Beim Heizen mit Fernwärme bleibt Kunden oft keine Wahl

24.12.2018
Wer mit Fernwärme sein Haus heizt, hat es bequem: Er muss nicht regelmäßig den Versorger wechseln oder sich mit dem Gedanken an einen Techniktausch herumschlagen. Aber er ist auch stärker gebunden und kann wenig selbst gestalten.
Kraftwerke versorgen über Fernwärmeleitungen Städte mit Energie. Foto: Jan Woitas
Kraftwerke versorgen über Fernwärmeleitungen Städte mit Energie. Foto: Jan Woitas

Frankfurt/Main (dpa/tmn) - Fernwärme ist eine Möglichkeit, vor allem Mehrfamilienhäuser und einzelne Wohngebiete mit Energie zu versorgen. Die Technologie ist nicht neu. Schon vor über 100 Jahren bekamen Hamburg und Dresden die ersten Netze. Heute ist die Heizart in jeder größeren Stadt im Angebot. Ein Überblick:

Was ist Fernwärme?

«Fernwärme entsteht zu rund 85 Prozent in hochmodernen Kraftwerken gewissermaßen als Zusatzprodukt bei der Stromerzeugung in Anlagen mit Kraft-Wärme-Kopplung», erklärt Werner Lutsch, Geschäftsführer des Energieeffizienzverbandes für Wärme, Kälte und KWK (AGFW) in Frankfurt. Das ist zum Beispiel bei der Verbrennung von konventionellen Brennstoffen wie Kohle, Gas, Öl oder Biomasse der Fall. Aber auch aus Solarthermie oder Geothermie entsteht Wärme, die in ein Fernwärmesystem eingespeist und dann an Industrie, Gewerbe und eben auch private Haushalte weitergeleitet wird. Der Vorteil für private Hausbesitzer: Sie bekommen ihre Wärme aus einem Anschluss, brauchen keinen Technikraum mit Heizkessel und anderem technischen Equipment.

Wie umweltfreundlich ist Fernwärme?

Fernwärme wird nicht immer in effektiven KWK-Anlagen erzeugt. Wenn sie zum Beispiel aus einfachen Heizwerken stammt, ist sie weniger effizient und umweltfreundlich. «Wie sauber und effektiv Fernwärme am Ende ist, hängt auch immer stark vom Brennstoff ab», sagt Stefan Materne vom Team Energieberatung beim Verbraucherzentrale Bundesverband. Und: Eine höhere Effizienz bei der Wärmeerzeugung kann durch erhöhte Verteilungsverluste wieder zunichte gemacht werden.

Kann jeder Fernwärme bekommen?

Dafür muss ein Leitungsnetz vorhanden sein. Je mehr Wohneinheiten in einem Gebiet angeschlossen sind, umso wirtschaftlicher lässt sich das Netz betreiben. «In manchen Gemeinden gibt es sogar einen Anschluss- und Benutzungszwang von Fernwärme», sagt Materne. «Damit ist der Kunde dauerhaft an den örtlichen Fernwärmeversorger gebunden und kann nicht zu einer anderen Heiztechnik wechseln. Das sollten Hauskäufer beachten und sich über die Fernwärmepreise vorab erkundigen.»

«Fernwärmeversorgungsgebiete werden in der Regel unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten festgelegt», erklärt Branchenexperte Lutsch. In Deutschland wird Fernwärme vor allem in größeren und mittleren Städten angeboten, auf dem Land weniger.

Wo liegen Nachteile für den Verbraucher?

Beim Anschluss- und Benutzungszwang von Fernwärme können dem Verbraucher erstmal hohe Kosten für die Infrastruktur entstehen, und er darf kein anderes Heizsystem einbauen. Außerdem: «Er ist selbst bei anfangs günstigen Vertragskonditionen möglichen Preiserhöhungen wahllos ausgeliefert, auch innerhalb der vereinbarten Vertragslaufzeit», sagt Verbraucherschützer Materne.

Wie teuer ist die Fernwärme?

«Aus Vollkostensicht ist Fernwärme das günstigste und sauberste Heizsystem, das aktuell auf dem Markt ist», sagt Branchensprecher Lutsch. Der AGFW legt die Vollkosten der verschiedenen Brennstoffheizungen zugrunde. Hier liege die Fernwärme auf dem Niveau der Pellet- und Gasheizung und hinter der ölbasierten Heizung, die zudem hohen Preisschwankungen ausgesetzt ist. «Das Preissystem aus Grund- und Arbeitsleistung sorgt dafür, dass die Preisentwicklung bei der Fernwärme wesentlich gedämpfter ausfällt, als es bei den reinen Brennstoffpreisen zu beobachten ist», so Lutsch.

Verbraucherschützer Materne sagt hingegen: «Nach dem Heizspiegel 2018 ist Fernwärme im bundesweiten Durchschnitt teurer als Gas oder Öl.» Aber er schränkt ein, dass das ein Durchschnittswert sei. «Sie kann auch günstiger oder viel teurer sein.» Er erklärt, dass die Preisgestaltung für Verbraucher wenig transparent ist. Zwar kalkuliere der Großteil der Entsorger fair. «Es gibt aber Ausreißer nach oben, dann wird die Wärmeversorgung für den Kunden sehr teuer.»

«Die Kriterien für die Veränderung der Preise unterliegen engen gesetzlichen Regelungen und sind in der Allgemeinen Versorgungsordnung (AVBFernwärmeV) abgebildet», erklärt Lutsch. «Sie sind in der Regel mit dem Kunden als Preisanpassungsklauseln vertraglich vereinbart. Über deren rechtmäßige Gestaltung wacht die Rechtsprechung mit strengem Blick.»


Verfasser: dpa-infocom GmbH

KEYWORDS

TEILEN


Das könnte Sie auch interessieren
Unauffällig im Hobbykeller: Die Warmwasser-Wärmepumpe nutzt zum größten Teil die Wärme aus der Umgebung als Energiequelle. Hier ein Beispiel von Dimplex. Foto: Initiative Wärme+/Dimplex/dpa-tmn Wo, wann und für wen sich eine Wärmepumpe lohnt Die Idee ist so naheliegend: In einigen Metern Tiefe ist der Boden immer warm. Und auch die Luft ist in Deutschland an den meisten Tagen recht warm. Warum nicht diese Energie anzapfen und die wohlige Wärme ins Haus leiten? Eine Wärmepumpe kann das.
Es muss nicht die Höchststufe der Heizung sein: Eine angenehme Raumtemperatur für Küche und Wohnzimmer ist 20 Grad. Foto: Christin Klose/dpa-tmn Spartipps für den Winter: So heizt man kostenbewusst Der Winter zehrt mehr an der Haushaltskasse als andere Jahreszeiten - das liegt an den Heizkosten. An steigenden Preisen und an dem Wetter lässt sich leider nichts ändern, wohl aber an den Zusatzkosten. Ein paar Tipps für günstiges Heizen.
Wer sein Haus künftig mit Scheitholz heizen möchte, findet auf Geräten im Handel ab April ein Label zur Orientierung. Foto: Hilke Segbers/dpa-tmn Neues Label für Heizungen - Was Käufer wissen müssen Wieder wird ein neues Energieeffizienzlabel zur Pflicht. Nach den Öl- und Gasheizungen müssen vom April an neue Geräte für feste Brennstoffe wie Holz damit gekennzeichnet werden. Was bringt das den Verbrauchern?
Eine Heizung muss man nicht besitzen, sie lässt sich auch mieten. Die Branche spricht in dem Fall vom Contracting. Foto: Andrea Warnecke Hauseigentümer können Heizungsanlage mieten statt kaufen Ist die alte Heizung kaputt, muss die nächste nicht unbedingt gleich gekauft werden. Für rund 100 Euro monatlich kann man auch eine Anlage mieten, werben Energieversorger und Heizungsbauer. Verbraucherschützer aber sehen vor allem Mieter im Nachteil.