Sorbische Weihnachtskugeln als Baumschmuck

10.12.2021
Die Sorben sind eigentlich bekannt für kunstvoll verzierte Ostereier. Annelie Rölke interpretiert die Tradition neu und bringt sie mit Wolfszähnen und Strahlen aus Bienenwachs auf Weihnachtskugeln.
Normalerweise gehören die ursprünglichen sorbischen Muster auf die Osterklassiker aus der Lausitz. Doch statt Eier betupft die 27-Jährige Annelie Rölke Weihnachtsbaumkugeln. Foto: Miriam Schönbach/dpa-Zentralbild/dpa
Normalerweise gehören die ursprünglichen sorbischen Muster auf die Osterklassiker aus der Lausitz. Doch statt Eier betupft die 27-Jährige Annelie Rölke Weihnachtsbaumkugeln. Foto: Miriam Schönbach/dpa-Zentralbild/dpa

Burgneudorf (dpa/sn) - Der süßliche Duft von warmem Bienenwachs liegt in der Luft. Auf der Herdplatte köcheln in ausrangierten Teelichtbehältern die Farben Weiß und Gold. Immer wieder taucht Annelie Rölke die zurechtgestutzte Gänsekielfeder in die dampfenden Töpfchen und setzt dreieckige «Wolfszähne» auf den schillernden Untergrund.

Normalerweise gehören diese ursprünglichen sorbischen Muster auf die Osterklassiker aus der Lausitz. Doch statt Eiern betupft die 27-Jährige Weihnachtsbaumkugeln. «Ich habe in dieser Saison so viele Aufträge, dass ich höchstwahrscheinlich am 24. Dezember hier noch sitze», sagt sie.

Baumschmuck verzieren neben dem Studium

Die Studentin dreht die Kugel, die Muster fliegen aus den Gedanken aufs Glas. Draußen, vor den Fenstern des Mehrfamilienhauses in Burgneudorf im nördlichsten Zipfel des Landkreises Bautzen stieben die ersten Flocken.

Normalerweise müsste die junge Frau ihre Bachelorarbeit an der Hochschule Görlitz-Zittau vorantreiben. Fachliteratur stapelt sich ordentlich neben dem bemalten und unbemalten Christbaumschmuck. Ihre ursprüngliche Heimat liegt im 15 Kilometer entfernten Mühlrose - vielleicht Deutschlands letztem Dorf, dass in der Braunkohlegrube verschwindet. «Das ist Vergangenheit, keiner meiner Familie wohnt noch dort», sagt sie ohne Wehmut.

Familien halten sorbische Traditionen am Leben

Dort, auf dem Familienhof an der Grubenkante, wurden in Rölkes Kindheit sorbische Traditionen gepflegt. Auch wenn niemand mehr die Sprache spricht. «Ich war die Begleitung des Schleifer Christkinds und bin im Advent von Haustür zu Haustür, zum Maibaumtanz ging es in Tracht und Karfreitag wurden eben Eier gemalt.» 2019 ist sie mit dem Handwerk beim Sorbischen Ostermarkt in Bautzen erstmals zu Gast.

Zu der traditionellen Veranstaltung zeigen Dutzende Volkskünstler sorbische Verzier-Techniken. «Wie viele Familien die Tradition in der Ober- und Niederlausitz pflegen, kann man nur schwer schätzen. Die wenigsten aber können davon leben», sagt Veronika Suchy vom Förderkreis für sorbische Volkskultur.

Die Tradition werde in den Familien weitergeben. Deshalb sei sie auch nicht bange, dass der Brauch aus der Lausitz verschwinde. In manchen Orten würden drei Generation zu Ostern die Eier verzieren.

«Kugeln sind etwas moderner als Eier»

Und selbst der Weihnachtstrend macht vor den traditionellen sorbischen Stuben keinen Stopp. «Ich kenne einige, die privat ihre Kugeln mit sorbischen Motiven verzieren», sagt Suchy. Ein solches Beispiel ist Rölke bei einem Markt in der Niederlausitz aufgefallen - und sie wollte das selbst auch probieren. Ihre erste Weihnachtskollektion bot sie im vergangenen Jahr an, beim Ostermarkt. «Nach dem Wochenende war ich ausverkauft», sagt sie.

Aus den sogenannten Wolfszähnen - dicht aneinander getupften Dreiecken - entsteht eine Girlande auf dem roten glänzenden Untergrund. «Ich verwende die klassischen sorbischen Muster. Aber Kugeln sind etwas moderner als Eier», sagt die Studentin und dreht ihre Arbeit weiter.

Etwa zwei Stunden benötigt die junge Frau für ein Kunsthandwerk. Die Malstraße mit Herdplatte bleibt immer stehen, damit Rölke in der Mittagspause die zerbrechlichen Aufträge abarbeiten kann.

Wolfszähne sollen Schutz und Kraft spenden

Der Geruch des Bienenwachses verströmt Gemütlichkeit. Zufrieden betrachtet die Volkskünstlerin ihre Arbeit. «Das hier bleibt ein Hobby, meine Leidenschaft gehört den Menschen», sagt die Heilpädagogik-Studentin. Sie legt ihre angefangene Arbeit zum Trocknen und greift nach einem neuen Exemplar.

«Eigentlich wollte ich mir für den eigenen Christbaum noch ein paar Kugeln verzieren, aber das muss warten», sagt die junge Frau und tupft weiter Wolfszähne. Die kleinen Dreiecke symbolisieren Schutz vor dem Bösen und sollen den Beschenkten Kraft geben. Ein Wunsch, der nicht nur zu Ostern, sondern auch in die Weihnachtszeit passt.

© dpa-infocom, dpa:211210-99-330024/3

Sorbische Kulturinformation


Verfasser: dpa-infocom GmbH

KEYWORDS

TEILEN


Das könnte Sie auch interessieren
Rene Weber und sein Verein «Guichinger Brauchtum e.V.» bieten einen Selbstbastler-Bausatz für einen Mini-Maibaum an. Foto: Peter Kneffel/dpa Der Maibaum für Vorgarten oder Küchentisch Das traditionsreiche Maibaumaufstellen fällt in diesem Jahr erneut aus - Corona macht die traditionsreichen Feiern in Bayern, aber auch in anderen Bundesländern unmöglich. Doch manche Brauchtumsvereine haben sich etwas einfallen lassen, etwa den Maibaum-Bonsai.
Der Weihnachtsbaumerzeuger-Verband erwartet trotz Corona auch 2020 ein traditionelles Verhalten beim Tannenbaumkauf. Die meisten Menschen erledigen diesen gewöhnlich um den vierten Advent. Foto: Julian Stratenschulte/dpa Corona-Jahr: Kommen Weihnachtsbäume früher ins Haus? Sorgt das Corona-Jahr mit abgesagten Weihnachtsmärkten dafür, dass es sich die Menschen im Advent zu Hause früher gemütlich machen? Beim Weihnachtsbaumkauf gibt es ja eigentlich deutsche Traditionen.
Das Modell Bollicosa Nautilus von Cassina erinnert an die Glaskugeln, die Fischer früher mit Tau umflochten und an die Enden ihrer Netze banden, um sie über Wasser zu halten. Foto: De Pasquale + Maffini/Cassina/dpa-tmn Stilvolle Leuchten für den lauen Sommerabend Die Tage werden länger und wärmer. Man verbringt mehr Zeit draußen. Dazu gehört, dass Balkon und Terrasse hergerichtet, ja sogar eingerichtet werden. Der aktuelle Fokus liegt auf Leuchten fürs Freie.
Viele Lichter und viel Dekoration zieren den Eingang des Wohnhauses in Oberhausen. Foto: Fabian Strauch/dpa Weihnachtshäuser sorgen für großes Bling-Bling Der eine mag es amerikanisch-bunt, die andere lieber einfarbig-besinnlich. Jedes Jahr im Advent sind Weihnachtshäuser mit ihren unzähligen Lichterketten ein Blickfang. Aber auch hier bleibt Corona nicht ohne Konsequenzen.