Bunt gemusterte Zementfliesen erleben Comeback

11.01.2016
Mit der Zeit wird manches Luxusprodukt zur Massenware - oder umgekehrt. Zementfliesen wurden etwa einst verwendet, um wertvollere Materialien günstig zu imitieren. Heute entdecken Kreative und Architekten den Baustoff wieder - als exklusives Designprodukt.
Die bunten Zementfliesen von Paola Navone sind ein Hingucker in jedem Raum. Foto: Bisazza Cementiles designed Paola Navone
Die bunten Zementfliesen von Paola Navone sind ein Hingucker in jedem Raum. Foto: Bisazza Cementiles designed Paola Navone

Berlin (dpa/tmn) - Warum sollte man auf etwas Wert legen, was man mit Füßen tritt? So wurden Fußböden lange zwar nach ihrer Funktion ausgesucht, aber nicht unbedingt auch als Hingucker im Raum. Das ändert sich immer mehr.

Edle, handgeknüpfte Orientteppiche sind gefragt und namhafte Möbeldesigner gestalten neuerdings Vinylböden. Und nun rückt auch noch die Fliese in den Fokus. Gefragt sind nicht mehr nur keramische Fliesen, deren Oberfläche gebrannt ist und dadurch glänzt. Eine Renaissance erleben die hübsch gemusterten Zementfliesen.

Aber selbst die Kreativen waren anfangs skeptisch: Beim Ausbau eines Lofts im Berliner Stadtteil Friedrichshain wollten die Auftraggeber den Eingangsbereich mit Fliesen statt mit Holz gestalten. «Zuerst haben wir uns dagegen gesträubt», erzählt der Architekt Marc Benjamin Drewes. «Dann haben wir in einem Hausflur schöne, alte Zementfliesen gesehen. Dieses Entree war nicht nur funktional gestaltet, sondern hatte auch Charme.»

Heute liegen in dem Loft auf einer größeren Fläche dunkelrot gemusterte Modelle. «Traditionell sind die Böden immer in einen anders gemusterten Randstreifen gefasst», erklärt Dewes. «Darauf haben wir verzichtet. Wir wollten nicht altbacken wirken, sondern dem einen modernen Touch geben.» Der Architekt schätzt inzwischen die Zementfliesen, er verlegt sie sogar im Schlafzimmer. «Uns hat die Haptik der Fliesen fasziniert», sagt er. «Die Böden erhalten eine warme Anmutung, wie man sie von Steinböden sonst nicht kennt.»

Zementfliesen haben im Gegensatz zu keramischen Fiesen eine matte Optik und eine raue Oberfläche. Die Böden wirken deshalb behaglich und harmonieren auch gut mit Parkett oder Dielen. Einst wurden diese Fliesen häufig verbaut, man findet sie noch in manchem Altbau. Aber ähnlich wie den Stuck wollte man die Fliesen in der Nachkriegsmoderne nicht mehr haben, sie wurden mit Linoleum überklebt. Bisher - jetzt ändert sich das wieder.

Große Hersteller wie Bisazza aus Italien investieren nun verstärkt in das Thema. Das Unternehmen hat im vergangenen Jahr ein komplett neues Programm von Zementfliesen aufgelegt, gestaltet von namhaften Designern wie Tom Dixon, Jaime Hayon oder Paola Navone. Aber die Motive der Designer folgen nicht mehr der traditionellen Folklore, sondern sind abstrakt grafisch - und damit modern.

Die dekorativen Fliesen sind bei einem Quadratmeterpreis von 60 bis 90 Euro kein Billigprodukt. «Man hat die Zementfliesen in den 20er Jahren vor allem verwendet, um andere wertvolle Materialien zu imitieren», erklärt Michael Maass, der die Produkte der spanischen Manufaktur Pinar Miró in Deutschland vertritt. «Heute sind diese Art von Fliesen ein Wert an sich.» Ihre Produktion ließe sich nach wie vor nicht komplett automatisieren. «Sie ist deshalb ein im hohen Maße handwerklich gefertigtes Produkt.» Und entsprechend teurer.

Die Dekore sind nicht aufgemalt, sondern mit Hilfe von Schablonen aus Blech ausgegossen. Ihre Festigkeit erhalten die Fließen durch Pressen und anschließendes Trocknen. Bei allen Arbeitsgängen ist immer wieder Handarbeit notwendig, weshalb sich die Produktion zu europäischen Lohnkosten kaum noch bewerkstelligen lässt. Die Herstellung von Zementfliesen erfolgt hauptsächlich in Marokko, Tunesien oder Indien.

Nicht nur die Produktion der alten Bodenbeläge ist aufwendig. «Die Fliesen haben ein höheres Gewicht und drücken auf den Kleber, was dann zu Absackungen führen kann», erklärt Sven Jänsch, spezialisierter Fliesenverleger aus Berlin. «Man muss das Produkt sorgfältiger behandeln, sie verzeihen keine Fehler.»


Verfasser: dpa-infocom GmbH

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