Was Trauer mit dem Körper macht

01.10.2021
Wenn ein geliebter Mensch stirbt, wirbelt das für Hinterbliebene nicht nur die Gefühle durcheinander. Auch der Körper spielt mitunter verrückt. Was steckt dahinter - und was hilft?
Trauer findet nicht nur in Gedanken statt - auch der Körper leidet. Foto: Christin Klose/dpa-tmn
Trauer findet nicht nur in Gedanken statt - auch der Körper leidet. Foto: Christin Klose/dpa-tmn

Frankfurt/Main (dpa/tmn) - Wer einen geliebten Menschen verliert, für den stellt sich alles auf den Kopf. Und auch der Körper funktioniert in einer Trauerphase manchmal nicht mehr wie gewohnt.

Etwa, wenn sich der Brustkorb gefühlt so eng zusammenschnürt, dass tiefe Atemzüge kaum möglich sind. Oder wenn beim Kämmen deutlich mehr Haare in der Bürste hängen bleiben als vorher. «Im Verlustfall hängt alles zusammen. Körper und Geist sind kaum zu trennen», sagt Heidi Müller, Wissenschaftlerin im Bereich der Trauerforschung.

«Jeder Mensch trauert anders», sagt Susanne Haller, Leiterin der Elisabeth-Kübler-Ross-Akademie am Hospiz Stuttgart. Dementsprechend vielfältig seien körperliche Reaktionen auf einen einschneidenden Verlust. Ob Migräne, Schwindel, Enge in der Brust, Herzrasen, Rückenschmerzen oder Durchfall: Die Bandbreite ist groß.

Viele Trauerende gehen gebeugter

Einige Symptome sind für Außenstehende unsichtbar, andere fallen direkt ins Auge. Zum Beispiel die Körperhaltung: «Viele Trauernde gehen nicht mehr so aufrecht, der Kopf hängt ein wenig, sie bewegen sich langsamer», beschreibt Annette Wagner. Sie ist Vorstandsmitglied des Bundesverbandes Trauerbegleitung (BVT) und unter anderem auch als Klinikseelsorgerin tätig.

In ihrer Arbeit mit trauernden Menschen fällt ihr immer wieder auf, dass diese - selbst an warmen Tagen - gehörig frösteln. Ein heißer Tee und eine kuschelige Decke sind dann nicht nur für die Seele wichtig, sondern auch für den Körper.

Über Nacht ergraut?

Oft wird erzählt, dass das Haar mit der Trauer im Zeitraffer grau werden kann. So wird etwa dem Philosophen Karl Marx nachgesagt, nach dem Tod seines achtjährigen Sohnes über Nacht ergraut zu sein. Allzu häufig kommt dieses Phänomen jedoch nicht vor. Annette Wagner hat es nach eigenen Worten in 20 Jahren Trauerbegleitung nur einmal erlebt, bei einer Witwe: «Ihre Haare sind binnen drei Tagen schlohweiß geworden», erzählt sie.

Selbst wenn die Haare nicht ergrauen, wirken viele Trauernde für Außenstehende dennoch wie gealtert. «Die Mundwinkel fallen, die Haut ist aschig, unter den Augen sind dunkle Ringe - so sieht ein trauriger Mensch aus», sagt Wagner.

Das habe auch mit den Lebensumständen in der Trauerphase zu tun, erläutert die Expertin: Nach einem Verlust rattert der Kopf oft so sehr, dass Trauernde schlecht in den Schlaf finden. Dazu kommt häufig eine Appetitlosigkeit, gegen die selbst das leckerste Stück Schokoladentorte machtlos ist. Wenn dann auch die Bewegung im Alltag zu kurz kommt, fehlt dem Körper eine gute Durchblutung - all das sieht man einem trauernden Menschen manchmal an.

Warum der Körper verrücktspielen kann

Die Ursachen für die teils heftigen Reaktionen des Organismus bei Trauerfällen sind nicht vollends ergründet: «Die dahinterliegenden Mechanismen kennen wir nicht genau», sagt Trauerforscherin Heidi Müller. Klar ist aber, dass der Verlust eines geliebten Menschen enormen Stress bedeuten kann. Es gibt Erklärungsansätze aus der Biologie, die die Veränderungen im Hormonhaushalt des Körpers in den Blick nehmen. Bis ins Detail ist jedoch nicht erklärt, was im Zusammenhang mit Trauer alles im Körper passiert.

Belegt ist, dass der Todesfall eines geliebten Menschen das Risiko für bestimmte Herz-Kreislauferkrankungen zeitweise erhöhen kann: Eine Studie der Universität Sydney aus dem Jahr 2010 zeigte, dass der Herzschlag von Personen, die zwei Wochen zuvor einen geliebten Menschen verloren hatten, im Durchschnitt höher ausfiel, womit ein erhöhtes Risiko für einen Herzinfarkt verbunden ist. Sechs Monate nach dem Verlust hatte die durchschnittliche Herzfrequenz der untersuchten Gruppe wieder den Normalzustand erreicht.

Auch das Broken-Heart-Syndrom lässt sich mit Trauer in Verbindung bringen: Dabei handelt es sich um eine Erkrankung des Herzmuskels, die mit Beschwerden einhergeht, die einem Herzinfarkt ähneln.

Im Zweifel zum Arzt - und sich keinen Druck machen

Vor diesem Hintergrund sei es wichtig, sagt Susanne Haller vom Hospiz Stuttgart, dass Trauernde körperliche Beschwerden nicht einfach mit Aussagen wie «Das ist eben die Trauer» abtun, sondern sich nicht scheuen, damit zum Arzt oder zur Ärztin zu gehen.

Halten die körperlichen Beschwerden eine Weile lang an, schleicht sich rasch ein quälender Gedanke ein: «Mache ich etwas falsch?» Viele Trauernde verspüren Druck, am Arbeitsplatz und abseits davon schnell wieder volle Leistung erbringen zu müssen.

Wenn Körper und Psyche das nicht mitmachen, sorgt das für Frust. Trauerforscherin Heidi Müller nimmt dabei auch die Anforderungen der Gesellschaft kritisch in den Blick: «Früher kam die Welt nach einem Todesfall für einen Menschen zum Stillstand. Heutzutage - in einer dynamischen Zeit mit einem hohen Tempo - ist das nicht mehr so.»

Trauern kostet Energie

Auch wenn es nicht immer leicht ist, sich den gesellschaftlichen Erwartungen zu entziehen: Laut Müller ist es wichtig, dass sich Trauernde Pausen erlauben und Zeit für Dinge nehmen, die ihnen guttun. Trauer kostet den Körper viel Energie.

«Aber: Sie ist ein ganz natürlicher Ausdruck. Trauer ist nicht das Problem, sondern die Lösung», sagt Trauerbegleiterin Annette Wagner. Können Trauernde anerkennen, dass an ihren (körperlichen) Reaktionen auf den Verlust nichts falsch ist, kann das für Erleichterung sorgen.

Allgemein kann es Trauernden helfen, einen liebevollen Umgang mit dem eigenen Körper zu pflegen und sich mit kleinen Übungen regelmäßig ins Hier und Jetzt zu holen.

Susanne Haller hat einige Ideen, wie das gelingen kann. «Wenn man nicht gerade von Atemnot betroffen ist, können Atemübungen hilfreich sein», rät sie. Auch sich bewusst hinzustellen und den stabilen Boden unter den Füßen zu spüren, kann für Zentrierung sorgen.

Wie immer gilt: Was genau einem guttut, sagt dabei nur einer an - der eigene Körper.

© dpa-infocom, dpa:210930-99-426768/2

BBC-Bericht zur Studie der Uni Sydney von 2010 (engl.)

Uniklinikum Freiburg zum Broken-Heart-Syndrom


Verfasser: dpa-infocom GmbH

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