Wie werde ich...? Synchronsprecherin/Synchronsprecher

12.09.2016
Keiner kennt ihre Gesichter, aber viele haben schon ihre Stimmen gehört. Synchronsprecher leihen Schauspielern ihre Stimmbänder. Dabei wird der Begriff Synchronsprecher ihrer Arbeit eigentlich nicht gerecht: Was sie hinter dem Mikrofon machen, ist schauspielern.
Als Synchronsprecher muss Nicolas Böll sich in kurzer Zeit in ganz unterschiedliche Emotionen eindenken. Gar nicht so leicht, schließlich steht er allein im Aufnahmeraum. Foto: Klaus-Dietmar Gabbert
Als Synchronsprecher muss Nicolas Böll sich in kurzer Zeit in ganz unterschiedliche Emotionen eindenken. Gar nicht so leicht, schließlich steht er allein im Aufnahmeraum. Foto: Klaus-Dietmar Gabbert

Berlin (dpa/tmn) – Viele Filmfans kennen seine Stimme: Nicolas Böll ist Synchronsprecher und hat zum Beispiel Ben Affleck in der deutschen Fassung des Hollywood-Films «Good Will Hunting» gesprochen. Und Joaquin Phoenix als bösen Imperator im Blockbuster «Gladiator».

Den Begriff des Synchronsprechers lehnt Böll aber ab. Er und seine Kollegen seien Schauspieler, stellt er klar. Die Arbeit ist sehr anspruchsvoll: «Es ist wie Theater auf einem Quadratmeter.» Auf kleinem Raum muss Böll vor einem Mikrofon Emotionen aus sich herausholen. Vor ihm laufen die Filmszenen auf einem Bildschirm. Neben der richtigen Tonlage und der passenden Emotion schaut Böll: Wie muss er sein Sprechen anpassen, um synchron zu den Lippen zu sein? Wann redet der Schauspieler im Film langsamer, wann atmet er?

Dazu kommt der Zeitfaktor. Synchronsprecher arbeiten mit sogenannten Takes. Das sind einzelne Szenen, die meist nur aus einem bis zwei Sätzen oder gar Atemgeräuschen bestehen. «Die Zeit pro Take ist oft knapp», sagt Böll. Er selbst lehnt Rollenangebote ab, bei denen er mehr als 25 Takes pro Stunde sprechen soll.

Synchronsprecher ist kein eigener Beruf mit entsprechender Ausbildung. Die meisten Sprecher seien gelernte Schauspieler, sagt Birgit Hartig. Sie leitet in Berlin die Agentur Stimmgerecht. Die Agentur vermittelt Sprecher in alle Bereiche, von Hörbüchern über Werbespots und Dokumentationen bis hin zu TV-Serien und Spielfilmen.

Es gebe auch Quereinsteiger aus anderen künstlerischen Bereichen, sagt Hartig. Oft kommen diese aus der Musik und haben schon mit ihrer Stimme gearbeitet. Eine andere Gruppe seien die «Synchron-Kinder». Sie sprechen im Alter von fünf bis sieben Jahren ihre ersten Rollen für Kinderserien ein und wachsen in das Geschäft hinein. Um einzusteigen, sei die gängigste Methode aber folgende: eine Schauspielschule besuchen, dann Theater spielen und Synchronerfahrungen machen.

Wenn man mit Leitern von Schauspielschulen spricht, sagen diese immer wieder, dass Schauspieler sich mehrere Standbeine suchen sollten. Sie müssen breit aufgestellt sein, erklärt zum Beispiel Norbert Ghafouri, der die Filmschauspielschule Berlin leitet. Über Deutschland verteilt, gibt es ein gutes Dutzend staatliche und eine Vielzahl an privaten Schauspielschulen.

Auch Nicolas Böll hat eine Schauspielschule besucht, in Theaterstücken und Musicals mitgespielt. Irgendwann hat er auch synchronisiert. Er erzählt, dass unter Schauspielern das Synchronisieren oft keinen guten Ruf hat. Dabei sei es eine Herausforderung, einem Kollegen seine Stimme zu leihen.

Allein vom Synchronsprechen können nur wenige leben. Hartig schätzt, dass vielleicht jeder Fünfte nur mit Synchronsprechen sein Einkommen bestreiten kann. Die Bezahlung von Synchronsprechern besteht aus zwei Elementen. Sie erhalten jeden Tag ein Antrittsgeld. Das liegt oft bei 50 bis 60 Euro. Dann bekommen sie noch Geld pro Take. Das sind in der Regel drei Euro als Minimum – nach oben sind die Grenzen offen.

Auch die Arbeitszeiten sind unstet: Meist ist Flexibilität gefragt. Die Disponenten der Studios planen oft kurzfristig. «Meist wissen Synchronsprecher erst abends, wann sie am nächsten Tag arbeiten müssen», erklärt Hartig und ergänzt: «Sie müssen eigentlich rund um die Uhr sprechen können.»

Synchron-Kartei - Nicolas Böll


Verfasser: dpa-infocom GmbH

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