Tierfriedhöfe in der Pandemie

22.12.2020
Der Stellenwert von Haustieren ist in der Pandemie noch gestiegen. Auch bei der letzten Ruhestätte wird nicht gespart. Es gibt es immer mehr Tierfriedhöfe. Manche Trauernde kommen täglich.
Labrador Fietje sitzt auf dem Tierfriedhof am Grab seiner Vorgängerin Sina. Der Stellenwert von Haustieren ist in der Pandemie noch gestiegen. Foto: Bernd Thissen/dpa
Labrador Fietje sitzt auf dem Tierfriedhof am Grab seiner Vorgängerin Sina. Der Stellenwert von Haustieren ist in der Pandemie noch gestiegen. Foto: Bernd Thissen/dpa

Dortmund (dpa) - Kleine Skulpturen, Herzchen mit Gravur, frische Blumensträuße, brennende Kerzen, gerahmte Fotos und Grabsteine mit Pfötchen-Motiv. Wer hier liegt, wird offensichtlich schmerzlich vermisst.

Teddy, Jerry, Nemo, Timmy, Bella oder Minka hießen die Hunde und Katzen, um die Jung und Alt auf dem Tierfriedhof in Dortmund trauern. Felix Wenderoth (22) schaut zweimal pro Woche am Grab von Bruno vorbei. «Wir mussten ihn im Sommer einschläfern lassen, altersbedingt. Ich bin mit ihm aufgewachsen, er war unser Familienhund.» Brunos erste Hundeleine schmückt die letzte Ruhestätte. «Es ist schön, so einen Ort zu haben», sagt der junge Mann.

Orte der Begegnung für Tierliebhaber

Rund 120 Tierfriedhöfe und 160 Tierbestatter gibt es inzwischen in Deutschland, wie der Bundesverband der Tierbestatter (BVT) berichtet. Hinzu kommen fast 30 Tierkrematorien, zuletzt zwei speziell für Pferde in Nord- und Süddeutschland eingerichtete, wie der BVT-Vorsitzende Martin Struck erläutert.

In Dortmund besuchen auch oft kleine Kinder ihr gestorbenes Kaninchen, den Hamster oder Kanarienvogel. Dafür gibt es auf dem ständig wachsenden Gelände eine eigene «Taschengeld-Reihe», wo Familien für einen sehr kleinen Betrag drei Jahre lang ein Minigrab bekommen können. Nicht weit davon entfernt hält an diesem eiskalten Morgen eine Hundebesitzerin mit Labrador Fietje inne - am Grab seiner Vorgängerin Sina, die der Dortmunder Tierliebhaberin noch immer fehlt.

Einige Tierhalter treffen sich regelmäßig am Friedhof, trösten sich gegenseitig, schwelgen in Erinnerungen. «Manche kommen sogar jeden Tag», berichtet Jolanthe Nowakowski von der Genossenschaft Friedhofsgärtner Dortmund. Andere begehen am Grab des verstorbenen Lieblingstiers sogar gemeinsam dessen Geburtstag.

Bestattungen wie in der Familie

«Wir haben zwei Kater hier liegen - Micky und Felix», erzählt Uwe Pollei. «Wir hätten es nicht übers Herz gebracht, sie in die Tierkörperbeseitigung zu bringen.» Auch eine Urne mit der Asche daheim habe sie nicht gewollt, ergänzt seine Frau Sabine Kuhlmann. «Ich brauche einen gewissen Abstand, sonst wäre es zu hart.» Manfred Fenn steht vor zwei schlichten Grabstätten - fünf seiner Katzen sind hier beerdigt. «Da reißen immer wieder Wunden auf», sagt er. «Wer keine Tiere hat, kann das vielleicht nicht nachvollziehen.»

Jolanthe Nowakowski schildert: «Für Hund und Katze möchte man einen schönen Sarg oder eine Urne mit einem Pfotenabdruck. Da wird nicht das Billigste genommen, nicht auf den Cent geachtet.» Die Gräber-Pacht läuft meist über drei bis fünf Jahre. «Dann wird oft verlängert, weil die Trauerarbeit noch nicht beendet ist.» In einer kleinen Holzhütte kann man Abschied nehmen, das Tier liegt dort in einem Körbchen aufgebahrt, bevor es begraben wird.

Für viele Menschen sind Hund und Katze zum Sozialpartner geworden, heißt es beim Bundesverband. «Das Haustier wird immer mehr als Familienmitglied angesehen», betont Struck. Und das wird nach dem Tod nicht «entsorgt», sondern angemessen bestattet.

Mehr Menschen mit Haustieren

Gesetzliche Vorschriften sehen aus hygienischen Gründen eine Entsorgung in Tierkörperbeseitigungsanstalten vor. Oder eben eine Bestattung auf einem Tierfriedhof oder eine Einäscherung. Das werde immer stärker nachgefragt. Struck rät, Vorsorge zu treffen und sich rechtzeitig über die Möglichkeiten beraten zu lassen.

Katzen und Hunde sind die Lieblingstiere der Deutschen. Derzeit gibt es laut BVT rund 8,2 Millionen Katzen und 5,4 Millionen Hunde bundesweit - und 1,3 Millionen Hunde und Katzen sterben pro Jahr. Etwa die Hälfte werde auf Privatgrundstücken beerdigt. Sehr viele Vierbeiner kämen auch ins Krematorium. Und rund 10.000 Tiere werden auf einem Friedhof beigesetzt - Tendenz steigend.

Der Bundesverband für Tiergesundheit in Bonn beobachtet, dass in der Pandemie auch angesichts schmaler Sozialkontakte die Tierhalter-Zahlen stark ansteigen. Die Anschaffung eines Haustiers solle aber wohlüberlegt sein, mahnt der Verband. Es brauche Fürsorge und bedeute Verantwortung - viele Jahre lang.

In der Pandemie halten mehr Menschen Haustiere

Nowakowski hofft, dass die während der Pandemie angeschafften Tiere später nicht im Heim landen. «Jetzt in der Corona-Langeweile wollen alle ein Haustier. Es wäre traurig, wenn sich demnächst niemand mehr um sie kümmert, wenn wieder mehr Kontakte und Urlaubsreisen erlaubt sind.»

Verlässliche Treue beweist schon seit vielen Jahren eine ältere Dame, die Tag für Tag den Tierfriedhof in der Ruhrgebietsstadt ansteuert. Nicht, um zu trauern, sondern um einen dort seit 15 Jahren herumstreunenden Kater zu füttern. «Wir haben den Kater Bomber getauft und schon vorsorglich alle für seine Bestattung gesammelt», berichtet Manfred Fenn. «Wenn er eines Tages stirbt, hat er hier seine letzte Ruhestätte sicher.»

© dpa-infocom, dpa:201222-99-783246/3


Verfasser: dpa-infocom GmbH

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