Was Angehörige bei Gedanken an Suizid tun können

10.09.2019
Das Thema Suizid ist heikel und wichtig zugleich. Der Kontakt zu eventuell gefährdeten Menschen kann für Angehörige zwar schwierig sein - doch wer Anzeichen früh genug bemerkt, kann manchmal helfen.
Viele Menschen, die an Suizid denken, geben indirekte Hinweise - etwa indem sie ihre Hoffnungslosigkeit zum Ausdruck bringen. Foto: Victoria Bonn-Meuser
Viele Menschen, die an Suizid denken, geben indirekte Hinweise - etwa indem sie ihre Hoffnungslosigkeit zum Ausdruck bringen. Foto: Victoria Bonn-Meuser

Frankfurt/Main (dpa/tmn) - Wie kann man Menschen helfen, die nicht mehr leben wollen? Die Psychiaterin Christiane Schlang forscht zum Thema Suizidprävention und sagt: «Im Vordergrund steht häufig nicht der Wunsch zu sterben, sondern die Vorstellung, so wie bisher nicht weiterleben zu können.»

Und mehr als 90 Prozent der Suizide geschehen vor dem Hintergrund von Erkrankungen, die behandelt werden können. Gerade bei Menschen mit psychischen Vorerkrankungen sei der Weg in den Suizid keine rationale Entscheidung, sondern ein Symptom der Erkrankung. Hilfe sei daher möglich, sagte die Expertin im Vorfeld des Welttags der Suizidprävention am 10. September in einem dpa-Themendienst-Gespräch.

Anzeichen erkennen

Bei vielen Menschen, die sich über einen möglichen Suizid Gedanken machen, gibt es Anzeichen dafür. Zwar kündigten die wenigsten offen ihre Absichten an, erklärte Schlang. Viele geben aber indirekte Hinweise und äußern zum Beispiel Gefühle von Hoffnungslosigkeit: «Es hat ja alles keinen Sinn mehr.» Hier könne es hilfreich sein, sensibel auf solche Äußerungen zu reagieren.

Allerdings könne niemand eine Suizidhandlung genau vorhersehen. Manche Betroffene handelten aus einem Impuls heraus oder zeigten nach außen hin überhaupt keine Anzeichen. Und wer fest zum Suizid entschlossen ist, wirke oft ruhiger und weniger verzweifelt. Mitmenschen könnten dann zu dem trügerischen Schluss kommen, es «gehe wieder aufwärts».

Fragen schadet nicht

Wichtig sei es, Anzeichen oder Andeutungen ernstzunehmen und das Gespräch zu suchen. Manche Angehörige scheuen das - weil sie vermuten, dass die Frage nach dem Gefühlszustand die Betroffenen in ihren Suizidabsichten noch bestärkt. Das sei aber nicht der Fall, sagte Schlang: «Im Gegenteil, viele Betroffene verspüren ein Gefühl der Erleichterung, wenn sie über ihre Gedanken und Gefühle sprechen können. Sie wissen dann, dass sie nicht allein sind.»

«Man sollte aufmerksam zuhören: fragen statt sagen», rät Schlang. Sinnvoll sei, dabei die Formulierungen des Betroffenen aufzugreifen und beispielsweise zu sagen: «Du hast geäußert, dass du keinen Ausweg mehr siehst, das macht mir Sorgen.»

Zeit gewinnen

«Nicht hilfreich ist es, der Person Vorwürfe zu machen oder zu versuchen, jemandem die Pläne mit pauschalisierenden Aussagen ausreden zu wollen. Angehörige sollten vielmehr versuchen, die Gefühlswelt ihres Gegenübers nachzuvollziehen», rät die Expertin.

Empfehlenswert sei es auch, Betroffene zu fragen, wie akut sie ihren Handlungsdruck empfinden. Mit Fragen wie «Kannst Du Dir noch ein bisschen Zeit geben, um einen anderen Ausweg aus der Krise zu finden?» könnten Angehörige außerdem signalisieren, dass sie der Überzeugung sind, dass es eine andere Lösung als die Selbsttötung gibt und Betroffene dadurch bewegen, ihre Absichten zu überdenken und sich Unterstützung zu holen.

Hilfe finden

Angehörige sollten die Betroffenen außerdem motivieren, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. «Es ist wichtig, die eigenen Kapazitäten zu kennen», sagte Schlang. Allerdings sei es oft eine große Herausforderung, Suizidgefährdete davon zu überzeugen, dass sie solche Hilfe brauchen.

Es gibt ein breites Angebot an Behandlungsangeboten, das von ambulanten Angeboten und anonymer Beratung per Telefon oder online bis hin zu stationären Therapien reicht. «Wer sich Hilfe sucht, hat noch nicht aufgegeben», sagte Schlang.

Zur Person: Christiane Schlang ist Fachärztin für Psychatrie und Psychotherapie an der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie, Klinikum der J.W.Goethe-Universität in Frankfurt/Main.


Verfasser: dpa-infocom GmbH

KEYWORDS

TEILEN


Das könnte Sie auch interessieren
Diplompsychologin Gabriele Bringer ist Leiterin des Stresszentrums Berlin. Sie befasst sich mit Themen wie Stressbewältigung oder Traumatherapie. Foto: Gabriele Bringer Angst im Alltag: Scheuklappen sind keine Lösung Die Nachrichten über Terroranschläge reißen nicht ab. Das macht vielen Angst. Wer im Alltag ständig Horrorszenarien durchspielt, macht sich auf Dauer aber verrückt. Wie also umgehen mit dem Gefühl der Bedrohung?
Kinder brauchen Zeit für sich. Foto: Axel Heimken Kids unter Druck: Belastung für Kinder steigt Jedes vierte Kind mit einer psychischen Störung: Die Zahlen der neuen Studie klingen alarmierend. Klar ist: Die Belastung in der Schule steigt. Aber Probleme der Kinder werden auch ernster genommen als früher.
Laptop statt Praxis: Online-Therapien haben den Vorteil, dass man dann an sich arbeiten kann, wenn man Zeit hat. Aber Vorsicht: Nicht alles, was als «Therapie» bezeichnet wird, ist auch eine. Foto: Westend61/Rainer Berg Therapie aus dem Netz: Vor- und Nachteile Die Wartezeiten für Psychotherapien sind lang, die Wege zu einem geeigneten Therapeuten oft weit. Online-Therapien könnten Abhilfe schaffen. Doch lässt sich eine psychische Störung am Computermonitor heilen?
Eine Frau vom Seniorensportverein Krostitz tanzt. Foto: Jan Woitas «75 ist das neue 65» - Was uns im Alter jung hält Zwei Jahre mehr Lebenszeit binnen zehn Jahren. Wie ist das möglich? Was können wir selbst beeinflussen? Und geht das immer so weiter?