Die Mär vom Welpenschutz

30.03.2022
Ist der süüüß! Zu einem kleinen Hundebaby kann man einfach nur lieb sein - nicht nur als Mensch, sondern auch als älterer Hund. Schließlich gibt es doch auch so etwas wie Welpenschutz - oder?
Einen gut sozialisierten erwachsenen Hund zum Freund zu haben, ist für Welpen ein Segen. Foto: Anna Auerbach/Gräfe und Unzer/dpa-tmn
Einen gut sozialisierten erwachsenen Hund zum Freund zu haben, ist für Welpen ein Segen. Foto: Anna Auerbach/Gräfe und Unzer/dpa-tmn

Mettmann (dpa/tmn) - Seit über 20 Jahren beschäftigt sich Judith Böhnke professionell mit Hunden. Doch eine Sache bereitet ihr immer wieder Sorgen: Dann, wenn bei Hundebegegnungen Jung und Alt aufeinandertreffen und der Besitzer des älteren Hundes sagt: «Alles kein Problem - Ihrer hat doch Welpenschutz!»

Darüber kann die Hunde-Verhaltenstherapeutin nur den Kopf schütteln. «Das ist eine ganz gefährliche Kiste», sagt sie. «Ich weiß zwar nicht, warum es noch immer nicht zu jedem durchgedrungen ist, aber einen Welpenschutz gibt es nicht!» Weder bei Welpen bis zu zwölf Wochen und erst recht nicht bei Junghunden im Alter von vier bis sechs Monaten.

Toleranzgrenze höchstens im eigenen Rudel

Auch Hundetrainer André Vogt («Der Welpentrainer» auf Sixx) will mit dem viel beschworenen Mythos des angeborenen Welpenschutzes aufräumen. Sprich der Vorstellung, dass die Kleinen bei erwachsenen Vierbeinern Narrenfreiheit haben. Und dass diese selbst ein respektloses Verhalten großzügig dulden. «Vorsicht», sagt Vogt dazu. «Verlassen Sie sich bitte nicht darauf, dass Ihr Welpe verschont beziehungsweise nicht verletzt wird - das kann böse enden!»

Denn Welpen würden höchstens im eigenen Rudel oder bei Hunden, die an Nachwuchs gewöhnt sind, eine höhere Toleranzgrenze genießen können. Panik sei bei fremden Hundebegegnungen allerdings fehl am Platze.

«Die allermeisten Hunde bei uns sind nette, gut sozialisierte Hunde, die auch sehr umsichtig mit Welpen sind», so Böhnke. Denn selbst bei Tieren wirke der Niedlichkeitsfaktor: «Artübergreifend nehmen sie den Nachwuchs als ungefährlich und schützenswert wahr. Auch außerhalb der eigenen Familie, was vermutlich eine Folge der Domestikation ist.»

Auch erwachsene Hunde können Welpen hassen

Aber verlassen darauf sollte man sich nicht. «Es gibt auch Hunde, die Welpen einfach hassen. So wie es Menschen gibt, die keine Kinder mögen», sagt Böhnke. Meistens hat man als Welpenbesitzer ein gutes Gespür, ob es Ärger geben könnte. «Natürlich hat nicht jeder erwachsene Hund einen Hass auf die Kleinen. Aber ich rate immer: Passt auf Eure Welpen auf», sagt André Vogt.

Sinnvoll sei es, genau hinzuschauen, wie sich der Ältere verhalte. «Und wenn ich ein schlechtes Gefühl habe, gehe ich runter und schütze meinen Welpen und passe auf ihn auf.» Der Satz: «Die machen das schon unter sich aus», sei völliger Blödsinn. «Klar machen sie das - aber dann muss man auch mit den Folgen rechnen.» Und wer Sorgen hat, dass der andere Hund angespannt und genervt ist und zubeißen könnte, sollte den Kleinen einfach auf den Arm nehmen.

«Dieser Schritt ist umstritten», gibt André Vogt zu. Manche Hundetrainer warnen, dass dies beim Welpen die Angst schüren könne. «Aber das würde ich in Kauf nehmen», so der 39-Jährige. «Das Wichtigste ist, dass mir der Welpe vertraut.» Das sieht auch Judith Böhnke so: «Rückzug ist keine Schande!», sagt sie.

Angriff kann prägend für ganzes Hundeleben sein

Dabei sind es vor allem psychische Folgen, die ein Angriff auslösen kann. «Ein schlimmes Erlebnis kann prägend für ein ganzes Hundeleben und irreversibel sein», sagt Vogt. Auch das gerade entstandene Vertrauensverhältnis zu Frauchen oder Herrchen könne erschüttert werden. «Aus Sicht des jungen Vierbeiners haben Sie Ihren Job nicht gemacht. Sie haben ihn nicht beschützt», erklärt der Hundetrainer.

Hunde aber zu isolieren und grundsätzlich von Hundebegegnungen fernzuhalten, ist genauso falsch. Judith Böhnke rät zu Hundeschulen, in denen die Kleinen auch Kontakt zu erwachsenen Hunden haben, von denen man wisse, dass sie mit Welpen verträglich sind. Je älter die Welpen dann werden, umso mehr übernehmen die Großen das Erziehen.

«Aber immer so, wie es der Schnösel braucht, um es zu verstehen und ohne traumatisiert zu werden.» Auf dem Weg zum Erwachsenenwerden sei wichtig, auch unangenehme Erfahrungen zu machen. «Sonst brechen sie später vor Angst zusammen, nur wenn sie mal angeknurrt werden."

Für Patricia Lösche vom Berufsverband der Tierverhaltensberater und -trainer kann es für Welpen ein Segen sein, einen gut sozialisierten und erzogenen Hund zum Freund zu haben. «Der Welpe nimmt ihn sich zumindest bis zur Pubertät als Vorbild, was für Halter sehr arbeitserleichternd sein kann.» Allerdings gelte das auch für das Gegenteil: Ist der andere Hund schlecht erzogen, ist auch das ein Beispiel für den Jüngeren.

Service:

André Vogt: «Typgerechtes Welpentraining: Vom Draufgänger bis zum Sensibelchen - das beste Programm von Anfang an», Gräfe und Unzer Verlag, 2021, 192 Seiten, 22 Euro, ISBN-13: 978-3833875915.

Judith Böhnke: «Mit Hunden gewaltfrei kommunizieren - Der neue Weg zu einer entspannten Mensch-Hund-Beziehung», Kosmos, 280 Seiten, 14,99 Euro, ISBN-13: 978-3-440-13830-4.

© dpa-infocom, dpa:220329-99-717298/3

Der Welpentrainer bei SIXX

Artgerechte Tiergesundheit e.V. / Judith Böhnke


Verfasser: dpa-infocom GmbH

KEYWORDS

TEILEN


Das könnte Sie auch interessieren
Hunde bekommen oft menschliche Namen. Das zeigt, wie eng die Tier-Mensch-Beziehung geworden ist. Foto: Christin Klose/dpa-tmn Den richtigen Namen fürs Tier finden Fast jedem Haustier kann man beibringen, auf seinen Namen zu hören. Damit das klappt, sollte die Bezeichnung nicht zu lang sein - und auch nicht missverständlich.
Das Zerren am Halsband schadet der Erziehung des Hundes - und kann zudem seine Gesundheit gefährden. Foto: Markus Scholz Was gegen das Hunde-Halsband spricht Für viele Hundeexperten ist ein Brustgeschirr die bessere Alternative zum Halsband. Es schont den empfindlichen Halsbereich des Hundes - und es kann helfen, unerwünschtes Verhalten zu bekämpfen.
Meerschweinchen werden nicht gerne gestreichelt. Sie verfallen in Angststarre, wenn sie hochgehoben werden. Foto: Andrea Warnecke Die häufigsten Missverständnisse bei Haustieren Wenn Meerschweinchen quieken, fühlen sie sich wohl. Wedeln Hunde mit dem Schwanz, freuen sie sich, und Fische sind taub. Das sind zumindest die gängigsten Interpretationen tierischen Verhaltens. Doch nicht alle dieser Weisheiten stimmen.
Will der fremde Hund nur spielen - oder ist er angriffslustig? Ein Schwanzwedeln ist jedenfalls noch kein Signal für Freundlichkeit. Foto: Florian Schuh/dpa-tmn Nicht alle Hunde sind Freunde: Konflikte vermeiden Die Begegnung zwischen Hunden verläuft nicht immer freundlich. Konflikte sind keine Seltenheit. Viele Hundehalter ärgern sich über rücksichtsloses Verhalten von anderen Besitzern.