Was tun, wenn Kinder lispeln?

26.06.2019
Eine Zahnlücke, eine Hörstörung oder simple Müdigkeit: Lispeln hat bei Kindern viele mögliche Ursachen - und verschwindet oft von ganz alleine. Und selbst wenn nicht, ist das falsche «S» oft gut therapierbar. Zum Beispiel mit einem Handspiegel.
Ursachenforschung: Bei Kleinkindern ist Lispeln noch kein Grund zur Sorge. Verschwindet der Sprachfehler nicht von alleine wieder, sollte sich aber ein Arzt den Fall anschauen. Foto: Sigrid Gombert
Ursachenforschung: Bei Kleinkindern ist Lispeln noch kein Grund zur Sorge. Verschwindet der Sprachfehler nicht von alleine wieder, sollte sich aber ein Arzt den Fall anschauen. Foto: Sigrid Gombert

Bad Rappenau (dpa/tmn) - Wenn kleine Kinder lispeln, finden das viele Erwachsene erst einmal niedlich. Und tatsächlich ist das falsch artikulierte «S» zunächst kein Grund zur Sorge.

«In den ersten drei bis vier Lebensjahren tun sich viele Kinder schwer damit, die S-, Sch- und Z-Laute richtig zu bilden», sagt Prof. Annerose Keilmann, Chefärztin am Stimmheilzentrum in Bad Rappenau.

Oft hört das Lispeln mit zunehmendem Alter von alleine auf, sagt die Expertin. Artikulieren Mädchen oder Jungen die S-, Sch- und Z-Laute mit fünf Jahren immer noch fehlerhaft, sollten Eltern mit ihnen aber zum Kinderarzt gehen.

Verschiedene Unterformen

In der Fachsprache heißt Lispeln Sigmatismus - abgeleitet vom griechischen Buchstaben Sigma. «Es gibt verschiedene Unterformen», erläutert Sonja Utikal vom Deutschen Bundesverband für Logopädie. Und auch die Ursachen sind vielfältig. «Beispielsweise können Zahnlücken oder -fehlstellungen bei Kindern dazu führen, dass sie lispeln», sagt Armin Mechkat. Der Hamburger Facharzt für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde ist auf Stimm- und Sprachstörungen spezialisiert. Sobald der Zahn nachgewachsen oder die Fehlstellung korrigiert ist, hört oft das Lispeln in solchen Fällen meistens auf.

Ein weiterer möglicher Grund sind Hörstörungen. Diese können so weit gehen, dass ein Kind Laute falsch bildet. «Auch Schäden oder Fehlbildungen an Zunge oder Gaumen können das korrekte Artikulieren von S-Lauten erschweren oder unmöglich machen», sagt Keilmann. Gleiches gilt für eine gestörte Mundmotorik, die sich etwa in einem falschen Schlucken äußert.

Das Lispeln kann auch auf einer auditiven Wahrnehmungsstörung basieren: Dabei ist das Kind unter anderem nicht in der Lage, wichtige und unwichtige oder ähnliche Geräusche voneinander zu unterscheiden. Es kommt aber auch darauf an, wie andere in der Familie sprechen - denn Kinder lernen durch Nachahmen. «Wenn Eltern oder Geschwister lispeln, besteht das Risiko, dass Kinder dies imitieren», so Keilmann. Und mitunter lispeln Kinder sogar einfach, wenn sie müde sind.

Eltern als Sprechvorbild

Was also tun bei einem lispelnden Kind? Keinesfalls sollten Eltern ständig sagen: «Jetzt sprich doch mal ordentlich das Wort Glas oder Vase aus.» Denn so besteht die Gefahr, dass ein Kind eingeschüchtert wird und nur noch wenig spricht, warnt Mechkat.

Besser ist es, wenn Eltern ein gutes Sprechvorbild für Kinder sind. Sagt das Kind etwa lispelnd «Ich möchte bitte Sahne», dann sollten Eltern mit den Worten reagieren: «Ah, Du möchtest Sahne haben» - wobei sie den S-Laut dann korrekt artikulieren.

Ärztliche Untersuchung

Lispelt das Kind trotz guter Sprechvorbilder etwa ein Jahr vor der Einschulung immer noch, kann eine ärztliche Untersuchung bei der Suche nach Gründen helfen. Je nach Befund verordnet der Arzt oft eine Therapie bei einem Logopäden.

Er kann etwa die Selbstwahrnehmung des Kindes schulen, damit es die falsch gebildeten Laute erkennt. Gemeinsam üben Therapeut und Patient die richtige Lage der Zunge und die korrekte Artikulation von Lauten. Rutscht die Zunge zwischen den Zahnreihen heraus, kann es helfen, wenn sich das Kind beim Sprechen selbst beobachtet - mit einem Handspiegel vor dem Gesicht etwa.

Wie lange eine Therapie dauert, ist ebenfalls ganz unterschiedlich. «Ich habe schon rasante Erfolge in 5 Stunden erlebt, aber auch sehr hartnäckige Sigmatismen, die auch nach 40 Stunden nicht überwunden waren», so Utikal. Die Kosten der Therapie zahlt die gesetzliche Krankenversicherung.


Verfasser: dpa-infocom GmbH

KEYWORDS

TEILEN


Das könnte Sie auch interessieren
Spielerisch sprechen: Bei hartnäckigen Sprachstörungen kann für Kinder der Besuch beim Logopäden sinnvoll sein. Foto: Jan Tepass/dbl e.V. - Dt. Bundesverband f. Logopädie Wie Logopäden dem Sprechen auf die Sprünge helfen Nach dem Babybrabbeln kommt das erste Wort, dann folgen die ersten Sätze. Eltern müssen Kindern das Sprechen nicht beibringen - sie können aber auf einiges achten, damit es von alleine klappt. Gibt es dabei Probleme, hilft vielleicht die Logopädie.
Ob ein Baby richtig hört, können Eltern im Schlaf überprüfen. Einen Test beim Arzt ersetzt das nicht - es kann aber einen ersten Anhaltspunkt geben. Foto: Andrea Warnecke Wie Eltern das Gehör ihres Babys testen Das menschliche Gehör wird mit Geräuschen trainiert. Deswegen ist es wichtig, dass Babys gut hören können. Ist das nicht der Fall, hat das auch Folgen für das Sprachverständnis. Wie Eltern herausfinden, ob das Gehör ihres Babys richtig funktioniert.
Selektiv mutistische Kinder haben in manchen Situationen Schwierigkeiten zu sprechen. Foto: Westend61 Wenn Kinder zeitweise nicht sprechen können Kinder sind Originale. Es gibt die vorlauten oder die eher schüchternen Exemplare. Wenn aber Kinder in bestimmten Situationen keinen Ton herauskriegen, kann eine Störung vorliegen. Mit Hilfe einer Therapie lernen diese Kinder, die Blockade zu überwinden.
Hörgeräte ermöglichen auch bei beginnendem Hörverlust, uneingeschränkt am Leben teilnehmen zu können. Unbehandelt steigt bei Menschen mit Hörstörungen das Risiko, an Demenz zu erkranken. Foto: Arne Dedert dpa Bei beginnendem Hörverlust schnell untersuchen lassen Zuerst werden die hohen Töne nicht mehr wahrgenommen. Das kann dazu führen, dass sich Menschen in Gesellschaft nicht mehr wohl und überfordert fühlen. Bei einer nachlassendem Hörfähigkeit sollte deshalb umgehend ein Arzt aufgesucht werden.