Pferde-Krematorium wirbt mit «würdigem Abschied»

28.10.2020
Sandra und Jochen Lutz betreiben zwei Krematorien für Pferde. Manchen Besitzern ist die Einäscherung viel Geld wert. Das war lange Zeit verboten.
Urnen aus Leder in der Optik von Sätteln stehen im Krematorium "Treu & Dank" für Haustiere und Pferde neben einem Tisch mit Pferdestatuen. Foto: Sebastian Gollnow/dpa
Urnen aus Leder in der Optik von Sätteln stehen im Krematorium "Treu & Dank" für Haustiere und Pferde neben einem Tisch mit Pferdestatuen. Foto: Sebastian Gollnow/dpa

Schwäbisch Hall (dpa) - Von außen betrachtet ist es nur ein Pferdeanhänger. Doch dahinter verbirgt sich ein XXL-Bestattungsfahrzeug. Mit einer schweren Kette kann ein Pferde-Kadaver auf einer stabilen Matte ins Innere gezogen werden.

Der Fahrer bringt das tote Tier dann nach Schwäbisch Hall. Am dortigen Waldfriedhof betreiben Sandra und Jochen Lutz ein Krematorium für Haustiere und Pferde.

Enge Bindung zwischen Mensch und Pferd

Bestatterin Lutz (44) spricht von «einem würdigen Abschied», den nicht nur Familienmitglieder verdient hätten. «Pferde können bis zu 40 Jahre alt werden», sagt sie. «Die Tiere begleiten ihre Besitzer manchmal durchs halbe Leben, und sie gehören somit zur Familie.»

Tatsächlich unterscheidet sich ihr Bestattungsinstitut kaum von einem Human-Krematorium. Die Lobby ist edel und in Holz gehalten. Leise spielt Musik. In Regalen stehen Tier-Urnen in vielen Varianten, ganz schlicht oder völlig verspielt. Die Behältnisse für Pferde-Überreste sind etwa 50 Zentimeter hohe rechteckige Kisten aus unterschiedlichen Holzarten. Wem es gefällt, kann eine umgearbeitete Satteldecke mit der Asche befüllen.

Strenge Vorschriften

«Für tierische Asche gibt es im Gegensatz zur menschlichen keine Bestattungspflicht», sagt Lutz. «Der Besitzer kann die Urne aufbewahren, wo er möchte, oder auch die Asche verstreuen.» Von der Einlieferung ins Krematorium bis zur Verbrennung ist der Gesetzgeber hingegen streng: Der Bestattungsmitarbeiter darf nur im Schutzanzug die große Halle betreten, in denen das Pferd auf einem Rolltisch aufgebahrt liegt. Die Besitzer, die oft mit Familie anreisen, dürfen die letzten Meter bis zum Verbrennungsofen lediglich aus mehreren Metern Entfernung durch eine Scheibe beobachten.

«Bei der Einäscherung eines Menschen können die Angehörigen auf Wunsch die Tür zum Ofen mit einem Schalter direkt am Sarg öffnen», erläutert Lutz die Unterschiede der beiden Beerdigungsarten. Beim Menschen ist die Anlage auf 850 Grad Celsius vorgeheizt. Bei einem Pferd wird der Brenner erst angeworfen, wenn der Körper im Ofen ist. Sechs bis acht Stunden dauert der Vorgang, bis die Reste so klein sind, dass sie für die Urne zu einem Granulat gemahlen werden können. Beim Menschen dauert das Ganze eine Stunde.

Einäscherung erst seit 2017 erlaubt

Die Eheleute Lutz sind keine gelernten Bestatter. Sie ist gelernte Versicherungskauffrau, ihr 48-jähriger Mann Industriekaufmann. 2003 haben sie in Schwäbisch Hall ihr Human-Krematorium eröffnet. Drei Jahre später kam ein Krematorium für Haustiere hinzu. Pferdeliebhaber zahlen zwischen 2000 und 3000 Euro dafür, ihr verstorbenes Reittier einäschern zu lassen, je nach Größe des Tiers.

Pferde dürfen nach dem Gesetz in Deutschland erst seit 2017 eingeäschert werden. Davor blieb ihren Besitzern nichts anderes übrig, als den Kadaver einem Abdecker zu überlassen. Vergraben war und ist verboten. In einer Tierkörperbeseitigungsanstalt wird das tote Pferd zusammen mit anderen Großtieren zu Futter und Blumenerde verarbeitet oder das Fett für die Kosmetikindustrie aufgearbeitet. Pferde sind aber auch ein Lebensmittel. Noch gibt es einige verbliebene Pferdemetzgereien, die vor allem Würste herstellen.

Krematorium arbeitet an der Kapazitätsgrenze

«Es besteht schon länger die Möglichkeit, das Tier in anderen EU-Ländern verbrennen zu lassen. Aber nicht immer auf legale Weise», weiß Sandra Lutz. Sie seien vor drei Jahren im Oktober als erste auf dem Markt gewesen. Drei bis fünf Einäscherungen verzeichnet «dank & treu» in der Woche. «Damit sind wir hart an der Kapazitätsgrenze.»

Ende 2019 haben die Schwäbisch Haller Pferdebestatter auch ein Krematorium in Blender bei Verden (Niedersachsen) eröffnet. Der fast 600 Kilometer entfernte Standort kommt nicht von ungefähr: «Verden gilt in Deutschland als die Reiterstadt», sagt Lutz. Ein Ortswechsel kommt für die Familie aber nicht in Frage: Schwäbisch Hall sei und bleibe ihre Heimat.

© dpa-infocom, dpa:201006-99-842739/4


Verfasser: dpa-infocom GmbH

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