Weniger Scheidungen in Deutschland: Ein Corona-Effekt?

11.08.2021
In Deutschland gibt es wieder weniger Scheidungen. Zudem kommt das Ehe-Aus im Schnitt später. Aussagen über einen Corona-Effekt können die Statistiker noch nicht machen. Aber was sagen Paartherapeuten?
2020 ließen sich in Deutschland weniger Paare scheiden. Foto: Martin Gerten/dpa
2020 ließen sich in Deutschland weniger Paare scheiden. Foto: Martin Gerten/dpa

Wiesbaden (dpa) - In Deutschland lassen sich wieder etwas weniger Menschen scheiden. So wurden im vergangenen Jahr rund 143.800 Paare richterlich getrennt.

Damit sank die Zahl im Vergleich zum Vorjahr um knapp 5200 oder 3,5 Prozent, wie das Statistische Bundesamt in Wiesbaden mitteilte. Abgesehen von einer leichten Zunahme 2019 ist die Anzahl der Ehescheidungen seit 2012 stetig gesunken.

Viele Paare überstanden das Corona-Jahr nicht

Konkrete Angaben über einen Corona-Effekt können die Statistiker für das Jahr 2020 noch nicht machen: «Das wird sich vermutlich erst in den nächsten Jahren zeigen, da einer Scheidung in der Regel eine Trennungszeit von mindestens einem Jahr vorausgeht», hieß es.

Nachfrage bei der Familienanwältin Alicia von Rosenberg aus Berlin, die - wie sie sagt - während der Pandemie mehr Anfragen bekommen hat: «Ich habe auch mehr Verfahren eingeleitet, die sind aber noch nicht alle abgeschlossen», erklärt sie. So könne es etwa nach wie vor coronabedingte Verzögerungen bei den Gerichten geben. Manch ein Paar habe sich in der Pandemie vielleicht auch übereilt zu einer Scheidung entschlossen und merke nun, dass es sich gar nicht trennen wolle. «Dafür gibt es ja auch das Trennungsjahr», so die Juristin.

Auch Paartherapeut Bernd Böttger verzeichnete in der Corona-Zeit eine höhere Nachfrage. «Einige Paare konnten das erzwungene Zusammensein mit Lockdown, Home-Office und Home-Schooling nicht aushalten, da ist eine toxische Nähe entstanden.» Andererseits habe es Paare gegeben, die schon vor der Pandemie zu ihm gekommen seien und dann durch Corona eine neue Nähe entwickelt hätten. «Sie haben von der Ausnahmesituation profitiert», sagt Böttger, der seit über 20 Jahren das Institut für Paartherapie in Frankfurt leitet.

Auch zunehmend ältere Paare lassen sich beraten

Auffällig ist, dass das Ehe-Aus heute später kommt als noch vor 25 Jahren. Laut Statistik waren die im vergangenen Jahr geschiedenen Paare im Schnitt 14 Jahre und 8 Monate verheiratet. Rund 17 Prozent hatten zuvor bereits die Silberhochzeit hinter sich gebracht. 1995 wurden die Ehen bereits nach etwa 12 Jahren geschieden. Nur etwa jedes zehnte Paar war bereits 25 Jahre oder länger verheiratet.

«Die Lebenszeit hat sich nach hinten verlängert», sagt der Bielefelder Paartherapeut Detlef Vetter. Somit stelle sich die Frage: Will ich mit meinem Partner oder meiner Partnerin auch noch 20 Jahre nach der Rente zusammenleben? Seine Praxis würden auch zunehmend ältere Menschen aufsuchen. Sein Kollege Böttger ergänzt: Heutzutage hätten mehr Paare den Mut, sich später trennen. Früher seien viele auch aus wirtschaftlichen Gründen zusammengeblieben.

Der Statistik zufolge endet in vielen Fällen nicht nur die Ehe, sondern es werden auch Familien entzweit: Etwa die Hälfte der Paare hatte noch nicht erwachsende Kinder. Insgesamt waren etwa 119.000 Minderjährige betroffen.

Mehr Menschen gehen zur Paartherapie

Unter den geschiedenen Ehen gab es 2020 auch etwa 900 gleichgeschlechtliche Paare. Ein Jahr zuvor waren es nur 100 gewesen. Die «Ehe für alle» war im Herbst 2017 eingeführt worden.

Dass die Zahl der Scheidungen seit Jahren - mit kleiner Ausnahme - stetig zurückgeht, ist für Therapeut Böttger «erstmal eine gute Nachricht». Diese Entwicklung hänge auch damit zusammen, dass sich immer mehr Paare professionelle Hilfe suchten. «Die Paartherapie ist hoffähig geworden.»

Das Bundesamt hatte zuvor bereits Daten zu den Hochzeiten im Corona-Jahr veröffentlicht. Demnach ließen sich rund 373 000 Paare (minus zehn Prozent) standesamtlich trauen. Diese Zahl könne nicht direkt in Relation zu den Scheidungen im Jahr 2020 gesetzt werden, so die Statistiker. Die Scheidungsziffer der vergangenen Jahre habe aber gezeigt, dass etwa jede dritte Ehe geschieden werde.

© dpa-infocom, dpa:210811-99-806913/3

Mitteilung Destatis

Kanzlei von Rosenberg

Institut für Paartherapie Frankfurt

Paartherapeut Detlef Vetter


Verfasser: dpa-infocom GmbH

KEYWORDS

TEILEN


Das könnte Sie auch interessieren
Wenn der Urlaub Paaren in der Krise nicht die erhoffte Versöhnung bringt, könnte eine halbe Million Beziehungen nach den Sommerferien das Aus drohen. Foto: Franz-Peter Tschauner/dpa Mehr Scheidungen: Kommt bald die Corona-Trennungswelle? Das endgültige Ehe-Aus kommt laut Statistik im Schnitt immer später. Ein Psychologe sieht mehr Eigenständigkeit als Grund für stabilere Beziehungen. Sorgen bereiten ihm die Folgen der Corona-Pandemie.
Nach dem ersten Corona-Jahr ist die Anzahl der Geburten in Deutschland von Januar bis Mai 2021 nur leicht angewachsen. Foto: Fabian Strauch/dpa Kein Baby-Boom in der Corona-Pandemie Ein Baby - oder angesichts der Unwägbarkeiten doch lieber nicht? In der Corona-Pandemie dürfte eine solche Entscheidung nicht immer leicht sein. Manche Eltern haben sich Experten zufolge bewusst dafür entschieden, für andere war die Ungewissheit zu groß.
In den ersten sechs Monaten 2020 wurden deutlich weniger Ehen geschlossen als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Wegen der Corona-Pandemie sind große Feiern nur unter Auflagen möglich. Foto: Rolf Vennenbernd/dpa Weniger Trauungen: Verdirbt Corona die Lust am Heiraten? Monatelange Planung für den schönsten Tag im Leben, dann kam das Corona-Virus. Vielen Paaren ist angesichts der strengen Auflagen die Freude am Heiraten vergangen - zunächst. Denn Standesbeamte rechnen damit, dass viele Termine nachgeholt werden.
Laut Statistischem Bundesamt ließen sich 2017 weniger Ehepaare scheiden als in den 25 Jahren zuvor. Foto: Patrick Pleul Scheidungen auf niedrigstem Stand seit 25 Jahren Egal, ob der Entschluss zum Heiraten eher spontan oder nach reiflicher Überlegung gefallen ist - rund jede dritte Ehe in Deutschland scheitert. Im vergangenen Jahr gab es allerdings einen deutlichen Rückgang beim Ehe-Aus.