Wohnen und Bauen müsse man eingetretene Pfade verlassen, ist Kampert überzeugt. Andere Städte klopfen bei ihm an - etwa Münster, Bochum oder Düsseldorf.

«Die Tiny-House-Projekte sind ein spannender Ansatz», findet der Städte- und Gemeindebund. «Sie können geeignet sein, Wohnraum etwa für Studenten oder Single-Haushalte zu bieten und Städte und Gemeinden in Bezug auf Wohnungsnot zu entlasten.» In Bremen läuft ein Vorhaben, in Karlsruhe hat sich eine Initiative gebildet - es kommt Bewegung in das Ganze. In Warendorf bei Münster ist der politische Beschluss gefallen, aber das Grundstück noch nicht gefunden. In Hannover soll sogar die größte Tiny-House-Siedlung Europas entstehen.

Hohe Ökostandards

Und zwar klimaneutral, mit hohen Ökostandards und zunächst für gut 210 Menschen, wie dort die Initiative Ecovillage betont. Mit der Stadt Hannover bestehe im Grundsatz Einvernehmen, wo das Quartier entstehen solle. Und in der bayerischen Fichtelgebirgsgemeinde Mehlmeisel existiert bereits ein solches Tiny-Dorf - die wohl allererste Siedlung dieser Art in Deutschland, auf einem ehemaligen Campingplatz. Ein junges Paar war Initiator.

Und wer will in die Zwergenhäuser - ursprünglich aus den USA stammend, dort aber vornehmlich auf Rädern gebaut - einziehen? Lindenbauer zufolge sind es oft Menschen, die minimalistisch leben, auf Überflüssiges bewusst verzichten wollen. «Und wir haben eine große Kundengruppe, die ihren ökologischen Fußabdruck verringern möchte.» Auch in Umbruchphasen - nach Trennungen oder Jobwechsel - werde so mancher zum Tiny-Freund. Interessiert seien auch junge Leute, die sich für ein Eigenheim nicht gleich über Jahrzehnte verschulden wollen. «Und Mieter, die für 65 Quadratmeter nicht weiter 1200 Euro zahlen wollen.»


Verfasser: dpa-infocom GmbH

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