Zahnfüllungen: Komposit und Co. verdrängen Amalgam

07.04.2021
Füllungen im Zahn müssen den Belastungen im Mund standhalten - und sie sollten idealerweise beim Lächeln nicht auffallen. Für ein Mehr an Ästhetik müssen Kassenpatienten aber oft draufzahlen.
Was kommt rein? Bei Zahnfüllungen geht es oft nicht nur um die Haltbarkeit, sondern auch um die Ästhetik. Foto: Christin Klose/dpa-tmn
Was kommt rein? Bei Zahnfüllungen geht es oft nicht nur um die Haltbarkeit, sondern auch um die Ästhetik. Foto: Christin Klose/dpa-tmn

Berlin (dpa/tmn) - Ein Loch im Zahn muss gefüllt werden. Doch was kommt herein, wenn der Bohrer oder Laser seine Arbeit getan hat? Hier hat sich in Vergangenheit viel getan. Der Klassiker der Zahnfüllungen ist jedenfalls auf dem absteigenden Ast, weil moderne Technologien auf dem Vormarsch sind.

Doch an welchen Stellen im Mund kommt welches Material zum Einsatz? Zwei Experten geben einen Überblick.

Bei Füllungen an Front- und Eckzähnen ist Kompositkunststoff das Standardfüllungsmaterial und wird von den Krankenkassen bezahlt. Im Seitenzahnbereich kommen auch verschiedene andere Füllungswerkstoffe in Frage, unter anderem Amalgam. In diesem Bereich ist es wichtig, dass die Materialien hohe Kräfte aushalten, da dort die Kau- und Mahlzähne, die sogenannten Molaren, liegen.

Glasionomerzemente als Übergangslösung

Eine Option als Provisorium sind Glasionomerzemente. «Das sind Materialien, die von ihren biologischen Eigenschaften und von der Fluorid-Abgabe sehr gut sind», erklärt Roland Frankenberger. Er ist Professor für Zahnerhaltung an der Philipps-Universität Marburg und am Universitätsklinikum Gießen und Marburg. Das Problem des Materials sind seine Mundbeständigkeit und Biegefestigkeit, die beide meist nicht gut genug seien, so Frankenberger.

Das heißt: Glasionomerzemente brechen leicht und werden bei den bleibenden Zähnen meist nur für provisorische Füllungen, etwa in der Schwangerschaft, oder zum Füllen von Milchzähnen verwendet.

Zudem gebe es noch spezielle Zemente und biokompatible Materialien wie Mineral Trioxid Aggregat (MTA) oder Biodentine, auf die man etwa zurückgreife, wenn die Zahnpulpa, also das Innere des Zahns, eröffnet wurde, ergänzt Frankenberger, der auch der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK) ist.

Ein Klassiker auf dem Rückzug

Der Klassiker Amalgam kommt bei den Zahnärztinnen und Zahnärzten hierzulande nur noch vergleichsweise selten zum Einsatz. «In vielen Praxen wird heute gar kein Amalgam mehr verwendet», sagt Joachim Hüttmann, Zahnarzt in Bad Segeberg (Schleswig-Holstein).

Hüttmann verwendet Amalgam noch. Weil es ein sehr guter und sehr haltbarer Füllungsstoff sei, erklärt der Experte vom Freien Verband Deutscher Zahnärzte.

Im Seitenzahnbereich ist Amalgam nach wie vor die Standardfüllung, bei der die Gesamtkosten von der Krankenkasse getragen werden. Für «ausgedehnte und schwer zugängliche Kariesdefekte» in diesem Bereich, wo großer Kaudruck herrsche, gilt es laut der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung (KZBV) weiterhin als Mittel der Wahl.

Fortschritte in der Kunststofftechnologie

In der Anwendung ist Amalgam aber stark rückläufig. Das liegt an Fortschritten in der Kunststofftechnologie, die längst auch Eingang in die Zahnarzt-Ausbildung gefunden hat, aber auch daran, dass viele Patientinnen und Patienten kein Amalgam mehr im Mund haben wollen.

Ein Grund ist das darin enthaltene umweltunverträgliche Quecksilber - wenngleich es keine wissenschaftliche Erkenntnisse gibt, wonach Amalgamfüllungen gesundheitliche Risiken bergen.

Dennoch erhalten nach Angaben des Krebsinformationsdienstes unter anderem Schwangere und Stillende, Kinder unter 15 Jahren und Personen mit neurologischen Erkrankungen wie Multipler Sklerose und Alzheimer keine Amalgamfüllungen mehr - «als reine Vorsichtsmaßnahme».

Gesetzlich Versicherte, die keine Zahnfüllungen aus Amalgam erhalten dürfen, haben Anspruch auf eine alternative plastische Füllung, bei der sie keine private Zuzahlung leisten müssen.

Auch aus ästhetischen Gründen lehnen viele Menschen Amalgam ab. Es ist gräulich-schwarz-silbern und schimmert oft gut sichtbar im Mund. Kunststoffe haben hier den Vorteil, dass sie an die individuelle Zahnfarbe angepasst werden können.

Eine Alternative zu Kompositfüllungen und anderen plastischen Füllungen, zu denen Amalgam zählt, sind indirekte Restaurationen wie Inlays oder Teilkronen. Dafür fallen zusätzliche Kosten an. So müssen Kassenpatienten die Kostendifferenz zur plastischen Füllung in der Regel selbst tragen.

© dpa-infocom, dpa:210406-99-101495/3

KZBV: Zahnfüllungen im Überblick

KZBV: Fragen und Antworten zu Amalgam-Füllungen

Krebsinformationsdienst zu Amalgam

KZBV: Einlagefüllungen (Inlays)


Verfasser: dpa-infocom GmbH

KEYWORDS

TEILEN


Das könnte Sie auch interessieren
Aufgrund des giftigen Quecksilbers stellen Amalgam-Füllungen ein Gesundheitsrisiko dar. Deswegen sollen Zahnärzte sie ab 2018 nicht mehr bei Kindern und Schwangeren verwenden. Foto: Patrick Pleul Loch im Zahn: Kein Amalgam mehr für Kinder und Schwangere Millionen Europäer haben Amalgam im Mund, denn es stopft Löcher in den Zähnen billig und verlässlich. Doch der Stoff enthält giftiges Quecksilber und ist manchem suspekt. Jetzt schreitet die EU ein.
Füllung für den Wurzelkanal: Nach der Behandlung muss der Zahn regelmäßig kontrolliert werden. Das geschieht in größeren zeitlichen Abständen über Röntgenaufnahmen. Foto: Christian Gernhardt Wann eine Wurzelbehandlung wirklich nötig ist Karies kann viel Unheil anrichten. Im schlimmsten Fall dringen Bakterien ins Innere des Zahns ein und schädigen den Nerv irreversibel. Um den Zahn zu erhalten, ist dann eine Wurzelbehandlung unumgänglich.
Sind Kariesbehandlungen bald überflüssig? Durch die Stimulierung von Stammzellen schließen sich Karies-Löcher von selbst, fanden Forscher aus den USA und Japan heraus. Foto: Patrick Pleul Karies-Löcher schließen sich wieder Amalgam kann gesundheitsschädlich sein, Kunststoff-Füllungen sind oft weniger haltbar: Das perfekte Material für Löcher im Zahn gibt es nicht. Forscher tüfteln an einem ganz anderen Weg: der Selbstheilung beschädigter Zähne.
Gefürchteter Eingriff: Die Wurzelbehandlung hat einen sehr schlechten Ruf - einen richtigen Grund dafür gibt es aber eigentlich nicht. Foto: Markus Scholz/dpa-tmn Die Wurzelbehandlung kann Zähne retten Beliebt wie eine Wurzelbehandlung: Was eigentlich die Zähne retten soll, hat einen schon sprichwörtlich miesen Ruf. Ist das berechtigt - oder übertrieben?